Börsen-Kolumne Dax-Geflüster
Die Senkung der US-Zinsen am kommenden Mittwoch gelten schon als ausgemacht. Die meisten Beobachter rechnen mit einem 50-Basispunkte-Schritt. Einige trauen dem US-Notenbankchef den "Big Step" zu: 0,75 Stellen oder gar einen ganzen Prozentpunkt. Denn, so die Argumentation, wer die Lage so prekär darstelle, der führe was im Schilde. Das Potenzial für Enttäuschungen ist also groß.
Die Börsianer hatten bislang andere Probleme: Ericsson löste mit halbiertem Gewinn die erneute Talfahrt am Neuen Markt aus. Dass das Unternehmen die Handyproduktion auslagern wird, sehen Marktteilnehmer nicht so dramatisch. Das flaue Geschäft mit Mobiltelefonen allerdings sorgte für Sorgenfalten, die sich auf die Kurven von Epcos, Infineon und Siemens deutlich auswirkten.
Auf kühlere Konjunkturzeiten deutete auch die Gewinnwarnung von Corning, einem US-amerikanischen Hersteller optischer Glasfaserkabel. Noch vor Bekanntgabe der Nachricht verloren die Papiere an der Wall Street 20 Prozent.
Als absolute Enttäuschung erwiesen sich Broadvision. Der E-Commerce-Software-Konzern erwirtschaftete im zurückliegenden Quartal zwei Cent je Aktie Gewinn und unterbot die Erwartungen, die bei fünf Cent je Papier lagen, bei weitem. Prompt wurde das Papier um 17 Prozent zusammengefaltet.
Wert der Woche ist aber - wieder mal - Letsbuyit.com, ein Papier der Rekorde. Mit 17 Cent waren Aktien der Internet-Einkaufsgemeinschaft die billigsten in der Geschichte des Neuen Marktes. Die Kursexplosion um 300 Prozent, als der Konkurs - vorerst - abgewendet werden konnte war die größte je erlebte. Letsbuyit bleiben aber nach Einschätzung von Händlern reine Zockerpapiere. Als "kleines Geschäft für zwischendurch", zwischen "zwei ernsthaften Deals" bezeichneten Börsianer das Drängeln um die schnelle Cents.
Dennoch scheint die Situation insgesamt kaum vergleichbar mit der von vor vier Wochen, auch wenn einige Analysten weitere Rückschläge gerade im Neuen Markt für möglich halten. Niemand spricht auf dem Frankfurter Börsenparkett von Rezessionsängsten, kaum ein Marktteilnehmer glaubt an erneute Crash-Szenarien. Sinken Kurse unter ein bestimmtes Limit, beißen die Fonds kraftvoll zu, beobachten Händler. Die schlechten Nachrichten seien bekannt, würden nicht überbewertet.
Standardwerte stiegen demzufolge in der Anlegergunst, was Börsianer als gute, breite Grundlage für steigende Kurse erachten. Viel wird allerdings davon abhängen, ob und in welchem Umfang Greenspan an der Zinsschraube dreht. Quartalszahlen von Epcos, Infineon, Siemens und Intershop werden über die Befindlichkeit der Hochtechnologie Auskunft geben.
Auch bei Börsengängen ist Licht am Horizont zu sehen. Als erster Wert des Jahres debütierte die Dr. Höhnle AG erfolgreich. Mit 16,50 Euro lag der erste Kurs 37 Prozent über Ausgabepreis.
Zugleich scheint der Börsengang der Deutschen Börse vielversprechend zu laufen. Das Papier soll bereits überzeichnet sein. Fast nur Institutionelle sollen bestellt haben. Als am Montag die Bookbuilding-Spanne bekannt gegeben wurde, wurde am Rande auch gern betont, dass die Börse nicht als Volksaktie angelegt sei. Es gibt eben in der harten Geschäftswelt gleiche und gleichere Kunden. Auch wenn die nicht ganz so gleichen Privatkunden eher zur Treue neigen, während so manche der favorisierten Banken den Aufsichtsrat der Börse stellt und gleichzeitig an einer eigenen Handelsplattform bastelt.