Börsen-Kolumne: Dax-Geflüster - DER SPIEGEL
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Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Der Optimist am Neuen Markt lehnte sich am vergangenen Wochenende zurück und sagte: „Es hätte schlimmer kommen können.“ Er behielt recht: Es kam schlimmer. Mit Mobilcom und EM-TV stürzten die Topstars des Neuen Marktes ins Bodenlose. Eine Rückkehr in die Charts dürfte steinig werden.
Von Stefan Wolff
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Mobilcom waren von Anfang an dabei. Als der Neue Markt aus der Taufe gehoben wurde, standen Papiere des norddeutschen Telefonanbieters stellvertretend für den Erfolg der aufstrebenden New Economy. Später waren es EM-TV, die eine atemberaubende Erfolgsstory schrieben. EM-TV und Mobilcom waren die Heilsbringer am Neuen Markt und ihre Chefs, Thomas Haffa und Gerhard Schmid, wurden von Anlegern zu Lichtgestalten hoch stilisiert.

Nun aber ist die Sicherung durchgebrannt. Die einstigen Engel sind gefallen. Obwohl Mobilcom-Chef Schmid es ablehnt, dass Papiere seines Unternehmens mit EM-TV in einen Topf geworfen werden, Anleger handelten entsprechend. Dabei liegen die Unterschiede der beiden Leidenswege auf der Hand: Bei Mobilcom brodelt lediglich in der Gerüchteküche, während die Münchner Herren über Formel 1 und Muppets in einer handfesten Krise stecken.

Beide Papiere brachen in der zurückliegenden Börsenwoche auf ein neues Jahrestief ein. Mobilcom stürzten auf 28,10 Euro ab, EM-TV wurden auf 5,56 Euro eingedampft. Die Jahreshöchststände lagen bei 210 Euro (Mobilcom) und 120 Euro (EM-TV).

Gerhard Schmid will Rückbesinnung

Für Gerhard Schmid ist die Schmerzgrenze damit fast erreicht. Wenn sich der Neue Markt weiter zum Zockerinstrument entwickle, sei ein Rückzug aus dem „Wachstumssegment“ der Börse denkbar, sagte Schmid gegenüber SPIEGEL ONLINE. Der Mobilcom-Chef wünscht eine Rückbesinnung auf fundamentale Daten, also die Geschäftszahlen.

Dieses Bewertungskriterium hat am Neuen Markt allerdings keinen Platz, wenn man sich mal vor Augen hält, dass EM-TV zu Hausse-Zeiten höher bewertet waren als Aktien des Disney-Imperiums. Medien-Midas Leo Kirch soll es nun richten. Einige Börsianer sind sogar überzeugt, dass er das Unternehmen auf Kurs bringen wird. Schließlich hat sich nur selten etwas nicht zu Gold verwandelt, was der Münchner angefasst hat. Dennoch beherrscht Skepsis die Szene. Zu unübersichtlich sei die Struktur des Kirch-Imperiums, heißt es.

Außerdem könnten die Kartellbehörden Einspruch gegen den Machtzuwachs in der Formel 1 erheben. Andere Fernsehstationen könnten benachteiligt werden bei der Vergabe der Übertragungsrechte, heißt es. Und dann noch die Klagen, weil skeptische Anleger eine bewusste Täuschung in der peinlichen Korrektur der Bilanzdaten vermuten.

Kaum Kaufempfehlungen

Das wiederum schlug auf Mobilcom durch. Der Telefonanbieter legte seine Zahlen offen, erläuterte, wie man die aus der UMTS-Auktion resultierende Schuldenlast tilgen wolle. Dennoch haften die Spekulationen um Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens weiter an den Papieren.

Die Unsicherheit ist symptomatisch für den gesamten Neuen Markt. „Man kann keine Prognosen abgeben“, sagten die Anlageexperten der Deutschen Bank, als es um die Vorhersage der Börsentrends des kommenden Jahres ging. Von den weit mehr als 300 am Neuen Markt notierten Unternehmen empfahlen die Banker lediglich vier zum Kauf. Mobilcom und EM-TV waren nicht darunter.

Sehr viel zuversichtlicher geben sich die Experten bei Standardwerten. Favorisiert werden europäische Titel, insbesondere Aktien aus Deutschland. Dem Dax traut die Deutsche Bank Kursgewinne bis zu 33 Prozent zu. Allerdings glauben nur wenige Marktbeobachter an eine Jahresendrallye 2000. Aber das Licht am Ende des Tunnels ist sichtbar geworden, sagen Händler. "Der hohe Ölpreis und der niedrige Euro haben einen dauerhaften Aufschwung verhindert“, so ein Börsianer. Nun da der Euro steige und der Ölpreis sinke sei der Weg frei für steigende Kurse.

Banken profitierten dabei von der Zinssenkungsphantasien in den USA. Die Schere könnte zuklappen, europäische Anlagen ihren Attraktivitätsverlust ausgleichen. Ebenfalls in den Anlegerfokus gerieten Chemietitel. Neben einer Kaufempfehlung für Degussa-Hüls bahnt sich ein Übernahmekrimi an. Bayer soll von der Schweizer Roche Holding geschluckt werden.

Übernahmephantasien im Chemibereich

Für Händler klingt das durchaus plausibel. Einige bestätigten hinter vorgehaltener Hand, dass Kaufaufträge großer Spieler vorlägen. Bayer verfügt ebenso wie weiland Mannesmann nicht über Großaktionäre. „Wer 40 Milliarden Euro auf den Tisch legt, kann das Unternehmen kaufen“, sagte eine Analystin. Mit diesem Betrag wird der Chemieriese zur Zeit an der Börse bewertet.

Rechnet man Chemie- und Pharma-Aktivitäten von Bayer zusammen, dann sind die Leverkusener größer als Roche. Sollte eine Übernahme zustande kommen, rechnen Beobachter mit einem „Spin off“ der Chemie, also mit einem Verkauf oder dem selbständigen Gang an die Börse. Als möglich gilt auch, dass am Ende einer feindlichen Übernahmeschlacht eine friedliche Fusion steht. Das war auch bei Thyssen so, als der kleinere Stahlkonzern Krupp zur Attacke blies. Auch zwischen Mannesmann und Vodafone erfolgte die Verschmelzung.

Wie man einen „Life Science“-Konzern kreiert hat Jürgen Dormann bewiesen. Der Hoechst-Chef brachte die Spezialchemiesparte als Celanese an die Börse, bevor man mit Rhone Poulenc zu Aventis verschmolz.

Eine Jahresendrallye ist wohl nicht mehr zu machen. Aber die Börse ist mit Krimis reich gesegnet in der Adventszeit. Im vergangenen Jahr waren es Mannesmann und Holzmann. Nur „Gerhard, Gerhard“-Rufe werden dem Neuen Markt nicht helfen.