Börse am Morgen Es bleibt eine Zitterpartie
Frankfurt am Main - Der Dax kletterte im frühen Handel um 1,7 Prozent auf 3691 Punkte, doch nach 20 Handelsminuten war das Plus bereits wieder auf 0,2 Prozent geschrumpft. Anleger nehmen erzielte Gewinne sofort wieder mit. Gestern Nachmittag war der Index auf ein Intraday-Tief von 3265 Punkten gefallen: Damit hat der Index innerhalb eines Tages um mehr als fünfzehn Prozent geschwankt. "Das ist ein heißes Pflaster", sagte ein Händler am Morgen in Frankfurt. Der Nemax 50 legte zum Auftakt um 3,5 Prozent auf 548 Zähler zu.
Erholung auf dünnem Eis
Der Deutsche Aktienindex reagierte damit nur für wenige Minuten auf den größten Tagesgewinn an der Wall Street seit 1987. Im späten Handel hatte der US-Standardwerteindex sein Plus von 2,9 auf 6,4 Prozent ausgebaut. Zu den Gewinnern im Dax zählten am Morgen Technologiewerte und die Deutsche Telekom , die von dem Quam-Ausstieg profitiert. Auch die geprügelten Versicherungswerte Münchener Rück und die Allianz setzten ihre Erholung fort.
Einige Experten warnen: Die Gegenreaktion werde vielleicht heftig, aber nicht von Dauer sein. "Die Bewertungs- und Bilanzierungsprobleme sind noch nicht gelöst", hieß es. Außerdem könnte der ifo-Geschäftsklimaindex, der für heute Vormittag erwartet wird, für einen Dämpfer sorgen.
T-Aktie profitiert von Quam-Ausstieg
Die T-Aktie war bereits gestern mit einem Plus von 14 Prozent als Tagessieger aus dem Handel gegangen und legte am Donnerstag um weitere drei Prozent auf 12,30 Euro zu. Die Nachricht, dass die spanische Telefonica nach einem hohen Halbjahresverlust in Höhe von 5,5 Milliarden Euro ihre Expansionspläne für den Mobilfunkanbieter Quam auf Eis gelegt hat, stützte den Kurs der T-Aktie. Auch andere Dax-Dickschiffe wie DaimlerChrysler und Deutsche Bank notierten fest. Zu den Gewinnern gehörten auch die Aktien von Epcos , die sich von ihrem Einbruch langsam erholen.
HVB: Verlust geringer als befürchtet
Investoren blicken heute besonders auf die Entwicklung bei der Aktie der HypoVereinsbank : Die HVB hat im zweiten Quartal einen operativen Verlust von 89 Millionen Euro eingefahren. Das ist deutlich weniger, als befürchtet worden war. Gerüchte, der Verlust werde bei mehr als 200 Millionen Euro liegen, hatten Anfang der Woche für einen Kurssturz gesorgt. Die zweitgrößte deutsche Bank werde ihr Ziel einer Eigenkapitalrendite von sieben bis neun Prozent nach Steuern jedoch voraussichtlich nicht erreichen, teilte die Bank am Donnerstag mit. Die Aktie legte zum Auftakt rund drei Prozent zu.
Puma mit Gewinnsprung
Im MDax setzte die Aktie von Puma ihre Erfolgsgeschichte fort. Nach Vorlage der Zahlen reagierte die Aktie zum Auftakt mit einem Kurssprung von knapp zehn Prozent.
Einige Händler rechnen jedoch nur mit einer kurzfristigen Erholung. "Es ist blauäugig zu sagen, dass die Ansammlung schlechter Nachrichten hinsichtlich Bilanzierungsmethoden zu Ende wäre", sagte Fidel Helmer, Leiter des Wertpapierhandels bei Hauck & Aufhäuser. Derzeit notiere der Dax auf dem Stand vom September 1997. Dies locke Schnäppchenjäger hervor, doch bis zu einer fundamentalen Erholung müsse noch viel geschehen.
Größte Rallye im Dow seit 15 Jahren
Der Dow war am Mittwoch mit einem Plus von 6,4 Prozent (488 Zähler) auf 8191 Punkte aus dem Handel gegangen. Der Nasdaq Composite legte fünf Prozent auf 1290 Zähler zu. Für den Dow, der gestern zeitweise 150 Zähler im Minus notiert hatte, war es der größte Tagesgewinn seit dem 21. Oktober 1987.
