Börse Internet-Werte unter Beschuss
Frankfurt am Main - Die deutschen Aktien haben am Dienstag einen Fehlstart in das Jahr 2001 hingelegt. Nachdem an den amerikanischen Börsen die Hoffnung auf Kursgewinne zunichte gemacht war, rutschte der Dax ins Minus. Davon erholte sich der Index bis zum Schlussgong nicht und schloss mit 2,23 Prozent im Minus bei 6289 Zählern.
Der Neue Markt erlebte einen regelrechten Kurseinbruch. Eine Gewinnwarnung des Software-Unternehmens Intershop und die ausgeprägt schwache Nasdaq ließen die Technologie-Werte im Nemax-50 regelrecht ins Bodenlose fallen. Das Börsenbarometer für die stärksten High-Tech-Titel gab um 12,01 Prozent auf einen Schlussstand von 2524 Punkten nach. Im Handelsverlauf hatte der Nemax-50 ein neues 52-Wochen-Tief bei 2513 Punkten markiert. Lediglich der M-Dax widersetzte sich dem Negativ-Trend. Der Index stieg um 0,72 Prozent auf 4709 Punkte.
Die schwere Wallstreet-Baisse hat sich am Dienstag zum Jahresauftakt 2001 mit enormen Kursverlusten bei vielen Technologieaktien beschleunigt fortgesetzt.
Der Dow-Jones-Index hielt sich noch am besten. Er fiel gegenüber Vorwochenschluss um 140,70 Punkte oder 1,30 Prozent auf 10.646,15 Punkte. Der Nasdaq ging dagegen auf Tiefflug. Er verlor 178,66 Zähler oder 7,23 Prozent und schloss mit 2291,86 Punkten. Das war der niedrigste Stand seit März 1999.
Die Investoren waren durch eine Analystenwarnung für mehrere prominente Tech-Werte verunsichert. Hinzu kamen US-Konjunkturprobleme und die Befürchtung, dass es bis zur Vorlage der Quartalsgewinne der US-Unternehmen im Januar und Februar noch viele Gewinnwarnungen geben könnte. Die amerikanischen Einkäufer sind über die Lage der Industrie sehr besorgt.
Zahlreiche Netzwerkausrüster, Internetfirmen, Biotechunternehmen, Computerfirmen und Softwarehäuser standen auf der Abschussliste. Dazu zählten EMC, Cisco Systems, Amazon.com, Veritas Software, Juniper Networks, Network Appliance, Oracle und Ariba, Yahoo, Amazon.com und Sun Microsystems. Intel konnten gegen den Trend zulegen. Viele Telekomaktien erholten sich etwas.
Bei den Standardwerten zählten Merck, General Electric, Honeywell und Boeing zu den Verlierern. Investmentbanken wie Goldman Sachs und die neu gebildete J.P. Morgan Chase gaben ebenfalls nach.
Die Großschlächterei IBP wird von der Tyson-Gruppe gekauft und legte deshalb kräftig zu. Auch Ölwerte wie ExxonMobil und Chevron waren gesucht, weil eine OPEC-Förderkürzung denkbar geworden ist.
Händler befürchten weitere Gewinnwarnungen
"Der breite Markt ist flau", sagte Analyst Christian Thormann von der Hamburger Conrad Hinrich Donner Bank. Viele Marktbeobachter hatten zum Jahresbeginn Aufwind für die Börse erwartet. Allein diese Erwartungshaltung schließe nun eine Kurserholung aus: "Ein Toaster wirft das Brot auch nicht heraus, wenn man ihn beobachtet", scherzte der Händler.
"Der Handel verläuft volatil und so wird es in den nächsten Tagen bleiben", fasste ein Händler der Frankfurter Sparkasse das Geschehen zusammen. Zwar schätzte er die Entwicklung für die nächsten Tage "vorsichtig positiv" ein - andererseits müssten derzeit viele Unternehmen Gewinnwarnungen herausgeben. "Solche Meldungen sorgen dafür, dass der Markt keine Einbahnstraße wird."
SAP fällt im Sog von Intershop
Im Sog der Gewinnwarnung von Intershop, die am Neuen Markt um 70,86 Prozent auf 9,74 Euro einbrachen, fielen die Titel vom Software-Unternehmen im Dax. Stark gebeutelt wurde die Aktie von SAP. Sie verlor 12,42 Prozent auf 131,20 Euro.
Tagessieger war der Titel von ThyssenKrupp mit einem Plus von 3,88 Prozent auf 17,14 Euro - dicht gefolgt von der MAN-Aktie, die um 3,87 auf 28,15 Euro zulegte. "MAN erlebt gerade eine technische Aufwärtsbewegung", sagte Analyst Detlef Schröder von der Frankfurter Sparkasse. Die positiven Zahlen für das Rumpfjahr vom 1. Juli bis zum 31. Dezember 2000 hätten kurz vor Weihnachten die Trendwende eingeleitet.
Allgemein seien Werte der "alten Wirtschaft" im Kommen. "Verunsicherte Anleger ziehen sich auf diese Werte zurück, bis sich wieder eine Branche zum Hoffnungsträger aufschwingt."
Rekordverluste am Neuen Markt
Die Wachstumswerte am Neuen Markt erlebten einen rabenschwarzen Start ins neue Börsenjahr. Mit dem höchsten Tagesverlust in der Geschichte dieses Marktsegments und ständig neuen 52-Wochen-Tiefsständen wird der erste Handelstag des Jahres 2001 wohl allen lange unvergessen bleiben.
