Börse am Vormittag Infineon gegen den Trend
Frankfurt am Main - Die deutschen Aktienmärkte haben am Mittwoch Vormittag weiter nachgegeben. Der Dax fiel bis elf Uhr um 1,4 Prozent auf 5765 Punkte zurück. Die Wachstumswerte im Nemax 50 drehten wieder in den roten Bereich und verzeichneten Abschläge von 0,4 Prozent auf 1147 Punkte ins Plus. Die Aktienmärkte konnten damit nicht die guten Vorgaben der US-Börsen aufnehmen, sondern reagierten mit empfindlichen Abschlägen auf den schwachen Ausblick der amerikanischen Technologieriesen Apple und Intel.
Gedrückt wurden die Kurse von Technologie-Aktien auch durch die schwachen Zahlen des niederländischen Chipherstellers ASML. In den ersten sechs Monaten habe das Unternehmen einen Nettoverlust von 96 Millionen Euro verzeichnet, nachdem es im Vorjahr einen Nettogewinn von 149 Millionen Euro erzielt hatte. ASML erwartet den Aufschwung nicht vor der zweiten Jahreshälfte in 2002.
Mit Ausnahme von Infineon, die ins Plus drehten und mit leichten Aufschlägen von 0,35 Prozent auf 26,09 Euro in der Spitze des Dax standen, gehörten Technologiewerte zu den größten Verlierern bei den Standardwerten. Die Aktien von Siemens und Epcos verloren 2,30 bzw. 2,66 Prozent und waren damit schwächste Werte im Dax. Die Papiere des Softwarekonzers SAP gaben einen Tag vor Bekanntgabe der Quartalszahlen 1,70 Prozent auf 146 Euro nach. Für die Deutsche Telekom ging es um 1,54 Prozent auf 25,52 Euro abwärts.
Europas größte Bäckerei-Kette Kamps hat ihre Gewinnprognose für 2001 deutlich nach unten korrigiert und damit einen Kurssturz der Aktie ausgelöst. Das Ertragsziel für das gesamte Geschäftsjahr von 130 Millionen Euro vor Steuern und Zinsen werde nicht erreicht, teilte das Unternehmen mit. An der Börse sorgte die Ankündigung für einen Einbruch der im M-Dax notierten Aktie um fast 40 Prozent auf 6,65 Euro.
Schlechte Nachrichten auch vom Neuen Markt: DCI Database hat vorläufigen Zahlen zufolge im ersten Halbjahr 2001 den Verlust vor Zinsen und Steuern (Ebit) gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreswert von 7,4 Millionen Euro auf 15 Millionen Euro mehr als verdoppelt. Der Umsatz sei im Berichtszeitraum von 4,1 Millionen Euro auf 6,7 Millionen Euro gestiegen, teilte das auf E-Commerce spezialisierte Unternehmen vor Handelsbeginn mit. Die Aktie fiel um mehr als 15 Prozent auf 1,60 Euro.
Group Technologies stiegen um 13 Prozent auf 3,34 Euro. Der E-Security-Experte hat im zweiten Quartal sein Umsatzziel übertroffen und einen Gewinn von 0,10 Mark pro Aktie ausgewiesen, nachdem das Unternehmen im vergleichbaren Vorjahreszeitraum noch einen Verlust von 0,03 Mark eingefahren hatte. Gleichzeitig bekräftigte das Unternehmen die Umsatzprognose von 17,8 Millionen Mark und die Prognose für das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von etwa 1,8 Millionen Mark für das Jahr 2001.
Intershop führten die Gewinnerliste im Nemax 50 mit Aufschlägen von rund acht Prozent auf 3,60 Euro an. Das Online-Portal von Quelle soll einer Pflichtveröffentlichung des Softwareherstellers zufolge auf dessen E-Business-Plattform "Enfinity" umgestellt werden. Das Lizenz-Auftragsvolumen belaufe sich auf mehrere Millionen Euro.
Apple warnt vor geringeren Gewinnen
Die amerikanischen Aktienmärkte beendeten den Handel im Plus: Der Dow Jones hatte am Dienstag im späten Handel die 200-Tage-Linie nach oben durchbrochen und mit einem Plus von 1,3 Prozent auf 10.606 Zähler geschlossen. Die US-Technologiebörse Nasdaq steigerte sich um 1,9 Prozent auf 2067 Zähler.
Nach Börsenschluss vermeldeten der Computerhersteller Apple und der weltgrößte Chipkonzern Intel drastische Gewinneinbrüche. Allerdings lagen die Quartalszahlen leicht über den stark reduzierten Erwartungen der Analysten.
Bedenklich stimmt, dass die Konzerne in der Nacht einen schwachen Ausblick abgaben. So warnte Apple für das zweite Halbjahr vor deutlich geringeren Umsätzen. Und auch der Ausblick von Intel ist nicht berauschend. Infolge der schwachen Prognosen der US-Konzerne fiel die asiatische Leitbörse in Tokio deutlich ab. Erstmals seit März diesen Jahres notierte der Nikkei unter die Marke von 12.000 Punkten.
Nach Börsenschluss meldete das Internet-Unternehmen Real Networks schwächer als erwartete Quartalszahlen und sprach eine Gewinnwarnung für das dritte Quartal aus.
Die Börsianer erwartet heute ein dickes Programm: Geschäftszahlen unter anderem von den Technologiekonzernen IBM, Altana, AOL Time Warner stehen auf der Agenda. Ebenfalls vor Handelsschluss in Deutschland berichten Ford, Coca-Cola und die Großbank J.P Morgan Chase über die abgelaufenen Quartale. Nach Börsenschluss in den USA kommen Applied Micro Circuits, Broadcom und I2 Technologies mit ihren Geschäftszahlen heraus.
Ihren Blick nach Amerika werden die Börianer heute aber vor allem auf einen Mann richten. Der US-Notenbankchef Alan Greenspan wird seine Einschätzung über den künftigen Konjunkturverlauf in den USA vor dem Finanzausschuss des Repräsentantenhauses vortragen. Dabei dürfte Greenspan die jüngsten Konjunkturdaten für den Monat Juni (Verbraucherpreise, Realeinkommen) vermutlich schon kennen. Sie werden gegen 14.30 Uhr erwartet.
Greenspan in der Kritik
Das Image des Magiers hat Risse bekommen. Greenspan wird sich bohrenden Fragen stellen müssen. So wollen die Abgeordneten etwa wissen, warum die Konjunktur in den USA trotz der bereits zurückliegenden sechs Zinssenkungen nicht besser verläuft.
Mittlerweile werden sogar Stimmen laut, die den Notenbankchef für die Misere der US-Wirtschaft mit verantwortlich machen. Zentraler Vorwurf: Greenspan habe durch eine zu lockere Zinspolitik in den 90er Jahren die Märkte mit Liquidität geradewegs zu überschwemmt und die Voraussetzungen für die Technologieblase, die jetzt geplatzt ist, überhaupt erst geschaffen.
Der Schaden ließe sich kaum noch reparieren, kritisiert etwa Stephen Roach, Chefvolkswirt von Morgan Stanley Dean Witter in der Tageszeitung "Die Welt". Dabei könnte Greenspan nach Einschätzung von anderen Analysten die Zinsen erneut um 25 Basispunkte senken.