Börsen-Kolumne: Dax-Geflüster - DER SPIEGEL
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Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Wenn Zinsen sinken, dann steigen Aktienkurse. Bleiben die Zinsen unverändert und es werden sinkende Zinsen in Aussicht gestellt, dann geht es im Vorfeld bergan. Soweit die Theorie. In der Praxis führte die Sitzung der US-Notenbank zu einem Desaster an der Technologie-Börse Nasdaq und damit natürlich auch zum Krach am Neuen Markt. Darüber konnte auch der besinnliche Vorweihnachtsanstieg nicht hinweg täuschen.
Von Stefan Wolff
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Eigentlich könnte die Situation kaum besser sein. Öl fällt, der Euro steigt, und in den USA deutet sich ein langsames Ende des Wirtschaftsbooms an. Alle Faktoren sprächen für steigende Kurse, wenn nicht die überzogenen Erwartungen vieler Marktteilnehmer ein Desaster ausgelöst hätten.

Denn dass die Leitzinsen in den USA unverändert blieben, hatten die meisten Volkswirte vorhergesagt. Sinkende Zinsen im kommenden Jahr gelten als sicher, jetzt schon die Zinsen abzusenken, war ein geschürtes Gedankenspiel. Und so gab es anstelle steigender Kurse einen Einbruch. Auf einmal war die Meinung Trumpf, dass die US-Notenbank bei der Feinjustierung schlampt, und dass anstelle einer weichen Landung der US-Konjunktur eine harte erfolgen könnte. "Quax" Greenspan - das Szenario, sich den US-Notenbankchef als Bruchpiloten vorzustellen erscheint Experten eigentlich so abwegig wie nur was. Aber es kam eben mal wieder ganz dick. Nachbörslich wurde der Zinsbeschluss an der Wall Street gleich mit sieben Gewinnwarnungen garniert. AT&T hat dabei sicherlich die tiefsten Narben hinterlassen. Die revidierten Prognosen des US-Telefonkonzerns AT&T drückten T-Aktien in den Keller, zwischenzeitlich auf ein neues Jahrestief von 32,30 Euro. Für Anleger ist dies eine herbe Enttäuschung, für die Telekom selbst ein Desaster. Die magische Marke liegt bei 33 Euro. Sollten Papiere des Telefonriesen diesen Preis nachhaltig unterbieten, dann ist der Kauf des US-Anbieters Voice Stream in Gefahr. So steht es im Vertrag.

Überhaupt scheint die Luft raus aus der einst so hoch gejubelten Telefonitis. Dabei scheint es so, als würde die Rechnung der Branche aufgehen. Auf den Gabentischen dieser Republik werden wohl Handys dominieren. Danach aber scheint es so, als würden die Hersteller ihre Produktion zurückfahren. Der Zulieferer Dialog Semiconductor jedenfalls bekam Aufträge gekürzt, Aktien brachen an einem Handelstag um mehr als zwei Drittel ein. Diese Nachricht ließ auch Papiere des Herstellers elektronischer Bauteile, Epcos, in die Knie gehen. Die Praxis der branchenübergreifenden Sippenhaft deutet auf einen grundsätzlich negativ gestimmten Markt hin. Auch Medientitel sind nicht außer Gefahr. Es gab leichte Erholungstendenzen bei dem einen oder anderen Papier, doch wenn einmal eine schlechte Nachricht einschlägt, werden Aktien gnadenlos abgestraft. Der Filmrechtehändler Intertainment verstrickte sich in einen Rechtsstreit mit einer US-amerikanischen Produktionsfirma. Die drohenden Verdienstausfälle bestraften die Anleger mit Abschlägen in Höhe von rund 40 Prozent.

Insgesamt sieht es so aus, als würden sowohl konservative Anleger als auch die Zocker mit einem Minus aus dem Jahr gehen. Am Neuen Markt belaufen sich die Verluste auf 45 Prozent, wenn sich der Nemax 50 nachhaltig unter 3000 Punkten hält. Der Deutsche Aktienindex wird, wenn es so bleibt, über sieben Prozent eingebüßt haben. Es wäre das erste Mal seit fünf Jahren, dass die erfolgsverwöhnten deutschen Anleger mit ihren Standardwerten schief liegen.

Folglich wird es wahrscheinlich keine Jahresendrallye - auch keine kleine - mehr geben. Viele Investoren haben sich von ihren Engagements zurück gezogen, um die Verluste von der Steuer abzusetzen. Die Argumente des "Window Dressings" erscheinen fadenscheinig. Mit diesem Fachwort benennen die Börsianer die zum Jahresende unter Fondsmanagern gängige Praxis, durch den Kauf attraktiver Titel ihre Performance zu schönen, also ihre Schaufenster zu schmücken. Wer aber um 20 oder mehr Prozent schief liegt, kann dies an den verbleibenden drei Handelstagen auch nicht mehr richten.