Börsen-Drama Dax kracht ein - Wall Street deutlich im Plus
New York - Schwarzer Montag, grauer Dienstag, und jetzt ein mindestens dunkelgrauer Mittwoch in Frankfurt. Nach einem hektischen Auf und Ab schloss der Dax mit einem Minus von 4,88 Prozent bei 6439 Punkten. Am Freitag hatte er noch 7314 Punkte. Sprich: Er hat zwölf Prozent an Wert verloren - und fast seinen gesamten Jahresgewinn von 2007 eingebüßt. Der MDax , der sich am Vortag noch deutlich hatte erholen können, fiel um 2,2 Prozent auf 8063 Punkte. Und auch der TecDax schlitterte um 2,7 Prozent nach unten, auf 730 Zähler.
Witzplakat an der Frankfurter Börse: Wie tief fallen die Kurse noch?
Foto: DPAAuf und Ab auch an der Wall Street: Die Furcht vor einer Rezession, vor neuen Milliardenabschreibungen bei Banken und eine generelle Verunsicherung ließen stundenlang die Kurse sinken. Dann allerdings erholten sie sich: Der Dow-Jones-Index pendelte am Abend um die Null-Prozent-Marke, drehte deutlich ins Plus und schloss mit 2,50 Prozent mehr als am Vortag (12.270,17 Punkte). Dito der marktbreite S&P 500 : Er legte um 2,14 Prozent zu (1338,60 Punkte).
Sogar der gebeutelte technologielastige Nasdaq Composite hat sich von starken Anfangsverlusten erholt und notierte zum Schluss mit 1,05 Prozent im Plus (2316,41 Punkte). Apple und Motorola hatten die Börse zu Handelsbeginn mit unerwartet schwachen Geschäftsprognosen aufgeschreckt. Beide Aktien brachen ein.
Guter Start in Frankfurt - dann böse Überraschungen
Genau andersherum die Lage in Frankfurt: Dort hatte der Börsentag eigentlich gut begonnen: Am Morgen stieg der Dax noch, zeitweise um 1,7 Prozent. Händler grinsten auf dem Parkett, telefonierten entspannt. Die Lage schien sich beruhigt zu haben. Mancher spekulierte schon darauf, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins nun doch bald senken könnte - nachdem die US-Notenbank Fed ihren Zinssatz um 0,75 Prozentpunkte gesenkt hatte.
Doch das Lachen verging den Händlern schnell. EZB-Chef Jean-Claude Trichet beantwortete die Leitzins-Frage entschieden mit "Nein". Zinssenkungen würden die Inflation weiter hoch treiben - das wolle die EZB in jedem Fall verhindern.
Der Dax verlor, kippte ins Minus, die Unsicherheit wuchs, Panikverkäufe folgten, der Dax schoss weiter nach unten. Der Kurs notierte am Nachmittag zeitweise fast sechs Prozent im Minus bei 6386 Punkten - so niedrig wie seit Dezember 2006 nicht mehr. Negative Dow-Jones-Prognosen beflügelten die Panik in Frankfurt noch.
Was die Börsen derzeit besonders beschäftigt: Wieso hat US-Notenbankchef Ben Bernacke den Leitzins so drastisch gesenkt? Lauern noch unbekannte Risiken, die nur ihm bekannt sind? "Der Zinsschritt hat die Panik unter den Anlegern noch vergrößert", sagt Steffen Neumann von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Dazu kommt, dass schon über neue Zinssenkungen in den USA in der kommenden Woche spekuliert wird. Nach Einschätzung der Deutschen Bank ist ein erneuter Abschlag von 0,5 bis 0,75 Punkten nicht ausgeschlossen.
Hypernervös war die Börse gegen Mittag - da platzten auch noch Gerüchte über weitere Milliardenabschreibungen bei Banken hinein. Die französische Zeitschrift "Le Canard Enchainé" hatte berichtet, dass die Société Générale, eine der wichtigsten Geschäftsbanken Frankreichs, im Zuge der Finanzmarktkrise womöglich 40 Milliarden Euro abschreiben muss. Ein Großteil ihrer risikobehafteten Kredite werde von einem aktuell angeschlagenen US-Versicherer abgesichert.
Dax zwischenzeitlich auf Stand von Ende 2006
Für Verunsicherung dürften auch Zahlen aus dem US-Kongress gesorgt haben. Demnach wird das Haushaltsdefizit in den USA 2008 auf 250 Milliarden Dollar steigen - das milliardenschwere Konjunkturpaket von Präsident George W. Bush noch nicht eingerechnet. Experten hatten mit 155 Milliarden Dollar gerechnet; im vergangenen Jahr lag das Defizit bei 163 Milliarden Dollar. Ein Grund für das wachsende Defizit sind sinkende Steuereinnahmen wegen geringerer Unternehmensgewinne.
Inzwischen diskutiert die Finanzwelt, ob die Dax-Prognosen für 2008 nach unten korrigiert werden müssen. Die 8500 Punkte, die bisher als Ziel galten, "liegen auf Eis", sagte MMWarburg-Chefvolkswirt Carsten Klude. Seit der damaligen Einschätzung habe sich "einiges zum Negativen verändert" - unter anderem sei eine Rezession in den USA wahrscheinlich geworden. Auch Andreas Hürkamp, Aktienstratege der Commerzbank, sieht "die Stimmung am Markt so schlecht wie seit zehn Jahren nicht mehr".
Er will die Prognose seines Instituts allerdings noch nicht reduzieren: "Wir sind überzeugt, dass im Jahresverlauf wieder eine Erholung einsetzen und der Dax Ende des Jahres über 8000 Punkten notieren wird." Sobald die Märkte das Gefühl hätten, "dass die Notenbanken die Krise in den Griff kriegen, dann wird sich ein starkes Momentum entwickeln". Auch Postbank-Analyst Heinz-Gerd Sonnenschein warnt vor Panik: Es gebe nun "nicht mehr viele, die verkaufen können", sagte er. Er sieht den Dax zum Jahresende nach wie vor bei 9000 Punkten, rund 40 Prozent über dem aktuellen Niveau. "Das klingt sehr optimistisch. Aber die Bewegung nach unten war zu heftig, und der Markt sollte sich mittelfristig wieder beruhigen." Mit guten Konjunkturdaten und Unternehmenszahlen könne es vor allem im zweiten Halbjahr wieder aufwärts gehen.
ssu/amz/AP/dpa/ddp/Reuters