Börse am Nachmittag Kursrutsch im Nemax
Frankfurt am Main - Der Dax rutschte nach Eröffnung der Wall Street wieder tiefer ins Minus. Gegen 16.15 Uhr notierte der deutsche Leitindex auf 4877 Punkten, ein Minus von 2,1 Prozent. Im Handelsverlauf rutschte das Börsenbarometer bereits auf ein Jahrestief von 4869 Punkten. Am Neuen Markt gab der Nemax 50 noch deutlicher um 4,2 Prozent auf 1070 Zähler nach.
Der Dow Jones notierte nach 45 Handelsminuten auf 9625 Punkten, ein Minus von 0,6 Prozent. Die Nasdaq sackte um 1,1 Prozent auf 1834 Zähler ab. Die Aktien von Tyco International als auch die in New York notierten Hinterlegungsscheine (American Depository Receipts - ADRs) des irischen Spezial-Chemie-Unternehmens Elan gerieten wieder unter Druck. Tyco hatte einem Bericht des "Wall Street Journals" zufolge in den vergangenen drei Geschäftsjahren rund acht Milliarden Dollar für Übernahmen investiert, ohne dies öffentlich auszuweisen. Elan geriert bei den Anlegern auf Grund seiner Bilanzierungsmethoden in die Kritik. Händler haben daraus Parallelen zu Enron gezogen und fürchten weitere negative Schlagzeilen.
Zu dem Kursrutsch trugen auch schlechte Konjunkturdaten in den USA bei: Der Auftragseingang der US-Industrie ist im Dezember gegenüber dem Vormonat nur um 1,2 Prozent gestiegen, teilte US-Handelsministerium mit. Analysten hatten jedoch mit einer deutlicheren Steigerung gerechnet. Aber auch der Einkaufsmanagerindex ist wieder gefallen. Der Punktestand, der das Vertrauen in die US-Wirtschaft widerspiegelt, rutschte auf 49,6, erwartet wurden 51,5 Punkte. Nach ersten Einschätzungen am Aktienmarkt lassen die Daten darauf schließen, dass sich die Konjunktur nicht so schnell erholen werde, wie erwartet.
"Enronitis" lastet auf den Bankentiteln
Die Pleite des US-Energieriesen Enron trübte aber auch in Frankfurt immer noch die Stimmung am Markt und drückte vor allem die Aktien der Finanzinstitute ins Minus. So setzte die HypoVereinsbank ihre Talfahrt vom Vortag fort und führte mit einem Minus von annähernd vier Prozent auf 33,96 Euro die Verliererliste an. Titel der Deutschen Bank gaben 3,5 Prozent auf 67,35 Euro nach. Die niedrige Börsenbewertung stelle inzwischen eine Übernahmegefahr für das Unternehmen dar, sagte Vorstandschef Rolf-E. Breuer zuvor in einem Zeitungsinterview.
Die Commerzbank (minus 1,3 Prozent auf 18,73 Euro), die nach Vorlage ihrer Jahresbilanz deutlich weniger Dividende zahlen will, gab weiter nach. UBS Warburg bewertet nach den Zahlen die Aktie weiterhin mit "neutral", senkte allerdings das Kursziel von 20 auf 17,50 Euro. MLP-Anteilsscheine verbilligten sich um 3,1 Prozent auf 64,40 Euro. Händler erklärten den Kursrutsch mit der undurchsichtigen Bilanz des Finanzdienstleisters. Seit dem Enron-Debakel würde ein verwirrendes Zahlenwerk zunehmend für Skepsis sorgen, hieß es.
Schering-Aktien hielten sich dagegen im Plus und legten 0,7 Prozent auf 65,42 Euro zu. Der Pharmakonzern hat im abgelaufenen Geschäftsjahr Gewinn und Umsatz deutlich gesteigert. "Die Zahlen lagen leicht über den Schätzungen", sagte Ulrich Huwald, Pharma-Analyst bei M.M. Warburg. Ob Schering die Dividende über die bereits angedeuteten 0,80 Euro pro Aktie anhebe, sei nicht klar, sagte ein Analyst. Nach den Dividendenkürzungen bei einigen Dax-Unternehmen wäre dies jedoch ein Appetithappen für die Aktionäre.
Papiere des Reisekonzerns Preussag verloren den zweiten Tag in Folge deutlich und gaben um 3,2 Prozent auf 32,54 Euro ab. "Auf dem Markt ist ein großer Verkäufer aktiv, der den Kurs mit seinen Aufträgen nach unten drückt", sagte ein Händler in Hamburg. Auch charttechnisch sei der Wert angeschlagen, fügte ein anderer Börsianer hinzu. Preussag sei an der Widerstandsmarke von 35 Euro abgeprallt und befinde sich seitdem im "freien Fall". Unterstützung werde die Aktie erst wieder im Bereich von 28 bis 30 Euro finden.
Aktien der Lufthansa gaben um 1,6 Prozent auf 16,83 Euro ab. Händler erklärten die Verluste mit den Zahlen des irischen Konkurrenten Ryanair. Der Billigflieger hat im dritten Quartal einen Rekordgewinn von 28,8 Millionen Euro erzielt. Das entspricht einer Steigerung von 35 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. "Solche Zahlen lassen bei vielen Investoren offenbar Ängste aufkommen, dass die Iren der Lufthansa Marktanteile abjagen", sagte ein Händler in Frankfurt.
