Börsen-Kolume Dax-Geflüster
Hamburg - Der Crash auf Raten vollzog sich an 17 Tagen in Folge. Schlechte Nachrichten, zurückgeschraubte Erwartungen und revidierte Prognosen haben vor allem dem Neuen Markt zugesetzt. Anleger mussten sich mit dem Gedanken anfreunden, dass ein halbierter Kurs innerhalb eines Tages kein Alptraum, sondern harsche Realität ist. Allgeier war so ein Fall. Man habe die Marktsituation falsch eingeschätzt, hieß es seitens des Bremer IT-Hauses lapidar und man verband dies mit einer Gewinnwarnung.
Erklärungen wie diese führen bei den Anlegern nicht mehr nur zu Kopfschütteln. Denn was da alles aufgetischt wurde und verdaut werden musste, war starker Tobak. Nicht nur, dass Gewinnwarnungen gleich Säckeweise in den Markt kamen, auch die anderen Nachrichten förderten nicht gerade Anlegervertrauen in die New Economy. Diese müsse sich eigene Regeln geben, hieß es bei EM-TV. Dies löste einiges Befremden aus, denn nach gängiger Händlermeinung sollten falsche Bilanzzahlen und staatsanwaltliche Ermittlungen, die bei Infomatec inzwischen in Hausdurchsuchungen mündeten, nicht zu den neuen Gesetzen gehören.
Nur wenige Aktien konnten sich gegen den Abwärtssog der US-Technologiebörse Nasdaq stemmen, und meist gelang dies nur kurzzeitig. So zogen Papiere des E-Business-Konzerns Jobs+Adverts nach Bekanntgabe einer Aquisition deutlich an. Am Folgetag verfielen die Aktien wieder in die gewohnte Bewegung, die ihnen an der Börse bereits den Spottnamen Jobs und abwärts eingetragen haben.
Eigentlich hätte die Gegenbewegung zu den harschen Verlusten schon eher erfolgen können. AMD revidierte mit guten Zahlen schlechte Prognosen für die Chip-Industrie. Der Lichtstreif wurde aber vom Konflikt zwischen Israel und Palästina zugebombt. Eine gefährliche Mixtur, da sich zur Panik unter Hightechwerten die Unberechenbarkeit der politischen Börse gesellte. Der aus der Krise resultierende Ölpreis auf einem neuen Zehnjahreshoch ist eine Gefahr für die Konjunktur und ein Inflationstreiber. Bei der Bundesbank zumindest gab es sorgenvolle Mienen.
Einige Volkswirte geben zu bedenken, der Ölpreis-Sprung sei mehr auf psychologische Faktoren denn auf die Realität zurück zu führen. Denn die Abhängigkeit von Nahost-Öl sei lange nicht mehr so hoch, wie in den siebziger Jahren. Dennoch sind Inflationsgefahr, niedriger Euro, eine drohende militärische Auseinandersetzung und sinkende Unternehmensgewinne eine gefährliche Mischung für den Aktienmarkt, der sich ohnehin nervös und angeschlagen präsentiert.
Es dürfte trotz der Erholung vom Freitag lange dauern, bis Groß- und Kleinanleger feststellen, dass sinkende Gewinne bei Lucent keinen Einfluss auf das Geschäft von Siemens oder Infineon haben. Der Herdentrieb macht es auch möglich, Mobilcom mit Internet-Aktien in einen Topf zu werfen. Und der Einbruch von Papieren des Parade-Start-ups Ost, Intershop, hat weitere Dellen hinterlassen.
Kaufkurse werden nun gepredigt und die Profis raten Anlegern zur Gelassenheit und dazu, die Krise einfach auszusitzen. Nur Gelassenheit wurde von seiten der großen Spieler nicht gerade vorgelebt. Das Schlachtfest der vergangenen Woche darf man getrost als Panik bezeichnen.
Das gilt auch jenseits des großen Teiches. Dort wird inzwischen auf Standardwerte genauso eingeprügelt, wie auf kleine Wachstumsaktien. 80 Punkte im Dow Jones machte der Absturz der US-amerikanischen Baumarkt-Kette Homedepot aus. Um 29 Prozent wurde das Papier nach der Bekanntgabe eines Ertragsrückgangs eingedampft.
Dass nach der rabenschwarzen Börsenwoche wieder Ruhe einkehrt, glaubt kaum jemand. Aber einige Ereignisse der kommenden Handelstage könnten wieder eine leichte Normalisierung der Verhältnisse einkehren lassen. Die Woche dürfte vor allem durch die Quartalszahlen der Hightech-Werte geprägt sein. Intel, Kodak, Apple, SCM Microsystems und SAP legen ihre Bilanzen offen und werden darüber Aufschluss geben, ob die zum Teil panischen Reaktionen am Markt gerechtfertigt waren oder nicht.