Händler hoben mehrere Faktoren für die Gegenreaktion an den Märkten hervor: Neben Gerüchten über ein Einschreiten der Notenbank und mögliche Zinssenkungen sorgte die Nachricht, dass sich der US-Kongress überraschend früh auf schärfere Bilanzregeln geeinigt habe, für bessere Stimmung. US-Finanzminister Paul O'Neill hat eine geplante Reise abgesagt und soll nun wichtige Reformprogramme im Wirtschaftsbereich vorantreiben, hieß es.
JP Morgan wehrt sich gegen Vorwürfe
Finanztitel an der Wall Street haben sich von ihren teils dramatischen Verlusten erholt. Die Aktien von J.P. Morgan Chase drehten deutlich ins Plus und gewannen 16,04 Prozent auf 23,30 US-Dollar hinzu. Der Finanzdienstleister hatte in einer Telefonkonferenz erklärt, die Bank habe in sämtlichen Angelegenheiten mit dem im Dezember 2001 zusammengebrochenen Energiehändler Enron korrekt gehandelt. Die SEC hatte am Mittwoch Ermittlungen gegen zwölf börsennotierte Investmentbanken eingeleitet. Grund sei die mögliche Missachtung von Vorschriften, die das Verhalten der Analysten bei Interessenkonflikten regelten.
Pharma sehr fest - Amgen mit guten Zahlen
Getragen wurde die Erholung allerdings von Konsum- und Pharmawerten. So hatte der US-Pharmakonzern Merck am Vortag den massiven Rückkauf eigener Aktien im Wert von bis zu 10 Milliarden Dollar angekündigt. Die Aktie rückte mit einem Plus von 9,09 Prozent auf 42,60 US-Dollar in die Dow-Spitze vor. Der weltgrößte Chemiekonzern DuPont geht zudem auf Einkaufstour und hat eine Übereinkunft zur Übernahme von unterzeichnet. Außerdem legte der Biotech-Riese Amgen nach Vorlage guter Zahlen nachbörslich zu.
Auch die Technologiewerte erholten sich deutlich. Der Nasdaq Composite stieg bis Handelsende um fünf Prozent auf 1290 Punkte und schloss auf Tageshoch. Zu den Aktien mit den größten Kursgewinnen zählten Telekomwerte, aber auch Computer- und Softwareaktien.
SEC prüft AOL
Der weltgrößte Medien- und Onlinekonzern AOL Time Warner hat im zweiten Quartal 2002 394 Millionen Dollar oder neun Cent je Aktie verdient. Während des entsprechenden Vorjahreszeitraums war noch ein Verlust von 734 Millionen Dollar oder 17 Cent je Aktie angefallen. Das Unternehmen schrieb erstmals seit Abschluss der Mega-Fusion von AOL und Time Warner auch netto wieder schwarze Zahlen. Allerdings sorgte die Nachricht für Unruhe, dass die Börsenaufsicht SEC wegen einiger Anzeigentransaktionen bei America Online ermittelt. Der Vorstandsvorsitzende des Medienkonzerns AOL Time Warner, Richard Parsons, hat die Ermittlungen der US-Börsenaufsicht bestätigt. Die AOL-Aktie gab nachbörslich ab.
Das weltgrößte Biotech-Unternehmen Amgen hat im zweiten Quartal seine Ergebnisse im Jahresvergleich deutlich erhöht und Analysten-Erwartungen übertroffen. Der Überschuss sei von 322 Millionen US-Dollar auf 412 Millionen Dollar gestiegen, teilte Amgen am Mittwoch nach Börsenschluss mit. Amgen setzte nach eigenen Angaben mit 1,2 Milliarden Dollar 27 Prozent mehr um als im zweiten Quartal des vergangenen Jahres. Die Aktie zog nachbörslich weiter an.
Nikkei schwächer - Euro fest
In Tokio ging der Nikkei-Index trotz der Rallye an der Wall Street 0,2 Prozent schwächer aus dem Handel und schloss bei 9929 Punkten. Skepsis überwiegt, und außerdem drückten schlechte Nachrichten einiger japanischer Unternehmen. Der Euro notierte am Donnerstag Morgen mit 0,9998 Dollar wieder knapp unter der Parität. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte gestern den Referenzkurs bei 0,9915 US-Dollar festgesetzt.