Börse Bombay "Wir müssen stark bleiben"
Bombay - Die Kurve zeigt steil nach oben. Ein paar Knicke nach unten, aber Riesensprünge nach oben. Das Plakat, das die Entwicklung des Sensex zeigt, des wichtigsten Index der Börse von Bombay, hängt in vielen Büros der Broker an der Dalal Street. Dalal Street - wenn die Aktienhändler und Bankleute in Bombay von dieser Straße sprechen, wo die Bombay Stock Exchange (BSE) ihren Sitz hat, liegt Ehrfurcht in ihrer Stimme. Die BSE wurde 1875 gegründet, sie ist die älteste Börse Asiens und, gemessen an der Zahl der Transaktionen, die sechstgrößte der Welt.
"Wir sind zuversichtlich, dass wir uns weiterhin sehr gut entwickeln", sagt ein Aktienhändler, der sich Ray nennt. Den vollen Namen will zurzeit kein Broker genannt wissen. "Nach den Terroranschlägen von vergangenem Dienstag auf Züge in Bombay schaut die ganze Finanzwelt auf uns, da kann jede Aussage die Kurse beeinflussen", erklärt Ray. "Wenn die Kurse fallen und mein Chef liest meinen Namen in der Presse, kriege ich eine Menge Ärger."
Doch ernsthafte Sorgen machen sich die Börsianer kaum. Selbst bei den Nachrichten von der Bombenserie sehen sie die positiven Aspekte: keine bürgerkriegsähnlichen Szenen zwischen Hindus und Muslimen, wie 1993, als auf zwölf Bombenexplosionen in der Stadt - die erste davon detonierte in der Tiefgarage der Börse - monatelange Kämpfe folgten; kein Osama bin Laden, der Indien zu seinem neuen Kampfgebiet erklärt. Al-Qaida, hofft man hier, ist weit weg. Weil die Menschen in Bombay die Lage schon am Tag nach dem Terror gut im Griff hatten, blieb der befürchtete Börsencrash aus - der Sensex stieg sogar um drei Prozent.
Anschlag auf die Leistungsträger
Nach ein paar Sätzen über die Bomben wendet man sich in der Dalal Street lieber anderen Themen zu. Zum Beispiel hat das IT-Unternehmen Infosys aus Bangalore gerade gigantische Wachstumszahlen bekannt gegeben. Im kommenden Geschäftsjahr sollen noch 50 Prozent mehr sein, murmeln die Broker. Und das Interesse ausländischer Unternehmen an Indien ist nach wie vor groß: Am Wochenende gab der US-Bierriese Anheuser-Busch bekannt, sich auf dem indischen Markt positionieren zu wollen. Und für Begeisterung auch jenseits ökonomischer Interessen sorgt die Ankündigung des US-Motorradherstellers Harley Davidson, auf der Suche nach einem Partner in Indien zu sein. Die Maschinen dürften sich zwar nur die Reichsten im Land leisten können, aber wen interessiert das schon, Hauptsache, es knattern irgendwann Harleys durch die Straßen vom Bombay.
"Wir müssen stark bleiben", sagt Ray. Kommentatoren in indischen Zeitungen sind sich einig, dass die Anschläge sich vor allem gegen die Leistungsträger in der indischen Gesellschaft gerichtet hätten, weil die sieben Bomben allesamt in den Erste-Klasse-Abteilen explodierten.
"Unsere Basis ist die Wirtschaft", sagt R. Patel, Chef der Bombay Stock Exchange. "Und unsere Basis ist stark." Das ist alles, was er sagt. "Sie müssen entschuldigen, ich komme gerade von Gesprächen aus Bangalore und bin jetzt gleich auf dem Weg zu Gesprächen in den USA." Am Eingang der Börse hat Patel ein Schild aufstellen lassen: "Die BSE ist auf vielfältige Weise ein Symbol des Willen und des Potentials Indiens, eine führende Wirtschaftsmacht der Welt zu sein."
Patel schickt seinen Sprecher Kalyan Bose. Bose sagt, die Menschen an der Börse hätten keine Angst vor Terroranschlägen. "Seit 1993 haben wir überall Sicherheitskräfte, jede Person, jedes Auto wird kontrolliert. Mehr können wir nicht tun." Terror sei außerdem etwas, das die ganze Welt betreffe, die USA, London, Madrid, leider auch Bombay. "Aber das kann nicht unser Handeln bestimmen."
Indien sucht einen Weg, der weniger abhängig ist vom Öl
Angst haben die Börsianer - wie wohl alle ihre Kollegen an den anderen Handelsplätzen in der Welt - viel mehr vor der explosiven Lage in Nahost, vor einem möglichen Krieg der USA gegen Iran und vor einer Eskalation in Irak. "Dann steigt der Ölpreis, und das kann unser Wachstum rapide stoppen", sagt Aktienhändler Ray. "Ich schätze, dass Ölimporte fast 50 Prozent aller unserer Importe ausmachen."
Börsensprecher Bose erklärt: "Wir sind ja keine isolierte Wirtschaft, sondern sind genauso abhängig vom Ölpreis, von der Zinsentwicklung et cetera, wie alle anderen Volkswirtschaften." Dann fügt er hinzu: "Unser Vorteil ist aber, dass wir durch unsere wirtschaftliche Stärke, durch die Bevölkerungsgröße und durch das Vorhandensein von Rohstoffen wiederum relativ unabhängig sind." Indien arbeite daran, anders als die westlichen Industriestaaten einen Weg zu gehen, der weniger vom Erdöl anhänge. "Und wir müssen noch viel mehr Investoren im In- und Ausland für Indien gewinnen. Im Bereich der Investitionen ist das Potential noch längst nicht ausgeschöpft. Noch längst nicht."
Sorge bereitet den Börsianern derzeit aber vor allem das Gerede darüber, dass der Boom in der Computer- und Software-Branche bald vorbei sein könnte - weil die Löhne in den indischen IT-Metropolen steigen würden, es zudem kaum noch freie Arbeitskräfte gebe und weil ausländische Firmen daher nach Alternativen suchten.
Als größten Konkurrenten sehen indische Ökonomen den Nachbarn China. Eine am Samstag veröffentlichte Studie der Unternehmensberatung Diamond Cluster International bestätigt entsprechende Befürchtungen. "Die Party ist vorbei, Leute", schreibt die Wirtschaftszeitung "The Economic Times". Um dieser Entwicklung zu begegnen, sollen nun nach Meinung der indischen Unternehmen andere Städte, die bisher nicht so sehr zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes beigetragen haben, fit gemacht werden - Kalkutta, Mysore und Chandigarh werden als Beispiele genannt, dort gebe es genügend Englisch sprechende Menschen.
In Bombay kommen solche Pläne gut an. "40 Prozent aller Steuereinnahmen Indiens kommen aus dem Großraum Bombay, da muss unbedingt eine Entwicklung in den anderen Regionen stattfinden", sagt Ray. "Oder wir müssen eben unabhängig werden, ein Stadtstaat, wie Singapur."