Börsen-Analyse Verpufft auch diese Rallye?
London - Schnelle Gewinne wecken Hoffnung. Seit dem 12. März hat der Eurostoxx 50 mehr als 20 Prozent zugelegt, der Deutsche Aktienindex Dax kletterte bis Anfang Mai sogar um mehr als 30 Prozent. Doch nach drei Jahren Bärenmarkt wissen Anleger, was von solch rasanten Zwischenspurts zu halten ist: Nach kurzer Zeit geht den Indizes wieder die Luft aus, und sie fallen zurück ins Jammertal.
Vier vergebliche Versuche
Eine Kostprobe bekamen Investoren in dieser Woche: Die US-Börsen legen zum Abschluss einer recht erfreulichen Quartalssaison eine Pause ein, und der Deutsche Aktienindex verliert binnen zwei Handelstagen rund sechs Prozent an Wert. Schon geht auf dem Parkett die Sorge um, dass auch dieser Erholungsversuch an den Börsen, wie die vorangegangenen vier Bärenmarktrallyes, nur eine Episode bleibt.
Die Herbstrallye zwischen Oktober und Dezember 2002 - verpufft. Der kurze Spurt im August 2002 - nur ein heißer Sommerwind. Selbst der bislang deutlichste Erholungsversuch nach dem Terrorschock, als der Dax zwischen 21. September 2001 und Jahresende ebenfalls mehr als 30 Prozent zulegte - Schnee von gestern. Der erste Ausbruchsversuch im noch jungen Bärenmarkt im Frühjahr 2001 ist ohnehin längst vergessen. Wer damals in der Hoffnung auf bessere Zeiten einstieg, liegt heute klar im Minus.
Zehn Prozent Potenzial - konservativ gerechnet
Doch diesmal liegen die Dinge anders, meinen die Experten der US-Investmentbank Goldman Sachs. Im Gegensatz zu den früheren Bärenmarktrallyes stünden diesmal die Chancen gut, dass sich die Kursgewinne nicht wieder in Luft auflösen und der Anstieg seit März tatsächlich eine Trendwende markiert. Konservativ gerechnet, haben die europäischen Märkte noch etwa zehn Prozent Aufwärtspotenzial, schreibt Analystin Sharon Coombs in einer Studie.
Woher der Optimismus? Schließlich wird auch diese Erholung ebenso wie seine Vorgänger nicht von berauschenden Konjunkturdaten, sondern von einer "steigenden Risikoneigung" der Investoren getrieben, gesteht Coombs ein. In der Hoffnung, dass nun das Schlimmste überstanden sei, greifen Anleger zu - und haben sich bislang stets die Finger verbrannt.
Konjunkturprognosen zu bescheiden?
Der feine Unterschied: Diesmal sind die Erwartungen an das Wirtschaftswachstum in Europa so bescheiden, dass Raum für positive Überraschungen bleibt. Nach Ansicht der Analysten von Goldman Sachs fallen die Prognosen für das Wachstum in Euroland - die OECD rechnet in diesem Jahr mit nur einem Prozent und für 2004 mit 2,4 Prozent Wachstum - zu pessimistisch aus. Die Sorge über weiter fallende Nachfrage und sinkende Preise sei übertrieben: Niedrige Zinsen, steigende Realeinkommen und anziehende Investitionen der Unternehmen dürften spätestens im kommenden Jahr für stärkeres Wachstum sorgen, meint die Goldman-Sachs-Analystin.
Selbst wenn man nur von einer bescheidenen Gewinnsteigerung der Unternehmen in diesem und im kommenden Jahr ausgehe, seien europäische Aktien derzeit ungefähr zehn Prozent unterbewertet. Die Gewinne der Unternehmen dürften auf Sicht der kommenden zwölf Monate um 10 bis 15 Prozent steigen, meint Goldman Sachs: Und die Aktienmärkte sollten mitziehen.
Deutschland bleibt Bremsklotz
Natürlich gibt es auch Bremsfaktoren, räumt Coombs ein. Größter Bremsklotz sei die Wirtschaftsflaute in Deutschland, der größten Volkswirtschaft Europas. Der unflexible Arbeitsmarkt belaste deutsche Unternehmen. Die OECD hat ihre Wachstumsprognose für Deutschland für dieses Jahr auf nur noch 0,3 Prozent gesenkt.
Ein weiteres Risiko sei der starke Euro, der nach Einschätzung von Goldman Sachs auch weiterhin stark bleiben dürfte. Dies sei bislang jedoch noch zu verkraften: Sollte der Dollar deutlich über 1,20 steigen, dürfte das Gewinnwachstum der europäischen Unternehmen um etwa vier Prozent geringer ausfallen. Doch so weit sei es noch nicht. Falls die geplanten Reformen in Deutschland greifen und der Dollar nicht noch stärker gegenüber dem Euro abwerte, haben die europäischen Märkte noch viel Luft nach oben.