Börse Experten rechnen mit stürmischem Auftakt
New York/Frankfurt am Main - Die heftige Gegenreaktion an der Wall Street nach dem Ausverkauf dürfte auch in Dax und Nemax heute für deutliche Auftaktsgewinne sorgen. Der Dow war mit einem Plus von 6,4 Prozent (488 Zähler) auf 8191 Punkte aus dem Handel gegangen. Der Nasdaq Composite hatte fünf Prozent auf 1290 Zähler zugelegt.
Der Dax hatte bereits gestern im Schlepptau der Wall Street 3,3 Prozent auf 3632 Zähler zugelegt und dürfte im frühen Handel Kurs auf 3700 Punkte nehmen, schätzen Händler. Einige Experten warnen jedoch: Die Gegenreaktion werde vielleicht heftig, aber nicht von Dauer sein. "Die Probleme am Markt sind noch nicht gelöst", hieß es.
Größter Gewinn seit 1987
Für den Dow, der gestern zeitweise 150 Zähler im Minus notiert hatte, war es der größte Tagesgewinn seit dem 21. Oktober 1987. Händler hoben mehrere Faktoren für die Gegenreaktion an den Märkten hervor: Neben Gerüchten über ein Einschreiten der Notenbank und mögliche Zinssenkungen sorgte die Nachricht, dass sich der US-Kongress überraschend früh auf schärfere Bilanzregeln geeinigt habe, für bessere Stimmung. Zudem hat US-Finanzminister Paul O'Neill eine geplante Reise abgesagt und soll nun wichtige Reformprogramme im Wirtschaftsbereich vorantreiben, hieß es.
JP Morgan wehrt sich gegen Vorwürfe
Finanztitel an der Wall Street haben sich von ihren teils dramatischen Verlusten erholt. Die Aktien von J.P. Morgan Chase drehten deutlich ins Plus und gewannen 16,04 Prozent auf 23,30 US-Dollar hinzu. Der Finanzdienstleister hatte in einer Telefonkonferenz erklärt, die Bank habe in sämtlichen Angelegenheiten mit dem im Dezember 2001 zusammengebrochenen Energiehändler Enron korrekt gehandelt. Die SEC hatte am Mittwoch Ermittlungen gegen zwölf börsennotierte Investmentbanken eingeleitet. Grund sei die mögliche Missachtung von Vorschriften, die das Verhalten der Analysten bei Interessenkonflikten regelten.
Pharma sehr fest - Amgen mit guten Zahlen
Getragen wurde die Erholung allerdings von Konsum- und Pharmawerten. So hatte der US-Pharmakonzern Merck am Vortag den massiven Rückkauf eigener Aktien im Wert von bis zu zehn Milliarden Dollar angekündigt. Die Aktie rückte mit einem Plus von 9,09 Prozent auf 42,60 US-Dollar in die Dow-Spitze vor. Der weltgrößte Chemiekonzern DuPont geht zudem auf Einkaufstour und hat eine Übereinkunft zur Übernahme von unterzeichnet. Außerdem legte der Biotech-Riese Amgen nach Vorlage guter Zahlen nachbörslich zu.
Auch die Technologiewerte erholten sich deutlich. Der Nasdaq Composite stieg bis Handelsende um fünf Prozent auf 1290 Punkte und schloss auf Tageshoch. Zu den Aktien mit den größten Kursgewinnen zählten Telekomwerte, aber auch Computer- und Softwareaktien.
SEC prüft AOL
Der weltgrößte Medien- und Onlinekonzern AOL Time Warner hat im zweiten Quartal 2002 394 Millionen Dollar oder neun Cent je Aktie gegenüber einen Verlust von 734 Millionen Dollar oder 17 Cent je Aktie in der entsprechenden Vorjahreszeit verbucht. Das Unternehmen schrieb erstmals seit Abschluss der Mega-Fusion von AOL und Time Warner auch netto wieder schwarze Zahlen. Allerdings sorgte die Nachricht für Unruhe, dass die Börsenaufsicht SEC wegen einiger Anzeigentransaktionen bei America Online ermittelt. Der Vorstandsvorsitzende des Medienkonzerns AOL Time Warner, Richard Parsons, hat die Ermittlungen der US-Börsenaufsicht bestätigt. Die AOL-Aktie gab nachbörslich ab.
Das weltgrößte Biotech-Unternehmen Amgen hat im zweiten Quartal seine Ergebnisse im Jahresvergleich deutlich erhöht und Analysten-Erwartungen übertroffen. Der Überschuss sei von 322 Millionen US-Dollar auf 412 Millionen Dollar gestiegen, teilte Amgen am Mittwoch nach mit. Amgen setzte nach eigenen Angaben mit 1,2 Milliarden Dollar 27 Prozent mehr um als im zweiten Quartal des vergangenen Jahres. Die Aktie zog nachbörslich weiter an.
Steilvorlage für den Dax - warten auf ifo-Index und HVB
Für den Dax sind die Vorgaben aus den USA eine gute Vorlage. Investoren in Asien trauen der Erholung jedoch nicht recht: Der Nikkei bleibt trotz der guten US-Vorgaben am Donnerstag kaum verändert bei 9941 Punkten. Der Dax schloss gestern 3,3 Prozent fester bei 3632 Punkten, nachdem er am Nachmittag deutlich unter 3300 Zähler gefallen war. Der Nemax 50 legte 1,6 Prozent auf 530 Punkte zu. Allerdings könnte der ifo-Geschäftsklimaindex, der für heute Vormittag erwartet wird, für einen Dämpfer sorgen.
Einige Dickschiffe wie DaimlerChrysler , Volkswagen , Münchener Rück und Deutsche Telekom haben bereits gestern ihre Gewinne deutlich ausgebaut und dürften am Donnerstag zunächst weiter zulegen.
Weniger Konkurrenz für Deutsche Telekom
Die T-Aktie war mit einem Plus von 14 Prozent als Tagessieger aus dem Handel gegangen. Die Nachricht, dass die spanische Telefonica nach einem hohen Halbjahresverlust in Höhe von 5,5 Milliarden Euro ihre Expansionspläne für den Mobilfunkanbieter Quam vorerst auf Eis legt, stützte den Telekom-Kurs.
Auch die Deutsche Bank und die Allianz eroberten bereits gestern den grünen Bereich zurück. Die Stellungnahme von JP Morgan Chase stützte den gesamten Sektor. Investoren blicken heute besonders auf die Entwicklung bei der Aktie HypoVereinsbank : Die HVB legt heute Zahlen vor, und Anleger erwarten eine traurige Bilanz.
Händler: Noch keine Entwarnung
Einige Händler rechnen denn auch nur mit einer kurzfristigen Erholung. "Es ist blauäugig zu sagen, dass die Ansammlung schlechter Nachrichten hinsichtlich Bilanzierungsmethoden zu Ende wäre", sagte Fidel Helmer, Leiter des Wertpapierhandels bei Hauck & Aufhäuser. Derzeit notiere der Dax auf dem Stand vom September 1997. Dies locke Schnäppchenjäger hervor, doch bis zu einer fundamentalen Erholung müsse noch viel geschehen.
Nikkei schwächer - Euro fest
In Tokio ging der Nikkei-Index trotz der Rallye an der Wall Street 0,2 Prozent schwächer aus dem Handel und schloss bei 9929 Punkten. Skepsis überwiegt, und außerdem drückten schlechte Nachrichten einiger japanischer Unternehmen. Der Euro notierte am Donnerstag Morgen mit 0,9998 Dollar wieder knapp unter der Parität. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte gestern den Referenzkurs bei 0,9915 US-Dollar festgesetzt.