Börse am Nachmittag Dax fällt auf 15-Monatstief
Frankfurt am Main - In Frankfurt verharrten die Börsen tief in der Verlustzone. Der Dax fiel im Handelsverlauf auf ein 15-Monatstief. Bis 14.30 gab der Blue-Chip-Index um 3,1 Prozent auf 5600 Punkte ab. Der Nemax 50 markierte ein Rekordtief und rutschte um sieben Prozent auf 1557 Zähler. Der M-Dax gab zwei Prozent auf 4436 Punkte ab.
Die für die Eröffnung an den US-Börsen maßgeblichen Terminkontrakte (Futures) deuten auf einen leichteren Handelsstart hin. Der Nasdaq-Future gab um knapp sechs Punkte ab, der S&P-Future verlor rund vier Punkte.
"Wir befinden uns konjunkturell gesehen in einer kritischen Phase, die Realwirtschaft in den USA droht durch den Kursverfall an den Aktienmärkten erheblich in Mitleidenschaft gezogen zu werden", sagte ein Händler. Die US-Notenbank Federal Reserve hatte am Dienstag die Leitzinsen angesichts der schwachen US-Konjunktur um weitere 50 Basispunkte auf fünf Prozent gesenkt. An den Märkten hatten viele aber auf eine stärkere Zinssenkung gehofft.
Deutsche Händler bewerteten den Schritt der Fed unterschiedlich. Einige sprachen von einer Enttäuschung des Marktes. Andere Marktteilnehmer sagten, der Schritt um 50 Basispunkte sei angemessen gewesen. "Man kann nicht von der Fed erwarten, dass sie die Leitzinsen um 75 Basispunkte senkt, nur um dem Aktienmarkt einen Gefallen zu tun", sagte ein Händler in Frankfurt. Börsianer wollten immer, dass alles sehr schnell gehe, und das sei übertrieben. "Wir müssen die in den vergangenen zwei Jahren an den Märkten aufgebauten Blasen abbauen und uns wieder auf die normale volkswirtschaftliche Entwicklung konzentrieren." Er rechne entgegen Prognosen vieler Finanzexperten damit, dass sich die Märkte erst Anfang kommenden Jahres deutlich erholen würden.
Stimmung in der Wirtschaft fällt
Der am Morgen veröffentlichte ifo-Geschäftsklimaindex wurde von Marktbeobachtern unterschiedlich bewertet. Zwar sei die Stimmung in der Wirtschaft schlechter als erwartet, doch stiegen dadurch auch Hoffnungen auf eine mögliche Zinssenkung durch die Europäische Zentralbank. Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich nach Angaben des Münchener ifo-Instituts im Februar deutlich eingetrübt.
Der Geschäftsklimaindex Westdeutschland fiel auf 94,9 Punkte von 97,5 Punkten im Vormonat und lag mit dem tiefsten Stand seit Mai 1999 noch unterhalb der Erwartungen von Analysten. Finanzexperten hatten im Durchschnitt nur einen Rückgang auf 96,7 Punkte prognostiziert. "Die ifo-Zahlen deuten auf einen deutlichen Abschwung hin, nun ist die EZB mit einem Zinsschritt dran", sagte ein Börsianer.
Technologiewerte auf Talfahrt
Die Technologiewerte führten mit deutlichen Abschlägen die Verliererliste an. Siemens gab 5,4 Prozent auf 110,91 Euro ab, Epcos verlor 7,6 Prozent auf 60,99 Euro, und Infineon notierte 5,4 Prozent schwächer bei 38,22 Euro. Vor allem die schwachen Vorgaben aus New York zogen die Tech-Titel in die Tiefe. Zudem belasteten negative Analystenkommentare die Branche: Nach Meinung des Investmenthauses Bear Stearns wird das zweite Quartal in der Chipindustrie das schlechteste in der Branchengeschichte werden. Morgan Stanley Dean Witter prognostiziert für die Halbleiterbranche im laufenden Quartal einen Umsatzrückgang gegenüber dem Vorquartal um rund 20 Prozent. Das sei der deutlichste Rückgang seit 1985, sagte der Analyst Mark Edelstone. Die Nachfrage in nahezu alle Schlüsselbereichen sei schwach.
Die Aktie von SAP zeigte sich nach Meinung von Händlern von der Meldung des US-Softwarekonzerns Oracle belastet. Oracle werde bis zu zwei Prozent seiner Belegschaft oder etwa 850 Beschäftigte entlassen, berichteten Händler am Dienstag in San Francisco. Die SAP-Aktie verlor sechs Prozent auf 129,11 Euro.
