Börse: Angst vor Reformstau drückt Dax - DER SPIEGEL
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Börse Angst vor Reformstau drückt Dax

Katerstimmung an der Frankfurter Börse: Der Dax erholt sich nur langsam von dem Schock des unklaren Wahlergebnisses. Mit der großen Koalition drohe Deutschland der Stillstand, fürchten die Börsianer.
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Frankfurt am Main - Ein umfassender Reformkurs sei nach diesem unklaren Wahlausgang nicht mehr zu erwarten, sagte der Leiter des Forschungsbereichs Finanzwirtschaft am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Friedrich Heinemann. "Insgesamt bedeutet das, dass die Chance verpasst wurde, Deutschland auf einen hohen Wachstumspfad zu hieven." Auch die Analysten der Großbank UBS, Bernd Janssen und Ralf Kugelstadt, glauben, dass der Reformprozess ins Stocken geraten oder möglicherweise ganz aussetzen werde - egal, welche Regierungskoalition sich am Ende durchsetzt.

Eine Situation, die die Börse gar nicht mag: Unsicherheit wirkt wie Sand im Getriebe des Aktienmarkts. Dem entsprechend reagierte der Dax   zunächst auch mit heftigen Einbrüchen auf den Wahlausgang. Zum Börsenauftakt fiel der Leitindex auf 4899 Punkten und damit auf den tiefsten Stand seit einem Monat. Später erholte sich das Börsenbarometer und kletterte auf rund 4920 Punkte.

Schwere Enttäuschung

Vor dem Urnengang hatten die meisten Börsianer auf einen deutlichen Wahlsieg von Union und FDP gehofft, da sie sich von einer schwarz-gelben Regierungskoalition eine Beschleunigung der Reformpolitik erwarteten. Der Dax hatte seit der Ankündigung vorgezogener Neuwahlen durch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) im Mai daher knapp 15 Prozent zugelegt und damit stärker gewonnen als die meisten europäischen Aktienmärkte.

Bei der Bundestagswahl kamen CDU/CSU und FDP jedoch nicht auf die von den Märkten erhoffte Mehrheit. Rot-Grün wurde zwar abgewählt, gemeinsam mit der Linkspartei kämen SPD und Grüne allerdings auf eine Mehrheit. SPD-Spitzenpolitiker erteilten am Abend einem solchen Bündnis oder einer Duldung einer rot-grünen Koalition durch die Linke jedoch eine klare Absage. Wahrscheinlicher ist, dass CDU/CSU und SPD sich in einer Großen Koalition auf mehr als zwei Drittel der Stimmen im Parlament stützen. Auch wäre nach den Hochrechnungen eine "Ampelkoalition" von SPD, Grünen und FDP rechnerisch möglich, diese schloss aber wiederum FDP-Parteichef Guido Westerwelle kategorisch aus.

Angst vor der Hängepartie

An dem überraschenden und vor allem vollkommen offenen Wahlergebnis schlucken besonders die Energieversorger schwer. Nun, da eine Regierungskoalition aus CDU/CSU und FDP rechnerisch unmöglich ist, sinken auch die Chancen, dass die Restlaufzeiten von Atomkraftwerken verlängert werden. Auch der Euro geriet, wie bereits am Morgen von Experten befürchtet, unter Druck. Die europäische Gemeinschaftswährung fiel zeitweise unter den Kurs von 1,20 Dollar und notierte gegen Mittag bei 1,2135. Am Freitag vor den Bundestagswahlen hatte die Europäische Zentralbank (EZB) den Referenzkurs noch auf 1,2243 Dollar festgesetzt.

Die Kapitalmarktexperten Rolf Elgeti von der niederländischen Großbank ABN Amro und der SEB-Chefanlagestratege Klaus Schrüfer rechneten jedoch nicht mit dauerhaften Verlusten am Aktienmarkt. "Die Unternehmen werden profitabler und sind niedrig bewertet. Diese fundamentalen Faktoren werden sich wieder durchsetzen", sagte Schrüfer.

Fondsmanagers Thomas Meier hält es zwar für möglich, dass es in den nächsten Tagen zu größeren Schwankungen am deutschen Aktienmarkt kommt: "Wir sehen aber keinen Grund für einen deutlichen Trend nach unten", sagte der Finanzexperte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. Allerdings dürften sich die Parteien auf keinen Fall in den Koalitionsverhandlungen verstricken, warnt Meier - dann drohe eine dauerhafte Schwächephase.

Auch andere Experten warnen vor einer Hängepartie bei der Regierungsbildung: "Sollten sich die Koalitionsverhandlungen über Wochen hinziehen, dann könnten sich vor allem die ausländischen Investoren, die zuletzt hohe Summen am deutschen Aktienmarkt in der Hoffnung auf zunehmende Reformen investiert hatten, wieder zurückziehen", warnte Fondsmanager Markus Steinbeis von Activest. "Die Konsequenz wäre, dass der Dax sich im Vergleich zu anderen europäischen Börsen weniger stark entwickeln würde."

"Noch ist nicht alles verloren"

Kein Wunder also, dass Unternehmer der verschiedensten Branchen die Parteien zur Eile und zu einem klaren Reformkurs mahnen. "Deutschland hat keine Zeit zu verlieren", beschwor Bernd Gottschalk, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), die verhandlungsführenden Politiker.

Auch ifo-Chefsvolkswirt Gernot Nerb sprach sich dafür aus, die begonnen Reformen fortzuführen. Ansonsten ist der Wirtschaftsexperte einer der wenigen, die trotz des Wahlausgangs die Zuversicht in die Reformfähigkeit des Landes nicht verloren haben: "Auch in einer großen Koalition könne man einiges bewegen", kommentierte er das Ergebnis: "Noch ist nicht alles verloren."