Börsen-Indizes Den Bären im Nacken
Deutschlands Dax gilt etwas in der Finanzwelt. Hinter dem Dow Jones Industrial in Amerika, dem Nikkei aus Japan oder Großbritanniens FTSE hat er sich über Jahre zu einem der bedeutendsten Aktienmarktbarometer überhaupt entwickelt. Kein Wunder eigentlich, spiegelt sich in seinen Kursschwankungen doch das wirtschaftliche Gewicht der bedeutendsten deutschen börsennotierten Aktiengesellschaften wider und das ist zuletzt wieder gestiegen.
"Deutschlands Unternehmen haben in den vergangenen fünf Jahren einen tief greifenden Umstrukturierungsprozess durchgemacht, was zu einer deutlichen Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit beigetragen hat", sagt Dirk Schumacher zu manager-magazin.de, der als Chefvolkswirt Deutschland für die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs arbeitet. Nach ihrer Wirtschaftskraft gerechnet rangiert die Bundesrepublik hinter den Vereinigten Staaten und Japan weltweit auf Rang drei, Kursausschläge des Frankfurter Vorzeigeindexes Dax werden deshalb weltweit registriert. Dennoch bekommt das bedeutendste deutsche Aktienbarometer jetzt überraschende Konkurrenz.
Ausgerechnet der Aktienmarktindex eines Schwellenlandes rückt dem Dax auf die Pelle, das gerade einmal ein Drittel des deutschen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet: es ist Russlands RTS. Der Börsenwert aller Unternehmen, die sich in dem russischen Dax-Pendant widerspiegeln, ist seit Anfang des Jahres 2005 raketenartig in die Höhe geschossen und hat mittlerweile eine Summe von 540 Milliarden Euro erreicht. Das ist kaum weniger als der Dax auf die Waage bringt, dessen 30 Unternehmen derzeit mit 620 Milliarden Euro bewertet werden.
Damit ist die RTS-Marktkapitalisierung binnen 20 Monaten von 35 Prozent des Dax-Niveaus auf 87 Prozent des deutschen Vorzeigeindexes angestiegen. Dabei war Ende der neunziger Jahre allein KarstadtQuelle an der Börse mehr wert, als alle RTS-Unternehmen zusammen.
Der Grund dafür ist allein der neue Ölboom. Seit für ein Barrel (159 Liter) Preise von bis zu 80 Dollar gezahlt werden, sind vor allem die Kurse der russischen Öl- und Energiefirmen in die Höhe geschnellt. Denn in den Preisen ihrer Anteilsscheine spiegelt sich auch der Wert ihrer Rohstofflagerstätten wider, und die sind bei mancher dieser Firmen gewaltig. Allein Russlands Energieriese Gasprom kommt deshalb auf einen Börsenwert von umgerechnet 220 Milliarden Euro und avanciert so zur drittteuersten Aktiengesellschaft der Welt. Und das, obwohl das Unternehmen im vergangenen Jahr gerade einmal gut 27 Milliarden Euro Umsatz machte und Kredite von nahezu 17 Milliarden Euro schulterte.
Zum Vergleich: Deutschlands wertvollster Börsenkonzern E.on ist derzeit 57 Milliarden Euro wert. Das ist knapp ein Viertel des Gasprom-Preises, obwohl die Düsseldorfer im vergangenen Jahr mehr als doppelt so viel Geld umsetzten.
Doch es gibt Hoffnung für den Dax, so scheint es zumindest. Denn die wiedergewonnene Stärke vieler deutscher Dax-Unternehmen hat ihr Management mutig gemacht. Entsprechend viele Firmen versuchen deshalb derzeit, Konkurrenten aufzukaufen. Beispiele gefällig?
E.on will 37 Milliarden Euro für Endesa ausgeben, Spaniens Energiekonzern Nummer Eins. Und MAN bietet rund zehn Milliarden Euro für den schwedischen LKW-Bauer Scania . Linde hat in diesem Jahr bereits das britische Gasunternehmen BOC Group für rund zwölf Milliarden Euro geschluckt und BASF den US-Katalysatorenhersteller Engelhard zum Preis von viereinhalb Milliarden Euro.
"In zwei der weltweit zehn größten Transaktionen, die im ersten Halbjahr 2006 angekündigt worden waren, treten deutsche Unternehmen als Käufer auf", resümiert Thomas Ehren, Managing Partner im Bereich Advisory beim Wirtschaftsprüfer KPMG. Und all die Übernahmen stärken Schritt für Schritt den Börsenwert der deutschen Unternehmen und damit auch den Dax.
Die Sache hat nur einen Haken: Das gilt natürlich auch für Russlands Firmen, wenn die sich Konkurrenten einverleiben. Und genau das scheint anzustehen: Erst kürzlich wollte ausgerechnet Gasprom das führende britische Gasunternehmen Centrica kaufen. Auch das wäre ein Milliarden-Deal gewesen, ist dann aber geplatzt.
So bleibt für den Dax vielleicht doch nur eine Hoffnung: Sollte der Ölpreis nachhaltig fallen, hat der deutsche Aktienleitindex wohl die beste Chance, seinen Bewertungsvorsprung gegenüber dem russischen RTS zu verteidigen. Einen ersten Schritt dazu hat es immerhin schon gegeben. Der Preis für den Rohstoff ist in den vergangenen Tagen auf den niedrigsten Stand seit sechs Monaten gefallen.