Börse am Nachmittag: Die Verkäufer machen Atempause - DER SPIEGEL
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Börse am Nachmittag Die Verkäufer machen Atempause

Die US-Börsen drehen nach schwachem Start ins Plus. Der Dax verringert seine Verluste. Die Angst vor einem weiteren "schwarzen Montag" ist zunächst gebannt. Finanzwerte bleiben jedoch unter Druck. Investmenthäuser senken ihre Prognosen für die Indizes.
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New York/Frankfurt am Main - Nach dem Kurssturz am Freitag um fast 400 Punkte hat der US-Standardwerteindex Dow Jones am Montag seine Talfahrt zunächst fortgesetzt, drehte zuletzt aber um 0,5 Prozent ins Plus auf 8050 Zähler. Der Nasdaq Composite, der 0,8 Prozent schwächer gestartet war, kletterte um 0,4 Prozent auf 1324 Zähler. Erleichterung herrschte auf dem Parkett: Nach dem extrem schwachen Freitag hatten viele Investoren einen weiteren massiven Kursrutsch am Montag befürchtet, wie es bereits beim Crash 1987 der Fall gewesen war.

Doch noch gibt es keine Entwarnung. Viele Anleger haben resigniert und ziehen sich aus Aktien zurück. Der Index hatte bereits am Freitag auf dem tiefsten Stand seit Oktober 1998 geschlossen. Börsianer erwarten in dieser Woche weiterhin schwache Zahlen von Technologiefirmen beziehungsweise einen zurückhaltenden Ausblick. In dieser Woche melden unter anderem AOL Time Warner  , American Express  , AT&T  , DuPont  , Eastman Kodak  , Texas Instruments und Amazon Zahlen vor.

"Die Leute sind frustriert, da sie eine niedrige Zinslandschaft sehen und eine Erholung der Wirtschaft, aber mit beidem läuft der Aktienmarkt nicht synchron", erklärte Rick Meckler, Präsident der Investmentfirma LibertyView. "Es fällt schwer, optimistisch zu sein", fügte Meckler hinzu. Dabei seien die Grundlagen für eine Erholung da.

WorldCom drückt auf Finanztitel

Dennoch herrscht negative Grundstimmung: Auch die Worldcom-Pleite ist noch nicht verdaut. Der US-Telekomkonzern WorldCom   hat in der Nacht zu Montag Gläubigerschutz beantragt, kann seine Geschäfte aber vorerst weiter betreiben. Es handelt sich um die größte Pleite der US-Geschichte. Das Unternehmen hat mehr als 30 Milliarden Dollar Schulden. Zu den Gläubigern von WorldCom zählen unter anderem J.P. Morgan Chase  , Mellon Bank und Citibank. Auch die Deutsche Bank   geriet auf Grund von WorldCom   unter Druck.

US-Banken reduzieren Prognosen für den Dow

Vor allem neue Meldungen über mögliche Bilanzunregelmäßigkeiten etwa bei AOL Time Warner   oder einer Tochter des US-Pharmakonzerns Johnson & Johnson   hatten die Aktienmärkte unter Druck gesetzt. Beide Werte gaben am Montag weiter nach.

Seit Jahresbeginn hat der Dow Jones rund 20 Prozent verloren. Beim S&P 500 sind es rund 26 Prozent. Der Technologieindex Nasdaq Composite gab bislang rund 33 Prozent ab. Die Bank of America hat am Montag ihre Jahresprognose für den Dow Jones auf 9400 Punkte gesenkt, und auch Lehman Brothers nahm das Kursziel für den Index zurück.

3M mit Hoffnungsschimmer

Immerhin gibt es inmitten der Depression noch leichte Hoffnungsschimmer: Der US-Mischkonzern 3M   hat im zweiten Quartal wegen strenger Kostenkontrolle und steigender Umsätze seinen Gewinn je Aktie gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Gleichzeitig bekräftigte das Unternehmen am Montag seine Prognosen.

Jetzt beschleicht Marktbeobachter die Angst, dass die US-Verbraucher im Zuge des anhaltenden Kursverfalls mehr Geld auf die hohe Kante legen werden. Damit würde die wichtigste Stütze der US-Konjunktur - der private Konsum - ins Wanken geraten. Auch die Unternehmen geraten angesichts der schwachen Aktienmärkte in Bedrängnis. Da die firmeneigenen Pensionsfonds im Zuge der Baisse nun weniger Rendite abwerfen, müssten die Konzerne Geld aus eigener Kasse nachschießen, hieß es.

Die Wall Street erwartet heute nach Börsenschluss die Geschäftszahlen von Novellus Systems und Texas Instruments. Im Laufe des heutigen Handelstages werden American Express   und Altera ihre Geschäftszahlen präsentieren.

Dax kämpft mit 3800 Punkten - Test des Septembertiefs?

Dax kämpft mit 3800 Punkten - Test des Septembertiefs?

