Börse am Nachmittag Tech-Titel gehen unter
Frankfurt am Main Die deutschen Aktienmärkte haben ihre Verluste bis zum Nachmittag kontinuierlich ausgebaut. Der Dax rutschte bis 16 Uhr um 3,1 Prozent auf 3474 Punkte. Damit hat der Leitindex die Gewinne vom Vortag wieder abgegeben. Die Nebenwerte verloren um durchschnittlich 1,9 Prozent ab und drückten den MDax auf 3219 Zähler. Belastet von MobilCom und Intershop verlor der Nemax 50 auf 439 Punkte, ein Minus von 3,2 Prozent. Im Tagesverlauf hat der Auswahlindex vom Neuen Markt bereits ein Rekordtief von 437 Zählern markiert.
Die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), den Leitzins unverändert zu belassen, ist am Markt erwartet worden und hat die Kurse Börsianern zufolge nicht beeinflusst. Die Inflationsrisiken sind nach Einschätzung des EZB-Präsidenten, Wim Duisenberg, "ausgewogen". Der derzeitige Leitzins von 3,25 Prozent sei "angemessen".
Der Markt warte vielmehr mit Spannung auf die Reden von US-Präsident George W. Bush und Notenbankpräsident Alan Greenspan, sagte Aktienhändler Dieter Lügering von der Hamburger Berenberg Bank. Erst dann werde sich die Richtung des Marktes für den Tag entscheiden, fügte er an. Kurzfristige Erholungstendenzen im Verlauf bezeichnete Lügering als "rein technisches Vorgeplänkel".
In den USA präsentierten sich die Börsen vor den Ankündigungen von Bush und Greenspan schwach. Innerhalb der ersten halben Handelsstunde gab der Dow Jones um 1,2 Prozent auf 8474 Punkte nach. Der Nasdaq notierte auf 1296 Zählern, ein Minus von 1,4 Prozent.
Vor Handelsbeginn sind enttäuschende Konjunkturdaten veröffentlicht worden. So ist das Leistungsbilanzdefizit der USA im zweiten Quartal deutlicher gewachsen als erwartet. Das Minus habe im Zeitraum Mai bis Juni 2002 130 Milliarden Dollar betragen, teilte das US-Handelsministerium mit. Im ersten Quartal hatte das Defizit noch bei 112,5 Milliarden Dollar gelegen.
Zudem sind in der vergangenen Woche überraschend viele Anträge auf Arbeitslosenhilfe eingegangen. Die Zahl der Erstanträge habe sich in der Woche bis 7. September um 19.000 auf saisonbereinigt 426.000 erhöht, teilte das US-Arbeitsministerium mit. Damit gab es bei den wöchentlichen Anträgen einen Rekord seit 20. April. Volkswirte hatten im Durchschnitt mit einem Rückgang um 3000 auf 400.000 gerechnet.
ThyssenKrupp trotzt dem schwachen Markt
Mit Gewinnen setzten sich ThyssenKrupp , Degussa und Bayer hartnäckig gegen den schwachen Trend im Dax durch. Die ThyssenKrupp-Aktie gewann um 1,6 Prozent auf 13,04 Euro. Die Titel von Degussa und Bayer gewannen jeweils um rund 1,1 Prozent auf 30 beziehungsweise 22,26 Euro.
Ein Händler machte bei solchen Aktien eine "günstige Einstiegsgelegenheit" aus. Anleger orientierten sich hin zu Werten mit einer guten Dividendenrendite und hohem Buchwert. "Es wird von spekulativen Werten in sicherere Häfen umgeschichtet. Substanz bekommt man schließlich derzeit sehr günstig an der Börse."
Philips lastet auf Infineon
Die Verliererliste wurde angeführt von Infineon . Das Papier des Halbleiterproduzenten verlor um annähernd acht Prozent auf 9,37 Euro. "Infineon fällt wegen Philips", sagte Fondsmanager Daniel Kerbach von Activest. Philips erwartet für das dritte Quartal einen Umsatzrückgang im Chipbereich zwischen 13 und 15 Prozent im Vergleich zum Vorquartal und ist damit deutlich pessimistischer als noch vor zwei Monaten. Fondsmanager Kerbach ergänzte, die Kunden der Chip-Hersteller würden zudem einen großen Druck auf die Preise ausüben, was den Firmen zu schaffen mache. In Amsterdam fielen Philips-Aktien um mehr als acht Prozent.
Auch die anderen Technologiewerte wie SAP (minus 3,6 Prozent auf 66,01 Euro), Siemens (minus 2,7 Prozent auf 45,52 Euro) und Epcos (minus 2,6 Prozent auf 13,01 Euro) präsentierten sich äußerst schwach.
Gerüchte drücken die Allianz ins Minus
Die Aktien des Versicherungsriesen Allianz rutschten um 3,3 Prozent auf 113,38 Euro. Gerüchte über eine Anteil-Senkung durch die HypoVereinsbank lasteten auf dem Papier. Zudem habe Merrill Lynch auf die "relativ anfällige Kapitalposition" der Allianz AG verwiesen, sagten Händler. "Allianz hat in den vergangenen Tagen unter Druck gestanden. Daher macht es Sinn, dass die HypoVereinsbank tröpfchenweise ihren Anteil auf den Markt wirft", sagte ein Händler mit Blick auf die in Frankfurt und London kursierenden Spekulationen. Ein weiterer Marktbeobachter sagte, die HypoVereinsbank wähle gewöhnlich den Weg über den offenen Markt, um ihre Beteiligungen zu reduzieren. Im Juni hatte die Bank über diesen Weg ihren Allianz-Anteil von 6,8 auf 4,6 Prozent gekürzt.
