Börse Bonus von Eichel
Wo auch immer Hans Eichel in diesen Tagen auftritt, feiert er sich und sein segensreiches Wirken. Viel ist dann die Rede davon, dass es ihm gelungen sei, "den Reformstau abzuarbeiten" und mit der Steuerreform "unser Land zu erneuern". Ausführlich erklärt der Bundesfinanzminister bei solchen Gelegenheiten auch, wem die "größte Steuerentlastung in der Geschichte der Bundesrepublik" denn vor allem zu gute kommen soll: den Arbeitern und Familien natürlich, und dem Mittelstand. So entspricht es der sozialdemokratischen Tradition.
Dass seine Steuerreform auch einer ganz anderen, meist vermögenden Klientel nützt, verschweigt Eichel lieber: Es sind Deutschlands Aktionäre, die sich bereits jetzt, noch ehe das Gesetz am 1. Januar 2001 überhaupt in Kraft tritt, auf einen unverhofften Geldsegen freuen dürfen.
Denn ganz tief in seinem 207-seitigen Gesetzeswerk hat Eichel einen Passus versteckt, der die Konzerne geradezu ermuntert, milliardenschwere Gewinne an ihre Aktionäre auszuschütten - und dabei massiv Steuern zu sparen. So will allein der Chemieriese BASF im nächsten Jahr eine halbe Milliarde Mark an seine 397.000 Aktionäre verteilen. Ähnlich hoch dürfte die Sonderzahlung beim Berliner Pharmakonzern Schering ausfallen. Ebenfalls einen dreistelligen Millionenbetrag wird die Südzucker AG aus Mannheim als Sonderdividende an ihre Anteilseigner überweisen, darunter rund 30.000 Rübenbauern aus dem Süden der Republik. Beim Medizinkonzern Fresenius denken die Vorstände ebenfalls über solche Extra-Ausschüttungen nach. Börsengerüchte über eine mögliche Sonderausschüttung beflügelten diese Woche auch den Aktienkurs der Münchener Rückversicherung.
Wunderbare Geldvermehrung durch komplizierte Steuergesetze
Kein Wunder also, dass die "Börsen-Zeitung" bereits eine neue "Labsal für Aktionäre" ausgemacht hat. Die Analysten der Helaba Trust, der Investmentgesellschaft der Landesbank Hessen-Thüringen, sprechen angesichts des Geldregens, den sie vor allem in den nächsten beiden Jahr erwarten, schon von einer "Millenniums-Dividende". Und dies gilt nicht nur für Anleger, die bereits im Besitz entsprechender Aktien sind, sondern auch für all diejenigen, die sich bis zum Zeitpunkt der Ausschüttung mit Wertpapieren der jeweiligen Firmen versorgen.
Der Trick, den die Aktiengesellschaften nutzen, ist im Prinzip simpel: Zu jeder sechsten Mark, die ein Unternehmen an seine Aktionäre ausschüttet, schießt Hans Eichel eine weitere Mark zu. Auf diese Weise erhalten die Konzerne rund 73 Milliarden Mark zurück, die sie in den vergangenen Jahren zu viel an den Fiskus überwiesen haben.
Die wundersame Geldvermehrung ist eine Folge komplizierter Steuergesetze. Letztlich geht es darum, dass die Aktiengesellschaften ihre Gewinne bislang zwei unterschiedlichen Steuersätzen unterwerfen mussten. Blieb der Überschuss als Rücklage im Unternehmen, waren in der Vergangenheit 40 Prozent fällig, früher sogar 45 Prozent; wurde das Geld hingegen ausgeschüttet, gingen nur 30 Prozent an den Fiskus. Entscheidet sich nun eine Aktiengesellschaft, ihre Gewinne zunächst im Unternehmen zu bunkern, um sie Jahre später doch noch auszuschütten, gibt es die zu viel bezahlten Abgaben vom Finanzamt wieder zurück - doch nicht mehr lange.
So soll künftig nur noch ein einheitlicher Steuersatz von 25 Prozent gelten, egal, was mit dem Gewinn geschieht. Gleichzeitig, und das ist entscheidend, gibt Eichel den Firmen nur noch 15 Jahre Zeit, ihre alten, einst hoch versteuerten Rücklagen an die Aktionäre zu verteilen - ansonsten verfällt der Erstattungsanspruch gegenüber dem Finanzamt. So viel Zeit, wie der Kassenwart hofft, wollen sich die meisten Unternehmen nun allerdings nicht lassen. "Unsere Aktionäre würde das nicht erfreuen", bekennt Joachim Friedrich, Finanzdirektor bei Südzucker. Deshalb zahlt der Hersteller von Süßstoffen, Speiseeis (Schöller) und Tiefkühlkost (Eismann) bereits in diesem Jahr 0,53 Euro pro Aktie extra. Inklusive der normalen Dividende kommen Besitzer der Südzucker-Aktie so auf eine üppige Rendite von über zehn Prozent.
Geschickt reizt auch die Schering AG alle Möglichkeiten des Steuerrechts aus. So verteilt Finanzvorstand Klaus Pohle die Ausschüttung bewusst auf die Jahre 2000 und 2001, "weil dies für unsere Aktionäre vorteilhafter ist", sie mithin ihre Steuerlast minimieren können. Pohle: "Kleinaktionäre profitieren durch die doppelte Ausnutzung des Freibetrages, und größere Anleger profitieren aufgrund der geringeren Steuersätze im nächsten Jahr."
Studie zu Milliardendividenden
Dass diese Beispiele Schule machen werden, davon ist nicht nur Helaba-Analyst Stefan Rausch überzeugt. In einer detaillierten Studie hat er 30 Top-Kandidaten herausgefiltert, die für eine üppige Sonderdividende in Frage kommen, darunter solch renommierte Firmen wie SAP, Deutsche Bank, Commerzbank und Allianz. Betroffen sind aber auch Hypothekenbanken, Versicherungen oder Stromkonzerne, die in der Vergangenheit einen Großteil ihrer Gewinne im Inland gemacht und dort versteuert haben. Schon drängen Aktionärsvertreter wie etwa die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz darauf, dass die Konzerne diese Steuerschätze schnell heben.
Nur einen kann die neu entdeckte Liebe zur Dividende nicht sonderlich erfreuen: Hans Eichel. Noch im Frühjahr, als Finanzexperten erstmals eine gewaltige Ausschüttungswelle prophezeiten und dementsprechend milliardenschwere Steuerausfälle, mahnte der Sparkommissar zu Gelassenheit: Das sei alles "Sensationsmache".Nun ist die Sensation perfekt - für die Aktionäre.