Börsen-Favoriten Im Schattenreich der USA
Hamburg - Der Dax macht Anlegern zurzeit das Leben schwer. Wohl dem, der Fondsmanager ist und europaweit anlegen darf. So wie Anko Beldsnijder von der Frankfurter Fondsgesellschaft Mainfirst. Er sieht einiges an Aufwärtspotenzial beispielsweise für Energietitel. Europaweit lässt sich die Idee mit BP und Konsorten problemlos umsetzen, doch in Deutschland? Fehlanzeige.
Tieferes Schürfen indes fördert Weiteres zutage: Finanztitel und Automobilproduzenten zum Beispiel. Die würden besonders vom Abschneiden der deutschen Mannschaft bei der Fußball-WM profitieren, erklärt Trudbert Merkel, Fondsmanager bei der Deka. Denn es zeige exemplarisch, dass Deutschland aktuell besser da stünde als es viele wahrnähmen.
Da ist der Konjunkturzyklus, den einige Fachleute bereits abgeschrieben hätten. Merkel hält den Aufwärtstrend für ungebrochen. Da ist aber auch der Binnenkonsum, der sich positiv entwickelt. Lange siechte die Nachfrage der Deutschen, niemand fand Freude am Einkaufsbummel. Die Fußball-Weltmeisterschaft als Initialzündung für Kauflust? Nein, so Merkel, der Trend hätte sich selbstständig entwickelt.
Die WM hätte nur für Sektoren wie die Gastronomie kräftige Zuwächse gebracht. Der Gfk-Index steht inzwischen so hoch wie seit 25 Jahren nicht. "Der Verbraucher traut sich einfach wieder was." In Verbindung mit den hohen Exportzahlen ein ideales Klima für Konsumtitel wie Automobilwerte, schlussfolgert Merkel. Einige große deutsche Autobauer seien dazu noch günstig bewertet. "Die Automobilnachfrage wird vor der beschlossenen Mehrwertsteuererhöhung sicherlich anziehen," so Heiko Bienek, Analyst bei der Fondsgesellschaft Lupus Alpha. Davon werden auch die günstig bewerteten Automobilzulieferer profitieren. Viele Menschen würden, so der Branchentenor, ihr neues Auto noch 2006 kaufen.
"Es bleibt aber die Frage, was 2007 mit diesen Aktien passiert. Kann im ersten Halbjahr 2007 die vermutlich rückläufige Inlandsnachfrage durch den Export kompensiert werden?", fragt Bienek. Für 2006 aber bleibt er optimistisch.
Dauerbrenner Vorsorge
Und da ist noch das Thema Vorsorge, dem Analysten schon seit Jahren kursprägende Dominanz zutrauen. "Die aktuellen Regierungsbeschlüsse weisen in eine Richtung. Die Bedeutung der Eigenvorsorge wird weiter zunehmen." Das dürfte, so Bienek, den Finanzkonzernen zugute kommen. "Aktien deutscher Versicherungen bekommen Sie teilweise zum Kurs-Gewinn-Verhältnis von unter 10, das ist sehr günstig und vom Markt bislang unentdeckt", so Merkel.
Das klingt so überzeugend, dass es Wunder nimmt, dass jene Argumente sich noch nicht in einem Kursfeuerwerk niedergeschlagen haben. Gemach, denn die offene Flanke bleibt uns erhalten. Es sind die USA, die den Börsianern in schöner Regelmäßigkeit Sorgen bereiten. Sorgenkind Nummer eins: die Laune des US-Konsumenten. Der war jahrelang Garant dafür, dass es mit der US-Wirtschaft bergauf ging. Indem er mehr Haus, mehr Auto oder mehr Boot wollte - alles auf Pump. Aktuell jedoch bröckelt die Kauflust, was die Finanzexperten nervös macht. Handelt es sich nur um einen Dip, so der Finanzjargon für eine kurze Verschnaufpause, oder um einen echten Einbruch? Etliche Schatten also über den USA. Die Federal Reserve Bank indes geht davon aus, dass es eine Art geschlossener Rückzug ist, wie Merkel es nennt. Und dürfte dementsprechend von weiteren Zinserhöhungen Abstand nehmen, so Stefan Steib, Chefanalyst der Landesbank Rheinland-Pfalz.
Sorgenkind Nummer zwei: die Verschuldung der US-Bürger. Immerhin geben die Amerikaner mehr Geld aus als sie einnehmen, haben eine negative Sparquote. Viel zu viel, raunt es seit Jahren. Und was ist mit den Immobilienpreisen? Die sind in den Staaten jahrelang gestiegen. Und wessen Haus im Jahr mehr an Wert zulegte als Aktien in ihren Boomzeiten, der fühlt sich reich und konsumiert entsprechend großzügig. Brächen die Hauspreise ein, dann schwände auch das Gefühl wirtschaftlicher Stärke. Doch tatsächlich gibt es keine einheitlichen Trends, so Merkel.
Mit Deutschlands Aktien lassen sich also aktuell nicht alle Trends spielen, wohl aber einige, die von der deutschen Sondersituation profitieren. Sofern die USA eben mitspielen.