Börse am Nachmittag Hoffen, Bangen, Beten
New York / Frankfurt am Main - Nach dem Kursrutsch gibt es ein Hoffnungszeichen - fraglich aber, ob das für die Trendwende an den Börsen reichen wird. Das Wachstum des US-BIP ist im vierten Quartal nach der ersten Schätzung des Handelsministeriums annualisiert um 0,2 Prozent gestiegen. Volkswirte waren in ihren Prognosen von einem Rückgang um ein Prozent ausgegangen. Der Dow Jones kletterte bis 16 Uhr um 0,3 Prozent auf 9643 Punkte, während der Technologieindex Nasdaq Composite nach 30 Handelsminuten nach wie vor um den Vortagesschluss von 1893 Punkten dümpelte. Beide Indizes gaben ihre Gewinne aber schnell wieder ab.
Die Skepsis bleibt
Die Zahlen zum vierten Quartal stärken zwar die Hoffnung, dass die US-Konjunktur das Schlimmste überstanden hat. Anleger bleiben jedoch zurückhaltend und warten auf die Zinsentscheidung der US-Notenbank, die um 20.15 Uhr MEZ erwartet wird. Sorgen über weitere mögliche Unternehmenspleiten bremsen jede Euphorie.
Wichtiger als die Konjunkturdaten sind derzeit die Zahlen der Unternehmen: Nach dem Kollaps des Energiehändlers Enron sorgen sich Anleger nun um mögliche Liquiditäts-Engpässe beim Telekom-Konzern Worldcom und über die Bilanzierungspraktiken beim Mischkonzern Tyco. Beide Aktien hatten am Dienstag massiv nachgegeben.
AOL und die Werbeflaute
Ausnahmsweise erwartet der Markt keine Zinssenkung von Alan Greenspan. "Es wird erwartet, dass es keine Zinsänderung gibt und dass das gut für den Markt sein wird", sagte Peter Coolidge, Leitender Aktienhändler bei Brean Murray & Co. Wichtiger sei nun, dass nach der massiven Hilfe der Notenbank nun endlich die Unternehmensgewinne anziehen.
Der Medienkonzern AOL TimeWarner startete nur knapp behauptet: AOL hat mitgeteilt, im vierten Quartal 2001 wie von Analysten erwartet 33 Cent je Aktie verdient zu haben. Der Umsatz sei 2001 auf 38,2 Milliarden Dollar gestiegen. Allerdings ist die Situation auf dem Werbemarkt weiterhin kritisch. Zu den Verlierern zum Auftakt an der Nasdaq zählten Veritas Software und das Medienunternehmen CNET Networks, obwohl die Zahlen im Rahmen der Erwartungen lagen.
Dax leicht erholt, Deutsche Bank stark unter Druck
Die Stimmung auf dem Frankfurter Parkett hat sich nach Bekanntgabe des US-BIP ein wenig aufgehellt. Der Dax reduzierte bis 15.50 Uhr seine Verluste auf 0,7 Prozent und notierte bei 5047 Punkten. Die Wachstumswerte im Nemax 50 notierten nur noch 1,7 Prozent schwächer auf 1132 Zählern. Zu den wenigen Gewinnern im Dax zählten Linde und Degussa mit jeweils 1,5 Prozent Plus.
Finanztitel gehörten fortgesetzt zu den größten Verlierern im Dax. Bankenwerte in den USA waren am Vortag angesichts der Befürchtung, dass aufgrund von neuen Unternehmenspleiten weitere Kredite platzen könnten, stark unter Druck geraten. Die Bank of Amerika rechnet auf Grund der Enron-Pleite allein mit einem Verlust von 231 Millionen Dollar.
Die Deutsche Bank rutschte am Nachmittag mit einem Verlust von 3,6 Prozent ans Ende des Dax und notierte nur noch knapp über 70 Euro: Nach den langen Führungsquerelen verläßt der oberste Risikomanager und Vorstand Thomas Fischer das Haus. Auch die HypoVereinsbank und dieCommerzbank mussten deutliche Verluste hinnehmen. Der Finanzdienstleister MLP gab vor Bekanntgabe der Quartalszahlen um mehr als drei Prozent nach.
Techtitel im Rückwärtsgang
Bei Technologiewerten nehmen Anleger Gewinne mit. SAP gaben 2,6 Prozent nach und fielen unter 160 Euro. Fortgesetzt schwach notierte Epcos : Anleger sind vor Bekanntgabe der Quartalszahlen am morgigen Donnerstag skeptisch. Die Aktie der Deutsche Telekom verringerte zuletzt seine Verluste auf 2,2 Prozent. Die drohende Worldcom-Pleite und das mögliche Platzen des Kabelnetzverkaufs an Liberty belasten den Konzern.
Autotitel knapp behauptet
Aktien von BMW notierten in einem schwachen Umfeld nahezu unverändert auf knapp 41 Euro. Die Analysten von UBS Warburg haben die Aktie am Mittwoch zum Kauf empfohlen, sehen das Kursziel bei 45 Euro. DaimlerChrysler gaben 0,8 Prozent auf 47,15 Euro ab. UBS Warburg hatte die Aktie mit "Reduzieren" bestätigt. Gewinnmitnahmen drückten Volkswagen nach der Vortagesrallye um ein Prozent ins Minus.
Neuer Markt: Ixos ist zuversichtlich
Der Vorstand der Ixos Software hebt nach eigenen Angaben die Ergebnis-Prognose für das laufende Geschäftsjahr 2001/2002 an. Der Wert kletterte zuletzt um knapp sieben Prozent auf 7,17 Euro und war damit Spitzenreiter im Nemax 50. Auch Carrier1 und IDS Scheer legten gegen den schwachen Trend zu. Größter Verlierer im Nemax 50 war am Nachmittag der Online Broker comdirect mit einem Verlust von 67,3 Prozent.
Euro nach US-BIP eingebrochen
Der Kurs des Euro ist am Mittwoch nach Bekanntgabe des US-BIP auf ein Tagestief von 0,8601 Dollar eingebrochen. "Das US-BIP im vierten Quartal zeigt, dass die Rezession in den USA vermutlich nicht so schlimm ist wie bisher erwartet worden ist", sagte Volkswirt Carsten Fritsch von der Commerzbank in Frankfurt. Ohnehin stehe der Euro unter Druck, weil sich der "blaue Brief" der EU-Kommission wegen des deutschen Haushaltsdefizits anbahne.
Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs am Nachmittag bei 0,8642 (Dienstag: 0,8624) US-Dollar festgesetzt. Ein Dollar kostete damit 1,1571 (1,1596) Euro. Um 16 Uhr wurde der Euro leicht erholt bei 0,8614 Dollar gehandelt.