Börse am Nachmittag Angst, Furcht, Panik
Frankfurt am Main - Der Dax hat seine Verluste nach Eröffnung der US-Börsen dramatisch ausgebaut und fiel bis 16 Uhr auf 4268 Punkte, ein Minus von 4,5 Prozent. Der MDax gab um 2,3 Prozent auf 4059 Zähler nach. Am Neuen Markt rutschte der Nemax 50 stellenweise auf ein Rekordtief. Der Auswahlindex verlor zuletzt um 6,9 Prozent auf 629 Punkte.
Ähnlich trüb präsentierte sich die Wall Street. Der Dow Jones gab innerhalb der ersten halben Handelsstunde rund 2,4 Prozent auf 9276 Punkte ab. Die Nasdaq rutschte um 3,4 Prozent auf 1446 Zähler.
Der Abschwung gewann an Dynamik, nachdem die Daten zum Verbrauchervertrauen veröffentlicht wurden. Das Konsumentenklima fiel nach Angaben der Universität Michigan im Juni auf 90,8 Punkte nach 96,9 Punkten im Mai und damit deutlich stärker als erwartet.
Verheerend seien auch negative Nachrichten von Unternehmen, sagte eine New Yorker Händlerin. So werde die Umsatzwarnung des Netzwerk-Ausrüsters Lucent die Kurse nachhaltend unter Druck setzen. Lucent Technologies erwartet im laufenden dritten Quartal nach eigenen Angaben ein Umsatzminus zwischen zehn und 15 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Das viertgrößte amerikanische Telekomunternehmen Sprint hatte angekündigt, der Jahresumsatz werde sich noch stärker verringern als bisher prognostiziert.
Auf dem Parkett nannten Händler auch den dreifachen Verfallstermin für Futures und Optionen als Grund für den erneuten Verkaufsrausch: Die Spekulationen vor dem "Hexensabbat" am kommenden Freitag, 21. Juni, hätten bereits eingesetzt. Und die enttäuschenden Unternehmensgewinne, die politische Unsicherheit sowie die tiefe Vertrauenskrise am Markt locken immer mehr Bären hervor, die auf weiter fallende Kurse setzen.
Die T-Aktie notierte mit einem Minus von 2,7 Prozent bei 9,93 Euro. Das Papier war erstmals unter zehn Euro gesunken. Institutionelle Anleger hätten den Kurs unter zehn Euro drücken wollen, sagte ein Händler. Seit einer Woche haben Hedge-Fonds dem Händler zufolge den Kurs immer näher an zehn Euro geführt. Einige Händler zeigten sich sogar erleichtert: "Wenn jetzt die Marke endlich gefallen ist, gibt es vielleicht die Chance auf eine Erholung in den kommenden Wochen." Einige Händler spekulieren auf eine technische Gegenbewegung, die in der kommenden Woche einsetzen soll.
Gewinner gab es im Dax nicht. Der Wert mit den geringsten Verlusten war die Degussa-Aktie mit Minus 0,5 Prozent auf 35,98 Euro. MLP-Aktien konnten sich zwar nach einem schwachen Start ins Plus retten, nachdem der Chef des Heidelberger Finanzdienstleisters, Bernhard Termühlen, rechtliche Schritte gegen die Anleger-Zeitschrift "Börse Online" angekündigt hatte. Die Zeitschrift hatte über angebliche Bilanzunregelmäßigkeiten berichtet. Zuletzt fiel die MLP-Aktie jedoch wieder ins Minus und gab um 2,1 Prozent auf 31,85 Euro ab.
Finanzwerte schwach
Die anhaltende Baisse drückt weiter auf die Finanztitel wie Deutsche Bank , HypoVereinsbank und Commerzbank . Die Aktie der Münchener Rück gab zuletzt knapp drei Prozent nach und fiel unter 220 Euro: Die Credit Suisse First Boston (CSFB) hat Händlern zufolge am Freitag den fairen Wert der weltgrößten Rückversicherungs-Gesellschaft AG von 295 auf 260 Euro gekürzt.
ABN Amro stuft Preussag herunter
Die Aktie von Europas größtem Touristik-Konzern Preussag hat 4,2 Prozent auf 26,01 Euro verloren. Am Morgen wurde das Papier von der Investmentbank ABN Amro auf "Reduzieren" heruntergestuft. Als Begründung führten die Analysten an, dass der geschätzte Gewinn von einer Milliarden Euro für Preussags Energiesparte unter den Erwartungen liege. Die Aktie stehe teils besser, teils genauso da wie der Markt, sagte ein Analyst dazu. Er hält alles noch für "sehr spekulativ" und geht daher auch nicht davon aus, dass die Preussag-Aktie auf Grund der Herabstufung und der damit einhergehenden Begründung verliert. Ein Händler, der mit einem Erlös bei etwa 1,5 Milliarden Euro gerechnet hatte, sagte: "Der Zeitpunkt des Verkaufs ist interessant im Hinblick auf die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs in der vergangenen Woche. Am 6. Juni hatte der Gerichtshof ein Fusionsverbot der EU-Kommission gekippt. Der Verbund der britischen First Choice Holidays mit dem Konkurrenten Airtours - inzwischen MyTravel - zum weltgrößten Reiseveranstalter wurde von Brüssel zu Unrecht blockiert, urteilte das EU-Gericht erster Instanz in Luxemburg. Der Beschluss sei nichtig (Az.: T-342/99). "Preussag könnte erwägen, die Verkaufserlöse aus der Energiesparte für den Kauf eines anderen britischen Reiseveranstalters zu nutzen, um so ihr Tochterunternehmen Thomson Travel zu erweitern", sagte der Händler.
