Börse am Morgen Schnäppchenjäger unterwegs
Frankfurt am Main - Die deutschen Indizes haben die extrem schwache Vorgaben aus den USA weggesteckt. Der Dax kletterte in den ersten 25 Handelsminuten um 82 Punkte (2,2 Prozent) auf 3778 Zähler - vor allem Finanz- und Technologiewerte sind gefragt. Die positiven Nachrichten aus Tokio und von Texas Instruments haben für einen Hoffnungsschimmer gesorgt. Außerdem lockt die Nachricht, dass WorldCom durch einen Zwischenkredit vorerst zahlungsfähig bleibt, Käufer hervor.
Risiko bleibt
Trotz positiver US-Futures bleibe ein extrem hohes Risiko, sagten Händler in Frankfurt. Der Dow Jones war gestern in den letzten beiden Handelsstunden um 234 Punkte eingebrochen und hatte 2,9 Prozent schwächer auf 7784 Punkten - und damit erstmals seit Oktober 1998 unter 8000 Punkten - geschlossen. Die Technologiebörse Nasdaq Composite ging 2,8 Prozent schwächer bei 1282 Zählern aus dem Handel.
Zu den Gewinnern in Frankfurt gehörten am Morgen Finanz- und Technologietitel, die in den vergangenen Tagen die größten Verluste verkraften mussten. Die Aktie der Allianz legte ebenso wie die Münchener Rück rund drei Prozent zu, nachdem beide Werte gestern eingebrochen waren. Auch die Deutsche Bank , die mit 1,1 Milliarden Dollar zu den größeren Kreditgebern beim Pleiteunternehmen WorldCom gehört, konnte sich minimal erholen.
Die Aktie der Deutschen Telekom hatte am Montag ihre Verluste in Grenzen gehalten und kletterte am Dienstag Morgen wieder Richtung 12 Euro. Der Konzern will unter dem neuen Vorstandschef Sihler die Sanierung des Unternehmens beschleunigen. Auch Epcos , seit Freitag auf Grund der Gewinnwarnung arg verprügelt, fand wieder einige Käufer.
Händler halten es dennoch für möglich, dass der Dax in Kürze sein Tief vom 21. September 2001 erneut testet. Zehn Tage nach den Attentaten hatte der Index ein Rekordtief von 3539 Stellen markiert. Dow und Nasdaq haben ihre September-Tiefs bereits nach unten durchschlagen.
Signale zur Aufholjagd
Doch zunächst herrscht trotziger Optimismus vor. Marktbeobachter sehen Chancen auf eine technische Gegenreaktion. So hat zum Beispiel der Nikkei den Handelstag trotz der Verkaufsorgie in New York mit einem Plus von 0,3 Prozent auf 10.215 Punkte beendet, und auch der Dollar zog in Asien wieder an. Außerdem sei es nicht überraschend, dass auf einen extrem schwachen Freitag auch ein schwacher Montag folge - nun sei der größte Verkaufsdruck weg.
Weiterhin habe Texas Instruments nach US-Börsenschluss die Erwartungen erfüllt und einen positiven Ausblick gegeben. Der Halbleiterhersteller rechnet mit fünf Prozent Umsatzwachstum im dritten Quartal. Und der Telekomkonzern WorldCom , mit seinem Antrag auf Gläubigerschutz ein Auslöser für den Verkaufsrausch, habe durch eine Zwischenfinanzierung seine Zahlungsfähigkeit vorläufig sichergestellt.
In Europa wollen einige Schwergewichte die Kursschwäche zum Rückkauf eigener Aktien nutzen. Der Schweizer Pharmariese Novartis hat ein Aktienrückkaufprogramm im Wert von mehr als vier Milliarden Schweizer Franken angekündigt.
Dollar erholt sich leicht
Anzeichen für eine Stabilisierung an den Börsen ist auch die festere Tendenz des Dollar. Der Kurs des Euro ist im frühen Handel am Dienstag unter die Parität zum Dollar gesunken. Die europäische Gemeinschaftswährung kostete am Morgen 0,9989 Dollar, nachdem sie im asiatischen Handel zwischenzeitlich bis auf 0,9956 Dollar abgesackt war. Die Europäische Zentralbank hatte den Referenzkurs am Montag noch deutlich über der Parität bei 1,0086 (Freitag: 1,0146) Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,9915 (0,9856) Euro.
Wall Street: Dow stürzt im späten Handel ab
Citigroup bricht ein, WorldCom zieht an
An der Wall Street ist der Dow Jones in den letzten beiden Handelsstunden um knapp dreihundert Punkte abgestürzt und schloss erstmals seit Oktober 1998 unter 8000 Punkten. "Der Markt ist derart verunsichert, dass der Dow diese Woche spielend noch einmal 500 Punkte verlieren könnte", sagte William Schneider, Leiter des Aktienhandels bei der Bank UBS Warburg. Für den Standardwerte-Index war es der zehnte Rückschlag während der letzten elf Sitzungen. Das mangelnde Vertrauen in die Bilanzrechnungen der Unternehmen und die Angst, die Börsen-Baisse werde auch auf die langsam anziehende Konjunktur durchschlagen, sind die Triebfedern des Abschwungs. Lediglich Präsident George W. Bush zeigt sich optimistisch. Die Wirtschaft sei in guter Verfassung, Unternehmensgewinne verbesserten sich, doch ein paar sinnvolle Reformen seien notwendig, sagte Bush.
Zu den größten Verlierern an der Wall Street zählten die Citigroup und andere Finanzdienstleister, die WorldCom Kredite gewährt haben. Citigroup fielen um elf Prozent auf 32,04 Dollar. Unterdessen stimmte ein US-Gericht einer Kreditlinie in Höhe von zwei Milliarden Dollar zu, damit das mit 30 Milliarden Dollar verschuldete WorldCom laufende Rechnungen bezahlen kann. Die Aktie klettert um 40 Prozent auf 14 Cent.
Die Indizes zeigen sich extrem volatil - Zeichen der enormen Verunsicherung. Der Dow Jones bewegte sich zum Beispiel in einer Spanne von rund 330 Punkten. An der Nasdaq konnte der Biotechnologie-Branchenführer Amgen seine Verluste bei 0,5 Prozent in Grenzen halten: Die Pharmaaufsicht FDA hatte zuvor das Medikament Aranesp zur Behandlung von Blutarmut als Folge einer Chemotherapie zugelassen. Amgen hatte bereits vor Wochen den Rückkauf eigener Aktien angekündigt.