Börsen-Knick Dax-Verfall alarmiert Analysten
Frankfurt am Main - Die Börse hat einen Knacks bekommen: Statt Gipfelsturm trippelte der Deutsche Aktienindex Dax lange auf der Stelle. Jetzt kippt er sogar nach unten. Der Index rutschte in den vergangenen zwei Wochen um mehr als 600 Punkte ab - nachdem das Börsenbarometer von Mitte März bis Mitte Juli noch rasant von 6450 Dax-Punkten auf zwischenzeitlich über 8151 Zähler zugelegt hatte. Jetzt aber scheint schon die 8000-Punkte-Schwelle außer Reichweite. Dabei gibt es dafür auf den ersten Blick gar keinen Grund.
Die meisten Forschungsinstitute sind sich mittlerweile sicher, dass die Wirtschaft hierzulande in diesem und im kommenden Jahr um etwa 2,6 Prozent jährlich wachsen wird. Zuletzt schraubte beispielsweise das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) seine Prognose auf dieses Niveau nach oben. Und der aktuelle Konjunkturtest des Münchener Ifo-Instituts signalisiert ebenfalls eine Verstetigung des deutschen Aufschwungs - der Index verharrt sogar in der Nähe seines Rekordstandes. "Dieses Ergebnis spricht für eine Fortsetzung des konjunkturellen Aufschwungs im zweiten Halbjahr", sagte Ifo-Chef Hans-Werner Sinn.
"Der Aufschwung ist nach wie vor in festen Bahnen", glaubt deshalb auch Deka-Bank-Experte Andreas Scheuerle. "Und das gilt auch für 2008", ergänzt Andreas Rees, Chefvolkswirt Deutschland bei Unicredit-HypoVereinsbank.
Mehr noch: Die wichtigsten deutschen Unternehmen scheinen weiter deutlich besser dazustehen, als selbst Branchenkenner bisher zu hoffen wagten. DaimlerChrysler , Merck , Lufthansa , Siemens und Volkswagen haben mit als erste ihre Bücher geöffnet und der staunenden Analystenschar teils glänzende Geschäftsergebnisse in der ersten Jahreshälfte präsentiert. Offenbar steigern die hiesigen Konzerne ihre Gewinne im Schnitt noch einmal stärker, als es beispielsweise viele Firmen der weltweit wichtigsten Volkswirtschaft USA schaffen.
In den vergangenen Jahren steigerten die US-Gesellschaften ihre Gewinne im Schnitt um deutlich mehr als zehn Prozent, jetzt geht es deutlich langsamer voran. Nachdem gut ein Viertel der im S&P 500 vertretenen Unternehmen ihre Berichte zum zweiten Quartal veröffentlicht haben, beträgt die durchschnittliche Wachstumsrate nur noch 8,5 Prozent.
Gleichmäßig bergab
Doch an der Börse in Frankfurt tut sich nichts, trotz der wirtschaftlich guten Grundlagen. Selbst die Rekordergebnisse hiesiger Konzerne, vor kurzem noch verantwortlich für Höhenflüge an der deutschen Börse, können den Dax derzeit nicht nach oben drücken. Zu groß ist offenbar die Angst der Anleger, dass die schwächeren US-Zahlen ein Hinweis dafür sind, wie es bald auch in der Bundesrepublik weitergehen wird.
"Die hohen Korrelationen an den Kapitalmärkten sind ein Risiko. Während man früher vergleichsweise einfach diversifizieren konnte, wird das heute immer schwieriger", sagt Klaus Kaldemorgen, Chef der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS.
Behalten die Pessimisten Recht, werden Deutschlands Firmen dann auch bald eher mit dem moderateren Gewinnplus der US-Firmen von sechs bis acht Prozent aufwarten. Ähnlich weltweit vernetzte Börsen wie die Frankreichs, Großbritanniens, Japans, Österreichs, der Schweiz und der USA weisen denn auch nahezu identische Kursverläufe zum Dax auf. Ob CAC 40 in Paris, FTSE 100 in London, Nikkei in Tokio, ATX in Wien, SMI in Zürich, oder der S&P 500 in New York: Seit Mitte Juli kippen die Kurse gleichmäßig nach unten.
"Ein Grund für die deutlich zu spürende Börsenzurückhaltung könnten auch die seit Ende 2005 deutlich gestiegenen Zinsen sein", glauben die Experten der Commerzbank erkannt zu haben. Tatsächlich sind vor allem die kurzfristigen Zinsen zuletzt bis auf etwa fünf Prozent gestiegen. Und nicht wenige Börsenkenner fragen sich offenbar, warum sie in der Hoffnung auf wenige Pünktchen mehr Gewinnplus vieler Unternehmen noch das viel höhere Kursrisiko am Aktienmarkt eingehen sollen, wenn am Geldmarkt wieder sichere Zinsen einzustreichen sind.
"In vergleichbaren Phasen haben Aktien deutlich an Boden verloren, da professionelle Investoren den Cash-Anteil aus Risikoüberlegungen sukzessive erhöhten", sagt deshalb Reza Darius Montassér, Vorstand der Alpenbank in Innsbruck und Finanzwirtschaftsexperte an der Universität Halle-Wittenberg. "Da Aktienfonds derzeit aber noch überdurchschnittlich niedrige Cash-Anteile ausweisen, ist das Risiko von Umschichtungen aus Aktien in Cash extrem hoch."
Viele Fonds müssten sich dann nämlich noch an die neue Börsenlage anpassen und Schritt für Schritt ihre Aktien verkaufen und anschließend anderweitig anlegen. Das allerdings sind nicht die Rahmenbedingungen, die für schnelle neue Höhenläufe des Dax sprechen. "Jetzt droht die Wende im Höhenflug", sagt der Portfoliomanager eines großen deutschen Pensionsfonds.