Die Talfahrt bei der Deutschen Post hielt unverändert an. Nachdem der Kurs gestern ein Rekordtief erreicht hatte, gab die Aktie am Mittwoch weitere 2,2 Prozent ab und notierte bei 20,30 Euro. Händlern zufolge verkaufe die Deutsche Bank im großem Umfang Titel des Dax-Aufsteigers. EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti hatte am Dienstag der Deutschen Post wegen Abschottung des Paketmarktes eine Geldbuße von 24 Millionen Euro auferlegt. Darüber hinaus muss der Gelbe Riese in den nächsten Monaten das Geschäft mit gewerblichen Paketen strikt von der Briefsparte trennen. "Der Markt hatte bereits eine Geldbuße erwartet", erklärte eine Händlerin der BHF-Bank. Die Strafe sei aber deutlich geringer ausgefallen als erwartet.
Die Titel von der Deutschen Telekom rutschten um knapp 6,4 Prozent auf 24,91 Euro nach unten. Die Ratingagentur Moody's Investors Service hatte am Dienstagabend mitgeteilt, die Telekomgesellschaft möglicherweise herabzustufen. Nun erwägen die Bonner nach Informationen der "Financial Times Deutschland" die Einführung einer für sie neuen Anleihenform zur Senkung ihres Schuldendienstes.
Die Bankenwerte konnten sich dem schwachen Trend an den internationalen Aktienmärkten nicht entziehen: Deutsche Bank-Titel verloren 4,4 Prozent auf 78 Euro. Die Aktie der HypoVereinsbank gaben 0,8 Prozent auf 61,76 Euro nach. Dresdner Bank-Papiere verloren 3,8 Prozent auf 42,55 Euro. Die Aktien der Commerzbank standen mit 2,5 Prozent auf 28,96 Euro im roten Terrain. In den USA werden zudem am heutigen Mittwoch die beiden Investmentbanken Morgan Stanley und Lehman Brothers ihre Quartalsergebnisse vorlegen.
Nur vier Titel stemmten sich gegen den negativen Trend im Dax: Fresenius Medical Care-Aktien stiegen um 1,4 Prozent auf 82 Euro. Volkswagen, Schering und MAN legten leicht zu.
Neuer Markt wieder im Tiefenrausch
Morphosys drehte im Nemax 50 ins Minus, nachdem das Unternehmen Fortschritte bei der Zusammenarbeit mit Roche in der Alzheimer-Forschung vermeldet hatte. Zuletzt notierte der Titel bei minus 7,6 Prozent auf 67,99 Euro.
Die Titel des Software-Unternehmens IVU Traffic Technologies gaben 3,9 Prozent auf 6,20 Euro nach. Das Unternehmen hat im Geschäftsjahr 2000 das Betriebsergebnis (EBIT) vor Firmenwertabschreibung von 1,62 Millionen Mark im Vorjahr auf 4,73 Millionen Mark gesteigert. Wie IVU am Mittwoch in Berlin mitteilte, legte auch der Umsatz von 28,68 Millionen Mark auf 34,33 Millionen Mark zu. Die Konzernbilanz sei erstmals nach IAS (International Accounting Standards) bilanziert worden.
Das für Versicherer und Finanzdienstleister tätige Beratungs- und Softwarehaus FJA profitierte nicht von seinen Geschäftszahlen für 2000. FJA notierten bei 64,15 Euro etwa ein Prozent unterdem Vortageschlusskurs. Das Unternehmen steigerte Umsatz und Ergebnis deutlich: Das operative Betriebsergebnis EBIT wuchs um 49 Prozent auf 27,2 Millionen Mark. Der Jahresüberschuss nach Steuern verbesserte sich um 73 Prozent auf 17,1 Millionen Mark. FJA erwirtschaftete ein Ergebnis je Aktie von 2,29 Mark - das sind 50 Prozent mehr als im Vorjahr. Den Aktionären soll eine Dividende von 0,40 Euro ausgezahlt werden - ein Plus von 60 Prozent.
Euro fällt deutlich
Nach der Leitzinssenkung in den USA am Dienstag und den enttäuschenden Zahlen des Ifo-Geschäftsklimaindex ist der Kurs des Euro wieder unter die 90-Cent-Marke gefallen. Er lag am Mittwochnachmittag in Frankfurt bei 0,8983 Dollar. Die Europäische Zentralbank hatte am Dienstag den Referenzkurs auf 0,9020 Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 2,1683 Mark.