Neuer Markt: "Stühlerücken auf der Titanic"
Neuer Markt: "Stühlerücken auf der Titanic"
Massive Kursverluste bei Biotechnologieaktien und eine allgemein düstere Marktstimmung haben die Indizes des Neuen Marktes zum Wochenschluss auf neue historische Tiefstände geschickt. "Es gibt weder für Qiagen noch für die anderen Werte eine aktuelle konkrete Begründung", sagte ein Händler zum Kursrutsch bei den Biotech-Aktien. Belastend wirkten sich neben der allgemein schlechten Stimmung auch die schwachen Vorgaben der US-Mitbewerber aus, hieß es. Die Titel des Index-Schwergewichts Qiagen waren bei einem Vielfachen des Durchschnittsumsatzes zeitweise um 15,5 Prozent abgerutscht. Zuletzt notierten die Papiere auf 11,85 Euro, ein Minus von 6,6 Prozent.
Die Aktien von Medigene brachen um bis zu einem Viertel auf 6,40 Euro ein, nachdem das Unternehmen den Abbruch der Entwicklung eines Medikamentes angekündigt hatte. Das Präparat Etomoxir zur Behandlung chronischer Herzschwäche habe bei Tests nicht die erhoffte Wirkung gezeigt.
Gegen den Branchentrend legten die Papiere von Biolitec um 4,9 Prozent auf 4,67 Euro zu. Das Unternehmen hatte zuvor die Zulassung einer Krampfader-Therapie durch die US-Gesundheitsbehörde bekannt gegeben.
Börsianer äußerten sich übereinstimmend sehr pessimistisch über die weiteren Aussichten des Neuen Marktes. Angesichts der schwachen US-Vorgaben und fehlender positiver Nachrichten sei auf absehbare Zeit nicht mit einer Erholung zu rechnen. Der Aktienstratege Giuseppe Amato vom Wertpapierhaus Lang & Schwarz riet zur Zurückhaltung: "Wer hier zwischen guten und schlechten Werten unterscheidet, der betreibt Stühlerücken auf der Titanic."
Die Titel von Mobilcom drehten nach anfänglichen Kursverlusten wieder ins Plus und pendelten sich dann knapp über dem Vortagesschluss von 7,50 Euro ein. Aus Kreisen war bekannt geworden, der Großaktionär France Télécom und die Banken wollten eine Refinanzierung der Mobilcom-Schulden bis Montag erreichen. Demnach sollen die Gläubigerbanken im Rahmen der Wandelanleihe auf zehn Prozent ihrer Forderungen verzichten.
Cargolifter: Rettung durch Boeing?
Auch die im Nebenwerte-Index MDax notierte Aktie von Cargolifter konnte am Freitag zunächst zulegen, nachdem sie sich bereits am Freitag um 50 Prozent auf 0,92 Euro verteuert hatte. Auslöser für den Kurssprung: Der US-Flugzeugriese Boeing prüft nach eigenen Aussagen einen Einstieg bei dem insolventen Luftschiffbauer. Bis Freitag Mittag ging es jedoch dann wieder abwärts: Spekulanten griffen Gewinne ab, die Aktie stürzte mit einem Verlust von knapp 20 Prozent ans Ende des Index.
Nikkei unter 11.000 Punkten - Euro etwas fester
Nikkei unter 11.000 Punkten
Die Aktienbörse in Tokio hat zum Wochenschluss deutlich an Boden verloren. Der Nikkei-Index für 225 führende Werte sackte wieder unter die psychologisch wichtige Marke von 11.000 Punkten. Infolge der negativen Vorgabe der Wall Street büßte das Börsenbarometer 224,21 Punkte oder zwei Prozent auf 10.920 Zähler ein. Der breit angelegte Topix verlor 20,26 Punkte oder 1,9 Prozent und ging beim Schlussstand von 1054 Zähler ins Wochenende.
Als Gründe gaben Händler die Kursverluste an der New Yorker Börse und Enttäuschung über die geplante Steuerreform der japanischen Regierung. Die Stimmung sei schlecht, fasste Michael Leichsenring von UFJ Tsubasa Securities die Lage zusammen. Nicht nur gebe es zur Zeit keine Kaufanreize, es seien auch keine in Aussicht. Der stimmungsprägende amerikanische Markt sei nicht stabil und verunsichere die Anleger, sagte Leichsenring.
Technologiewerte schlossen an die Verluste der Nasdaq an. Advantest gaben 270 Yen auf 7550 ab, Kyocerax verbilligten sich um 170 auf 8840 Yen. Auch TDK wurden verkauft und notierten mit 5960 Yen um 160 Yen leichter.
Unter Chipwerten sah es ähnlich aus. Fujitsu verloren 15 Yen auf 856. Hitachi schlossen um 24 Yen niedriger bei 803, und Mitsubishi Electric sackten um 22 auf 553 Yen.
Euro nahe der Marke von 95 Cent
Der Kurs des Euro ist am Freitag gestiegen. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs bei 0,9478 (Donnerstag: 0,9417) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 1,0551 (1,0619) Euro.
Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,6420 (0,6404) Pfund, 117,75 (118,24) Yen und 1,4752 (1,4762) Schweizer Franken fest.