Auch für die Telekommunikationstitel kommt es dieser Tage knüppeldick. In den USA belasten Gerüchte über Liquiditätsprobleme von Worldcom. In Europa leidet Vodafone unter Ertragsschwäche, und France Telecom wurde wegen der drückenden Schuldenlast in seiner Kreditwürdigkeit herabgestuft. Hinzu kommen die Probleme der Deutschen Telekom beim Kabelnetzverkauf: Das "Handelsblatt" zitierte Telekom-Chef Ron Sommer, der Schuldenabbau könnte ins Stocken geraten, falls der Verkauf des Kabelnetzes und der Börsengang der Mobilfunk-Tochter T-Mobile scheitert. Die Telekom entwirft nach einem Bericht der FTD intern bereits konkrete Szenarien, wie es nach einem möglichen Scheitern des Kabelnetz-Verkaufs an den US-Investor Liberty Media weiter gehen soll. Die T-Aktie verlor 0,8 Prozent auf 15,79 Euro.
Im MDax bröckelte der Kurs der ProSiebenSat.1-Aktie um 6,3 Prozent auf 4,50 Euro. Zuvor hatte der Vorstandschef der Deutschen Bank, Rolf Breuer, in einem Fernsehinterview gesagt, der Finanzsektor sei "unter den derzeitigen Umständen nicht bereit, weiteres Kapital (für Kirch) zur Verfügung zu stellen". Der bereits hoch verschuldeten KirchGruppe stehen in diesem Jahr möglicherweise milliardenschwere Forderungen ins Haus. "Die Aktie hat schon immer auf solche Meldungen im Zusammenhang mit Kirch reagiert", sagte ein Händler in Frankfurt. Der mögliche weitere Einstieg des Rechtehändlers Rupert Murdoch in den defizitären Bezahlfernsehsender "Premiere" habe die Aktie an den Vortagen auf mehr fünf Euro getrieben.
Nach der Aussage Breuers wird Händlern zufolge die Luft für Kirch dünner: "Bisher hat sich Kirch immer aus solchen Situationen gerettet, dachten die Börsianer bisher", sagte ein Frankfurter Marktbeobachter. Nachdem die Bayerische Landesbank - auch unter dem Einfluss von Kanzlerkandidaten Eduard Stoiber - bisher bereitwillig Kredite vergeben habe, "ist diese Pipeline jetzt wohl auch verstopft". Die Bayern-LB ist laut "Handelsblatt" derzeit mit einem Volumen von 1,5 bis zwei Milliarden Euro bei Kirch engagiert und will Zeitungsberichten zufolge keine weiteren Gelder bereitstellen. "Die heutige Kursbewegung ist rein von der Angst getrieben", sagte ein weiterer Händler einer Großbank. Obwohl die finanziellen Engpässe bekannt seien und auch der Streit zwischen der Axel Springer und deren Aktionär Kirch bereits vorher eskaliert sei, habe erst das Breuer-Interview zu dem Kursrutsch geführt. "Jetzt ist wohl jedem klar geworden, wie ernst es um Kirch steht, obwohl die ProSieben-Aktie davon ja nur mittelbar betroffen ist", sagte der Händler.
Neuer Markt: Angst vor der nächsten Pleite
"Die Auftragsbücher sind leer", beschrieb ein Händler einer Großbank in Frankfurt die Marktstimmung. "In den USA spielt man die Angst vor weiteren Pleiten und unsicheren Bilanzzahlen", sagte ein anderer Börsianer. Mittlerweile seien die meisten US-Indizes auch charttechnisch angeschlagen.
Größter Verlierer im Nemax 50 - bis zum Nachmittag verbuchte nur die IM Internationalmedia-Aktie leichte Gewinne - war zeitweise das Papier von Carrier 1 . Die Aktie verlor mehr als 13 Prozent auf 0,63 Euro. Schon am Vortag brachen die Titel des angeschlagenen Telekommunikations-Ausrüsters bei hohen Umsätzen um über 40 Prozent ein, nachdem das Unternehmen zuvor bekannt gegeben hatte, es könne wegen rechtlicher Probleme ein Anleihenrückkaufprogramm nicht durchführen.
Die Aktien von Rhein Biotech verloren 12,6 Prozent auf 51,98 Euro. Bereits an den beiden Handelstagen zuvor war die Aktie um insgesamt 15 Prozent abgesackt. "Es gibt institutionelle Investoren, die aggressiv verkaufen", begründete ein Händler den Kursrutsch.
"Die Zahlen haben nicht negativ überrascht - und das ist doch auch schon etwas", sagte ein Händler nach Veröffentlichung der vorläufigen Jahresumsätze bei Pfeiffer Vacuum . Die Aktie des Spezialisten für Vakuumtechnik gab um 1,3 Prozent auf 35,55 Euro nach.
Kurs des Euro gestiegen
Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs bei 0,8683 (Montag: 0,8644) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 1,1517 (1,1569) Euro. Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,6115 (0,6097) Pfund, 115,68 (115,22) Yen und 1,4751 (1,4805) Schweizer Franken fest.