Börsen-Kolume: Dax-Geflüster - DER SPIEGEL
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Börsen-Kolume Dax-Geflüster

Zahlreiche enttäuschte Gewinnerwartungen brachten die Börse ins Trudeln. Außerdem sorgt die Gigabell-Pleite weiter für Furore.
Von Stefan Wolff
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Als "Gigabell 2" wird inzwischen ein Unternehmen bezeichnet, das vor wenigen Monaten noch für Begeisterungsstürme am Neuen Markt gesorgt hatte. Metabox hatte eine Absichtserklärung nach der anderen unterzeichnet, die Millionengewinne suggerierten. Mit sogenannten Set-Top-Boxen will das Unternehmen Fernseher fit für das Internet machen, schaut aber beim Umsatz in die Röhre. Aus der Gewinnwarnung konnten risikofreudige Anleger gleich mehrfach lernen.

Erhaltene Aufträge sind nicht mit Bargeld gleichzusetzen. Der Geldsegen kann sich nicht einstellen, wenn zum Beispiel das Unternehmen überhaupt nicht liefern kann. So geschehen bei Metabox. Dabei hatte die Chefetage gleichlautende Vermutungen stets vehement bestritten.

So ganz genau mit der Wahrheit hatte man es offenkundig bei Gigabell auch nicht genommen. Noch kurz vor der Pleite wurden Umsatzziele bekräftigt, Anleger also im Unklaren gelassen. Am Freitag dann kam die erlösende Meldung. Der finnische Konkurrent Saunalahti habe die Aktienmehrheit vom Vorstandsvorsitzenden Daniel David übernommen. Gigabell verdoppelten sich auf einen Schlag, zum Handelsende blieb ein Plus von 67 Prozent. Ist Gigabell also gerettet? Finger weg, denn der Vertrag wird nur wirksam, wenn das Sanierungsprojekt greift. Absichtserklärungen, sogenannte "Letters of intend" und handfeste Verträge trennen Welten.

Unausgegorene Pläne, hochfliegende Umsatzprognosen und herbe Enttäuschungen sind indes keine deutsche Spezialität. Auch in den USA gerieten Internet-Aktien kräftig unter Druck. Papiere von Priceline zum Beispiel halbierten ihren Wert. Das Unternehmen verkauft vor allem Flugtickets online, hat aber die gestiegenen Ölpreise nicht an die Käufer weiter reichen können, wie ein US-Börsenbrief feststellte.

Unter Druck stehen auch die "Klassiker" der Computer- und Internetbranche. Intel, AOL, Yahoo, Cisco und Microsoft ließen kräftig Federn. Zuletzt war es Apple. Der Computerhersteller rechnet mit Gewinnen, die 33 Prozent unterhalb der Erwartungen liegen. Auch diese Papiere halbierten sich fast auf einen Schlag.

Vor weiteren Gewinnwarnungen indes dürfte die Börse nicht gefeit sein. Immerhin kommen nun nach Quartalsende die realen Zahlen auf den Tisch. "Eigentlich", so sagte ein Händler, "ist die wirkliche Situation nicht halb so schlimm wie die miese Stimmung". 8000 Punkte zum Jahresende trauen die Auguren dem Dax immer noch zu.

Trotzdem hielten sich die Verluste an den deutschen Märkten per Saldo in Grenzen. Anleger entdeckten bei den Standardwerten vor allem Autos. Beflügelt vom Autosalon in Paris und den dort lancierten Absatzzahlen konnten vor allem BMW und VW deutlich zulegen. Selbst DaimlerChrysler zogen wieder an, obwohl die Stuttgarter wegen roter Zahlen bei Chrysler eigentlich unter keinem guten Stern standen. Mit Chrysler sind die Stuttgarter nach gängiger Analystenmeinung von einer wahren Perle deutscher Industrie zu einem auf den Massenmarkt ausgerichteten Hersteller geworden. Dennoch hielten die meisten einen doppelt so hohen Aktienkurs wie am Freitag (50,48 Euro) immer noch für einen fairen Preis.

Was also wird aus dem Goldenen Herbst, wenn die Phantasie die Hightech-Werte verläßt und auf Standardaktien niemand so richtig abfahren will? Wenigstens der befürchtete Rückschlag durch das Referendum in Dänemark blieb aus. "Das war alles schon in den Preisen drin", hieß es vollmundig am Freitag, natürlich nach entsprechender Panikmache in den vergangenen Tagen und Wochen.