"Die Bodenbildung ist noch nicht erreicht", sagte Albert Rapp, Händler bei Trinkaus & Burkhardt. Der Fall des Neuen Marktes könnte sogar weitergehen, befürchtet er. Dabei waren viele Händler von einem freundlichen Auftakt ausgegangen. Doch die Gewinn- und Umsatzwarnung vom Indexschwergewicht Intershop Communications zerstörte diese Hoffnung.
"Das war ein Hammer", sagte Rapp. Schließlich galt Intershop als ein "Musterschüler" unter den Nemax-50-Werten. Die Erwartungen seien bislang erfüllt worden, alle hätten "an eine Zukunft des Unternehmens" geglaubt.
Die Anleger, spätestens seit dem EM.TV-Einbruch hoch sensibel, reagierten sofort und straften Intershop deutlich ab. Die Aktie verlor Prozent auf 70,86 Euro. Damit lag das Papier zum Handelsschluss nur knapp über dem Tagestief von 9,35 Euro wert. So tief standen die Aktien von Intershop noch nie.
Das Jenaer Software-Unternehmen geht für das vierte Quartal nur noch von einem Umsatz von 28 bis 30 Millionen Euro aus, nach anvisierten 50 Millionen Euro. Der Nettoverlust werde bei 30 bis 32 Millionen Euro liegen. Analyst Lothar Lubinatzki vom Bankhaus Metzler warnte auch für das erste Quartal 2001 zur Vorsicht: "Wir können genauso viel oder wenig sagen wie das Unternehmen. Wir müssen einfach abwarten, wie die US-Konjunktur läuft."
In den Abwärtssog von Intershop gerieten auch Broadvision, die 31,09 Prozent auf 10,24 Euro verloren, Brokat mit einem Minus von 30,97 Prozent auf 14,22 Euro und Gauss Interprise, die 26,65 Prozent auf 4,55 Euro einbüßten.
Auch Musicmusicmusic überrascht mit schlechten Zahlen
Bereits am späten Freitag hatte Musicmusicmusic schlechte Umsatzzahlen für die ersten neun Monate veröffentlicht. Trotz Silvester blieben diese Zahlen des amerikanischen Music Content Providers den Anlegern in Erinnerung, die Aktie verbilligte sich um 22,79 Prozent auf 1,05 Euro. Zeitweise war das Papier nur noch 0,82 Euro wert, ein neues 52-Wochen-Tief.
Musicmusicmusic hatte in den ersten neun Monaten einen Umsatzrückgang gegenüber dem Vorjahr um 34 Prozent auf knapp 500.000 Dollar hinnehmen müssen. Der Verlust liege bei 4,30 Millionen Dollar und die Nettoverluste des vergangenen Halbjahres wurden mit 1,21 Millionen Dollar angegeben.
Erfreuliches vermeldete dagegen das Biotechnologie-Unternehmen Morphosys. Die Münchner haben eine Kooperationsvereinbarung mit dem US-Unternehmen Biogen abgeschlossen. Die Aktie kletterte anschließend bis auf 140,80 Euro, ehe sie im späten Handel wieder etwas nachgab und am Ende mit einem Plus von 4,50 Prozent auf 131,67 Euro schloss.
Auch Tomorrow Internet legte um 8,13 Prozent auf 8,65 Euro zu. Das Internet-Medienunternehmen erwartet für das abgelaufene Geschäftsjahr 2000 einen Umsatz von über 30 Millionen Mark - geplant waren 21,35 Millionen Mark. Im Vergleich zum Vorjahr ergebe dies eine Steigerung von rund 500 Prozent. Bereits am Freitag hatte Tomorrow zu den Gewinnern am Neuen Markt gehört.
Letsbuyit.com in Zahlungsschwierigkeiten
Auch Letsbuyit.com, einer der Pioniere des so genannten Powershopping, wurde von der harten Börsenrealität eingeholt. Nachdem die Aktie am Freitag vom Handel ausgesetzt worden war, häuften sich nun die Verkaufsorders. Der Kurs rutschte um 56,40 Prozent auf 0,54 Euro ab. Die in den Niederlanden ansässige Holding des Unternehmens hatte am vergangenen Donnerstag einen Zahlungsaufschub beantragt und teilte nun mit, dass der Geschäftsbetrieb vorläufig eingestellt werde.
Zu den wenigern Gewinnern im Nemax-50 zählte Edel Music. Agenturberichten zufolge soll Edel Music eine Zusammenarbeit mit der Online-Musiktauschbörse Napster vereinbart haben. Die Aktie verteuerte sich um 7,33 Prozent auf 4,83 Euro.
Der "Sündenfall" der vergangenen Woche, Fantastic, büßte 8,33 Prozent auf 1,76 Euro ein. Das Unternehmen hatte vor einigen Tagen die Umsatzziele erneut nach unten korrigiert und Entlassungen angekündigt. Am Freitag war der Kurs dann wieder deutlich gestiegen, Händler vermuteten spekulative Käufer.
Auch der Münchner Filmrechtehändler EM.TV startete mit einem Minus ins Neue Jahr. Der Wert verlor 4,41 Prozent auf 5,64 Euro. Mit EM.TV war Ende vergangenen Jahres ein weiteres Indexschwergewicht und einstiger Shootingstar abgestürzt. Mittlerweile laufen bei EM.TV die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Insiderhandel.
Kursaufschwung beim Euro
Der Euro notierte mit 0,9493 Dollar gegenüber 0,9432 Dollar am vergangenen Freitag. Daraus ergab sich ein Kurs von 2,0602 DM gegenüber 2,0759 DM am Vorwochenschluss.