Börse Der Dax auf dem Weg zum Lightindex
Hamburg - Mit 0,5 Prozent lag die Volskwagen-Aktie am Freitag zum Börsenschluss im Minus - ein vergleichsweise unspektakulärer Kurs für ein Papier, das vergangene Woche um teilweise über 100 Prozent zulegte.
VW-Logo: "Unwürdige Exzesse" erschüttern den Dax
Foto: APManch einer hätte die Volkswagen-Aktie in dieser Woche angesichts solche Kapriolen am liebsten aus dem Dax geworfen. "Unwürdig" seien die "Exzesse", die den gesamten Index beschädigten, ereiferten sich Marktkenner. "Wahnsinn", "Irrsinn", keilten Politiker. Der Zorn wundert nicht. Durch die Kursakrobatik, die die VW-Aktie über 1000 Euro schießen ließ, war der mitgerissene Leitindex als Barometer der deutschen Wirtschaft plötzlich nicht viel aussagekräftiger als die Umsatzentwicklung in der Börsenkantine.
Nur konsequent war es daher, dass die Bank Goldman Sachs bereits einen Dax ohne Volkswagen berechnete. Der Dax ohne VW: Auf diesen Bruch mit 20 Jahren Indextradition müssen sich Anleger tatsächlich einstellen. Im kommenden Jahr könnte das Autopapier aus dem Dax fliegen, wenn Porsche seine Macht bei den Wolfsburgern wie geplant zur Alleinherrschaft ausbaut.
Der Fahrplan für den Exit sieht so aus: Porsche steht kurz vor dem erklärten Ziel, "im Jahr 2009 auf 75 Prozent aufzustocken und damit den Weg für einen Beherrschungsvertrag frei zu machen". Ein Porsche-Anteil in dieser Höhe würde bedeuten, dass der Anteil frei gehandelter Aktien unter die Schwelle von fünf Prozent rutschen könnte. Denn das Land Niedersachsen hält 20,1 Prozent. Diese Fünf-Prozent-Marke aber macht die Deutsche Börse zur Eintrittsbedingung für den Dax.
VW auf dem Weg zur Porsche-Filiale
Mit dem Beherrschuangsvertrag würde der stolze Volkswagen-Konzern, Europas größter Autohersteller wohlgemerkt, überdies zu einer Filiale der Porsche SE degradiert. Der gesamte Gewinn müsste nach Stuttgart abgeführt werden, den übrigen Aktionären bliebe die Statistenrolle. Auch strategisch hätte in Wolfsburg niemand mehr etwas zu melden, schon gar nicht der renitente Konzernbetriebsrat.
Erneut greift damit ein Familienunternehmen nach einer Dax-Perle und entreißt sie gleichzeitig dem Leitindex. Continental droht durch die Schaeffler-Attacke ein ähnliches Schicksal, auch wenn der Angriff im Kreditkrisensturm inzwischen etwas an Schwung verloren hat. Schon im Dezember aber dürfte der Autozulieferer wegen seiner zuletzt rapide gesunkenen Freefloat-Marktkapitalisierung aus der ersten Börsenliga fliegen und könnte später komplett vom Parkett verschwinden, wenn Schaeffler alle Optionen zieht.
VW weg, Conti weg - der Dax verliert ein paar Perlen. Das Börsenbarometer repräsentiert rund 75 Prozent des Grundkapitals inländischer börsennotierter Aktiengesellschaften und droht doch zum Lightindex zu verkommen. VW trotzt immerhin - noch - der historischen Absatzkrise und gilt als Herausforderer des Weltmarktführers Toyota gelten. Conti taumelte zwar zuletzt stand aber Pate für das Bild vom radikal runderneuerten Globalkonzern aus Deutschland. Vor der Attacke waren die Hannoveraner auf dem besten Weg, dem weltgrößten Autozulieferer Bosch - seit jeher im Besitz einer weiteren süddeutschen Dynastie - den Rang streitig zu machen. Beide könnten bald nicht mehr im Dax vertreten sein.
Geheimniskrämerei statt Transparenz und Aktienkultur
So oder ähnlich erging es schon Werten wie Mannesmann oder Hoechst. Traditionsunternehmen mit großen Wachstumschancen sind heute nicht mehr für jedermann handelbar. Vodafone wedelte bei Mannesmann mit dem Scheckbuch, Hoechst wurde zerschlagen.
Nicht immer müssen Anleger den verflossenen Werten Tränen hinterherweinen. Als Ersatz steigen oft junge, aufstrebende Firmen in die erste Börsenliga auf. "Das ist frisches Blut für den Dax", sagt Indexexperte Christian Stocker von Unicredit. In der Tat können die Neulinge mit ihrem Wachstum oft Schwung in den Dax bringen.
Doch der jüngste Aufsteiger Kali und Salz zeigt, dass die kleineren Werte auch sehr schwankungsanfällig sind. Als Ersatzkandidaten für VW, Conti und Co. stehen etwa der Stahlkonzern Salzgitter oder der Kosmetikhersteller Beiersdorf - übrigens ebenfalls mehrheitlich in Familienhand - bereit. Das sind wohl gute Repräsentanten der deutschen Wirtschaft, aber auch sehr konjunktursensible Werte. Wäre im Oktober ein regulärer Anpassungstermin für den Dax gewesen, hätte sogar der Bitterfelder Solarzellenhersteller Q-Cells das Rennen als Ersatz für Conti gemacht - vielleicht die Zukunft des Landes, vielleicht aber auch das Ergebnis einer Börsenlaune.
Wenn sich Familienunternehmen, Finanzinvestoren oder ausländische Firmen Konzerne mit blendenden Aussichten wie Trauben aus dem Dax zupfen, schauen Privatanleger oft in die Röhre. "Wenn die besten Unternehmen rausgekauft und den Anlegern entzogen werden, ist das schlecht für die Aktienkultur in Deutschland", warnt Marco Cabras von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.
Gewinne für Wenige
Von Wertzuwächsen und Dividenden wichtiger deutscher Unternehmen profitieren dann zum Beispiel reiche Familien. Die gesellschaftspolitische Funktion der Börse, dass theoretisch jeder am Erfolg der besten Unternehmen teilhaben kann, wird geschwächt. Der Erfolg der Gebrüder Albrecht mit ihrem Discount-Giganten Aldi mag dem Fiskus Steuereinnahmen bescheren und auf diese Weise ein bisschen allen nützen - doch die Gewinne des Billigheimer landen in den Taschen weniger.
Eine weitere Folge: Geheimniskrämerei tritt auch bei bedeutenden Konzernen an die Stelle von Transparenz. Familienunternehmen gelten als öffentlichkeitsscheu. Wenn Volkswagen aus dem Dax fällt und von Porsche konsolidiert wird, sind nach gegenwärtigem Stand keine Quartalsberichte der Wolfsburger mehr zu erwarten. "Das könnte ein Trend sein", sagt Analyst Stocker.
Bei allem Ärger über die irrationalen Kurssprünge - vielleicht sollten Fondsmanager und Anleger, die auf den Dax setzen, froh sein, so lange ihnen die VW-Aktie erhalten bleibt.