Börsen-Kolumne Dax-Geflüster
Die Bilanz sieht düster aus. Der Deutsche Aktienindex hat im zurückliegenden Jahr sieben Prozent eingebüßt. Am Neuen Markt trugen Zocker mehr als nur ein blaues Auge davon. Der Nemax 50 brach um 43 Prozent ein. Auch das Ausland bot keinen Schutz: Dow Jones, Nasdaq und der Nikkei in Tokio schlossen im Minus.
Viele Optimisten sehen nun nach dem Jahreswechsel goldene Monate auf die Märkte zukommen. Doch näher betrachtet könnte es zumindest bei den Hightechwerten in der gleichen Manier weiter gehen, wie im desaströsen zweiten Halbjahr 2000.
Schlechte Nachrichten, "Todeslisten", falsche Bilanzen, zwei Pleiten und sogar kriminelle Machenschaften haben das Vertrauen in den Neuen Markt zerstört und zu einem Salamicrash geführt. Es ist kein Ende dieser schwarzen Serie in Sicht. So wurden Letsbuyit.com vom Handel suspendiert, weil das Internet-Handelsunternehmen seinen finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann. Letsbuyit.com waren die ersten Pennystocks am Neuen Markt, und sie werden es nach erneuter Handelszulassung wohl wieder werden.
Nach Börsenschluss sprach Teles eine Gewinnwarnung aus. Das Unternehmen werde weder Umsatz- noch Ertragsziele im kommenden Jahr erreichen. Auch die Negativschlagzeilen um ehemalige Börsenlieblinge werden den Anlegern über den Jahreswechsel hinaus erhalten bleiben. Die Gerüchte um EM-TV-Chef Thomas Haffa, Aktien verkauft zu haben, die er gar nicht verkaufen durfte, erhalten den Anlegern das Misstrauen.
Viele Zocker haben mit Krediten in diesem Wachstumssegment gespielt und sich dabei verspielt, wenn nicht gar ausgespielt, sagen Händler. Sie glauben, dass sich einige Investoren erst mal Bares ersparen müssen, bevor sie Wertpapier-Engagements überhaupt andenken können.
Die US-Technologiebörse Nasdaq hinterließ als Vorgabe fürs neue Jahr noch einmal eine Drei-Prozent-Delle. Allerdings könnte die schnell vergessen sein, falls es sich dabei tatsächlich um Umschichtungen gehandelt hat. Aber "Kaufkurse" werden von den Gurus schon seit geraumer Zeit gepredigt.
T-Aktien zum Beispiel hielten sich standhaft unter 33 Euro, jener magischen Marke, die den Kauf der amerikanischen Voice Stream scheitern lassen könnte, wenn sich der Kurs nicht erholt. Bei 31,45 Euro markierten Telekom sogar ein neues Jahrestief.
Versöhnliche Töne gab es bei den Auto-Herstellern. BMW legten am Mittwoch neun Prozent zu und gehörten auch am Freitag zu den strahlenden Werten. 500 Millionen Pfund müsse Rover an Investitionsbeihilfen zurückzahlen, falls der englische Patient wieder in die schwarzen Zahlen fahre, so lautete das kurstreibende Gerücht. Bei Daimler lockte schlicht der niedrige Aktienpreis, sagten Händler. Denn die Absatzprobleme von Chrysler im immer schwieriger werdenden US-Markt halten an. Außerdem zeigt das Chrysler-Problem ganz klar, dass die Krise am Aktienmarkt nicht nur eine Hightech-Krise ist.
Strahlende Sieger des ansonsten verkorksten Jahres sind Chemie- und Pharmatitel. Das lässt viele Spieler auf eine Renaissance der Standardtitel hoffen. Die abbremsende Konjunkturlok in den USA könnte europäische und vor allem deutsche Standardwerte in den Fokus der internationalen Anlegerschar rücken, sagen Experten. Vieles spricht dafür, dass mit höherem Euro, niedrigeren Ölpreisen und einer sich schließenden Wachstumsschere Europa Interesse auf sich zieht.
Was jedoch den Neuen Markt angeht, erscheint ein allgemeiner Run auf das ganze Segment überhaupt nicht wünschenswert. Qualität muss sich durchsetzen, selektive Käufe sind angesagt. Die Börsenbetreiber brüsten sich mit einem Rekord-Emissionsjahr 2000. Solche "Höchstleistungen" braucht ebenfalls kein renditeorientierter Mensch. Es sind mehr als genug Gurken aufs glatte Parkett geworfen worden, an denen nur die Banken und natürlich die Börse verdient haben. Mehr Informationen, weniger Hochglanz und ein kleiner, erlesener Club von Börsennovizen, würde mehr zur Ehre gereichen. Und die Anleger wieder versöhnen.