Der Dax ist am Montag auf Grund der schwachen Wall Street und der Insolvenz von WorldCom zeitweise auf ein Zehn-Monatstief bei 3747 Punkten gefallen. Bis 16 Uhr reduzierte der Index auf Grund der behaupteten Wall Street seine Verluste auf 1,9 Prozent und notierte wieder über 3800 Punkten. Händler bleiben jedoch nervös: "Wir können uns dem Geschehen in den USA nicht entziehen", sagte ein Börsianer. "Es ist möglich, dass wir bald die Tiefpunkte des 21. September testen." Am 21. September 2001 hatte der Dax unter dem Eindruck der Anschläge in den USA am 11. September im Handelsverlauf ein Rekordtief von 3539 Stellen markiert.

Finanztitel unter Druck - Deutsche Bank unter 60 Euro

Im Blickpunkt standen die Aktien von Finanzwerten. Die Aktie der Deutschen Bank, die zu den größeren Kreditgebern bei WorldCom gehört, gab mehr als fünf Prozent und fiel zeitweise unter 60 Euro. Papiere der HypoVereinsbank (HVB), die am Donnerstag die Zahlen zum zweiten Quartal präsentieren wird, brachen um 5,3 Prozent auf 24,71 Euro ein. Offenbar erwarteten Anleger schwache Daten.

Versicherungswerte wurden durch die Reduzierung der Ergebnisaussichten des niederländischen Konkurrenten Aegon belastet. Die Aktien der Münchener Rück büßten 3,65 Prozent auf 192,80 Euro ein, Allianz-Titel verloren fast sechs Prozent auf 154,10 Euro.

Infineon im freien Fall

Technologiewerte litten besonders stark unter den schwachen Vorgaben aus den USA. So verloren Infineon   zuletzt 6,2 Prozent auf 16,01 Euro. Auch die Papiere des Technologiekonzerns Epcos   setzten ihre Talfahrt fort. Der Hersteller passiver elektronischer Bauelemente hatte am Freitag angekündigt, für das Gesamtjahr 2001/02 mit einem Verlust zu rechnen statt wie bislang mit einem operativen Gewinn. Die Aktie hatte darauf bereits am Freitag mit einem Verlust von mehr als 16 Prozent reagiert.

Aktie Gelb einziger Gewinner, T-Aktie knapp behauptet

Lediglich die Aktie der Deutschen Post   trotzte dem negativen Markttrend und gewann 2,4 Prozent auf 10,35 Euro. Alle anderen Titel im Dax 30 verbuchten Verluste Börsianer verwiesen darauf, dass das Papier zuletzt stark verloren habe. Auf diesem Niveau gebe es offenbar wieder Käufer, sagte ein Händler. Ein Analyst verwies darauf, dass das Unternehmen rund 70 Prozent des Umsatzes aus dem relativ stabilen Briefverkehr erwirtschafte.

Die Aktie der Deutschen Telekom   konnte ihre Verluste mit 0,7 Prozent noch in Grenzen halten. Der Konzern will unter dem neuen Vorstandschef Sihler die Sanierung des Unternehmens beschleunigen. Wie der "Focus" vorab berichtet, sollen die Schulden von derzeit 65 auf 50 Milliarden Euro Ende 2003 gesenkt werden.

Kann VW seine Prognosen halten?

Unter Druck dagegen die Aktien der Autobauer. Volkswagen   gaben 4,50 Prozent auf 40,84 Euro ab. Der Konzern könnte sein selbst gestecktes Ergebnisziel für 2002 verfehlen. Nach einem Bericht der "Welt am Sonntag" erwarten Analysten rückläufige Verkäufe und hohe Belastungen durch Rabatte und Sonderkonditionen.

Aktien von DaimlerChrysler   reduzierten ihre Verluste auf rund zwei Prozent. Gegen zwei amerikanische Töchter von Mercedes-Benz ermittelt das US-Justizministerium wegen unerlaubter Preisabsprachen. Wie DaimlerChrysler am Freitag in Unterlagen an die US-Börsenaufsicht SEC mitteilte, führe die Kartellrechtsabteilung des US-Justizministeriums eine strafrechtliche Untersuchung durch. Die Aktien des Konkurrenten BMW   verloren rund vier Prozent auf 37 Euro.

Hugo Boss enttäuscht

Auf deutscher Seite enttäuschte der Modekonzern Hugo Boss   am Montagmorgen mit einer Gewinnwarnung die Märkte. Die Aktie brachen in der Spitze um mehr als 20 Prozent ein. "Das Hugo Boss zum dritten Mal innerhalb weniger Monate seine Ergebnisprognose für 2002 gesenkt hat, deutet auf ernsthafte Schwierigkeiten hin", kommentierte ein Händler in Frankfurt.

Am Neuen Markt konnte der Nemax50 am Nachmittag ein wenig Boden gut machen. Nach Verlusten von rund fünf Prozent betrug das Minus zuletzt 3,1 Prozent auf 529 Zähler.