Börsen-Kolumne: Dax-Geflüster - DER SPIEGEL
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Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Die kommende Woche bringt es an den Tag: Die transparent gedachte neue Ökonomie am Neuen Markt, verkörpert durch den einstigen Börsenstar EM.TV, scheint am Ende und muss durch öffentlichkeitsscheue Altvordere wie Leo Kirch gerettet werden.
Von Michael Braun (ausgeschieden)
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Zugegeben hat EM.TV bisher nur, dass das Ergebnis vor Steuern und Zinsen nicht von 153 auf 525 Millionen DM steigen, sondern auf 50 Millionen DM sinken wird. Wie die Medienmenschen aus München da Bernie Ecclestones Verkaufsoption für 25 weitere Prozent an den Fernsehrechten für das Formel-1-Geschäft finanzieren wollen, wie sie die dafür notwendige eine Milliarde DM aufbringen wollen, weiß wohl nur "Papa Kirch". Der hat schließlich selbst viel Erfahrung damit, wie immer wieder finanziell klamme Unternehmen auf Expansionskurs gehen können.

Dennoch lassen sich Anleger immer wieder von traumhaften Geschichten am Neuen Markt einfangen. Metabox etwa kam am Dienstag mit der Mitteilung heraus, "den Einstieg in den britischen Markt für Interaktives Fernsehen geschafft" zu haben. Mindestens 100.000 Geräte, die Fernseher internetfähig machen, sollen auf die Insel geliefert werden. Der Kunde wolle freilich nicht genannt werden, er unterliege den Einschränkungen einer "quiet period". Die Folge war, dass der zuvor geplagte Kurs von 5 auf 7,08 Euro nach oben schnellte.

Wo bleibt das Elefantengedächtnis der Märkte ? Metabox, das sind schließlich die Hildesheimer Multimedia-Manager, die schon einmal mit ähnlichen Mitteilungen an den Markt kamen, um später kleinlaut eingestehen zu müssen, dass die Aufträge zwar vorlägen, aber nicht abgearbeitet werden könnten. Die Metabox-Manager sind auch diejenigen, die für 1999 einen fehlerhaften Konzernabschluss vorgelegt und in der Herbstbilanz den Verlust von 4,8 auf 11 Millionen DM mehr als verdoppelt haben. Diese Informationen vom Freitag berührten den Kurs kaum.

Denn am Neuen Markt muss derzeit die Angst verdrängt werden, die beiden führenden Indizes dieses Segments könnten unter 3.000 Punkte fallen. Dieser Marke waren der Nemax-50 und der umfassende Nemax-All-Share am Donnerstag gefährlich nahe gekommen. "Wenn diese Grenze unterboten wird, dann rauscht es runter", meinte ein Händler: "Dann hauen auch die Neue-Markt-Fonds ihre Papiere vor dem Jahresende raus, um zu retten, was zu retten ist", argwöhnte er, und dann werde aus dem Neuen Markt ein Penny-Markt, auf dem nur noch Papiere mit einstelligen Euro-Beträgen gehandelt würden. Dann sei der Neue Markt im Grunde tot.

Tatsächlich ist die Gefahr noch nicht behoben. Denn gewitzt durch die Erfahrung des zu Ende gehenden Anlagejahres, besinnen sich die Analysten wieder alter Tugenden. Denn sie haben gesehen, dass die Renditen der Staatsanleihen seit Februar um knapp 40 Basispunkte zurückgekommen sind. Kuponzahlungen und Kursgewinne brachten für Euroanleihen damit bisher immerhin einen Jahresgewinn von rund sechs Prozent. Außerdem haben die Märkte gezeigt, dass Aktien wie RWE ihren Kurs seit Jahresbeginn um weit mehr als 60 Prozent haben verbessern können: "Wer hätte das gedacht, dass solch ein schläfriges Papier diese Performance entwickeln kann", stöhnte ein Händler.

Zur Rückbesinnung auf defensive Taktiken gehört auch die Erinnerung an eine fast vergessene Bewertungsmethode für Aktien, das Kurs-Gewinn-Verhältnis. Das besagt, um wie viel mal höher der Kurs als der erwartete Gewinn für ein bestimmtes Jahr ist. Auch in anderen Branchen sind solche Verbindungen zwischen Kaufpreis und Ertrag üblich, etwa wenn Immobilien zum Mehrfachen der Miete gehandelt werden. Das "KGV" bei den Standardwerten und den Papieren des Neuen Marktes klafft in der Tat zuweilen weit auseinander. Wer gemein ist und das höchste KGV aus dem Nemax 50, das von Mobilcom, mit dem schlechtesten aus dem DAX vergleicht, also mit dem von DaimlerChrysler, dem wird bald schwindelig. Denn eine Mobilcom-Aktie ist gut 500 mal so teuer wie der für 2001 erwartete Gewinn, während ein DaimlerChrysler-Papier schon für das Siebenfache des Gewinne zu bekommen ist.

Dazwischen liegen Welten, die noch bis ins Frühjahr mit den Unterschieden zwischen neuer und alter Ökonomie erklärt wurden. Das hat sich wie erwartet weitgehend als Unfug erwiesen. Denn nur von Wachstumshoffnungen ohne tatsächliche Gewinne können auf Dauer auch junge Wachstumsunternehmen nicht leben. Der Rinderwahnsinn ist der Preis für maximale Gewinne mit schnell erzeugtem Fleisch. Mit dem Tod der Aktienkultur müssten wir zahlen für dauerhaft maßlose Aktienbewertungen. Diese Preise sind zu hoch.