Börsen-Kolumne: Dax-Geflüster - DER SPIEGEL
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Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Nur wenn die Katze das Haus verlässt, können die Mäuse tanzen. Als in Amerika wegen des Thanksgiving-Festes der Truthahn höher im Kurs stand als Aktien, wagten Frankfurter Händler den Schnäppchenkauf. Von einer Trendwende zu reden, ist allerdings zu früh. Es war eine reine technische Reaktion.
Von Stefan Wolff
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Es gibt sie eben doch noch, die Schnäppchenjäger und Glücksritter. Aber auf breiter Front ist das Anlegervertrauen am Donnerstag nicht zurück gekehrt. Dagegen sprechen die schmalen Umsätze. Bei den Standardwerten soll der eine oder andere Fondsmanager wieder aktiv geworden sein, munkeln Händler. Kein Wunder, wenn Daimler, SAP, Siemens und Infineon mit Kursen locken, die bis zu 50 Prozent unter ihrem Rekordhoch brach liegen.

Dennoch: Die in der Woche aufgelaufenen Verluste wurden bestenfalls zum Wochenschluss egalisiert. Eine Bungee-Börse, denn nach dem Absturz schnellten die Kurse einfach wieder hoch. Nach wie vor besteht die Gefahr empfindlicher Rückschläge, nur momentan überwiegen eben die schmalbrüstigen Vorgaben des halben Handelstages an der Wall Street vom Freitag die anhaltenden Gewinnwarnungen am Neuen Markt.

Als positives Zeichen führen Experten an, dass gerade die im Deutschen Aktienindex aufgeführten Technologiewerte nicht wegen hauseigener Probleme abstürzten, sondern dass sie vom allgemeinen Trend ins Tal der Tränen gerissen wurden. Epcos zum Beispiel legte ein beeindruckendes Jahresergebnis vor. Aber Rekorde in allen Bereichen der Bilanz erregten keine Jubelstürme. Dabei halten Branchenkenner die Siemens-Tochter für exzellent positioniert. Sie halten eine anhaltend steigende Nachfrage nach elektronischen Bauteilen für Handys und Autoelektronik für sehr wahrscheinlich, wobei Dellen in der Autokonjunktur durch die boomende Mobiltelefonie ausgeglichen werden dürften.

Der Jubelsturm bei der Telekom nach dem Rücktritt des Chefs der Regulierungsbehörde Scheuerle könnte dagegen schnell wieder verhallen. Kein Anleger dürfte ernsthaft annehmen, dass der Neue das Rad der Zeit zurück dreht und die Telekom wieder als Monopolisten auferstehen lässt. Mehr Aufschluss versprechen die Neun-Monatszahlen am Donnerstag.

Mit deutlichen Dellen hat DaimlerChrysler seine Erfahrungen. Seit der Fusion mit Chrysler stehen die Stuttgarter Wertpapiere unter keinem guten Stern mehr. Dass die Anteilsscheine im Zuge der allgemeinen Erholung vorfahren konnten, hat nur vordergründig mit den Verhandlungen in Auburn Hills zu tun. Zwar wäre Einigkeit mit den Gewerkschaften vor Ort ein wichtiger Schritt auf dem Wege, Chrysler eine effektivere Struktur zu verpassen, doch der Weg wird ein langer.

Schon jetzt bescheinigen Autokenner Chrysler besonders kurze Dienstwege. Dass Probleme allein durch ein deutsches Management beseitigt werden können, wird bezweifelt, zumal in Amerika die Autokonjunktur erlahmt. Weitere Rückschläge sind also nicht ausgeschlossen.

Das gilt ebenso für die Hightech-Branche. Auch wenn wieder das alte Prinzip "New Economy hui - Old Economy pfui" aufblitzte, hängt sehr viel von der US-Technologiebörse Nasdaq ab. Schließlich hat der Frankfurter Neue Markt bei den Übertreibungen nach oben stärker übertrieben als die Nasdaq.

Mutig war, wer in diesen stürmischen Tagen einen Börsengang wagte. Neue Sentimental Film war so ein Kandidat. Der Ausgabepreis lag mit 12 Euro unter der Preisspanne (14,50 bis 18 Euro), der erste Kurs bei neun Euro.

Besser hatte es da die Post. Mit einer Schar von gelben Bullen und mächtigen Konsortialbanken im Hintergrund widerstanden die Papiere dem Abwärtssog am Montag. Und als sich keine Delle andeutete, stiegen am Dienstag die Fondsmanager ein, was zu einem Kurssprung führte. Aber das kennt ja wohl jeder, wenn die Post mal einen Tag zu spät kommt.