Zocker spielen mit Mobilcom
Wenige Stunden vor der Entscheidung über die Zukunft von Mobilcom hat die Aktie des Büdelsdorfer Mobilfunk-Unternehmens ihre rasante Talfahrt gestoppt und sich ins Plus aufgeschwungen. "Die Aktie ist schon lange ein Zockerpapier", sagten Händler einstimmig. "Hoch volatil, mehr kann man dazu nicht sagen." Nach frühen Gewinnen war die Mobilcom-Aktie zweistellig eingebrochen, erholte sich aber am Nachmittag wieder. Zuletzt notierte das Papier wieder fünf Prozent stärker auf 2,10 Euro.
"Die Prozentrechnung ist schön und gut, aber entweder ist ein Papier etwas wert oder nicht", sagte ein Händler. Institutionelle Anleger seien schon lange aus der Aktie raus. Am Abend will die France Telecom über ihre Mobilcom-Beteiligung entscheiden. Steigt der französische Telekomkonzern bei Mobilcom aus, droht die Insolvenz und der Verlust von 5000 Arbeitsplätzen. In Marktkreisen sind sich Händler und Analysten uneinig, was die Pariser beschließen werden. Auch am Donnerstag seien "gegenseitige Aussagen" von der französischen Seite und von Mobilcom gekommen, sagte der Händler. Dies gebe es derzeit täglich.
Intershop: Aktie fällt auf Rekordtief
Mit Verlusten von zeitweise 45 Prozent haben die Aktien des Softwareanbieters Intershop auf die angekündigten Kapitalmaßnahmen reagiert. Durch außerplanmäßige Abschreibungen auf eine Softwareentwicklungsfirma und US-Aktivitäten werde das Eigenkapital die Hälfte des Grundkapitals unterschreiten, sagte Finanzchef Jürgen Schöttler der Nachrichtenagentur Reuters. Der einzuberufenden außerordentlichen Hauptversammlung solle eine Kapitalherabsetzung durch Aktienzusammenlegung im Verhältnis fünf zu eins vorgeschlagen werden. Dieser so genannte Reverse Aktiensplitt sei die Basis, um dann frisches Kapital aufzunehmen.
Analysten bezeichneten die Kapitalmaßnahmen in der gegenwärtigen Situation als schlüssig und nachvollziehbar, um durch eine Verbesserung der Eigenkapitalbasis und der liquiden Mittel die Position von Intershop gegenüber Kunden zu stärken. An dem Ziel, aus eigener Kraft im vierten Quartal des laufenden Geschäftsjahres ein ausgeglichenes operatives Ergebnis zu erzielen, hielt Intershop fest. "Es gibt keinerlei Korrekturen an dieser Stelle", sagte Schöttler.
Euro etwas fester, Nikkei trotzt der Wall Street
Euro etwas fester
Der Kurs des Euro ist leicht gestiegen. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 0,9757 (Mittwoch: 0,9749) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 1,0249 (1,0257) Euro.
Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,6274 (0,6264) britische Pfund, 117,17 (116,93) japanische Yen und 1,4656 (1,4624) Schweizer Franken fest.
Tokio: Leichte Gewinne trotz negativer Wall Street
Die asiatische Leitbörse in Tokio hat am Donnerstag ganz leicht im Plus geschlossen. Trotz der negativen Vorgaben der Wall Street legte der Nikkei-Index für 225 führende Werte um 15,15 Punkte oder 0,02 Prozent auf 9415 Punkte zu. Der breit angelegte Topix stieg um 3,53 Punkte oder 0,4 Prozent auf 920 Zähler. Nach Angaben von Händlern wurde der Markt von dem im Verhältnis zum Yen starken Dollar gestützt. Davon profitierten exportorientierte Titel.
Die Papiere des Technologieunternehmens Hitachi verbesserten sich um acht auf 642 Yen. Nach einer Gewinnwarnung vom Vortag waren die Aktien im frühen Handel zunächst unter Druck geraten.
Chip-Werte beendeten den Handelstag uneinheitlich. Fujitsu verloren acht auf 596 Yen, NEC kletterten um sechs auf 623 Yen und Mitsubishi Electric gaben ein Yen auf 407 Yen ab.
Schwacher Yen treibt die Autowerte an
Die Autohersteller schlossen beflügelt vom schwachen Yen überwiegend fester. Honda kletterten um 50 auf 5000 Yen, Toyota 20 auf 3020 Yen und Nissan 17 auf 911 Yen.
Die Papiere des Telekomkonzerns NTT DoCoMo verbilligten sich um 3000 auf 230.000 Yen. Händler machten dafür Sorgen über die Gewinnsituation in der Mobilfunksparte verantwortlich. Softbank gaben 52 auf 1051 Yen ab, nachdem die Ratingagentur Moody's eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit erwägt.