Börsen-Kolumne Dax-Geflüster
Hamburg - Schon als das Büdelsdorfer Telefonunternehmen Mobilcom am 10. März 1997 mit seinem Börsendebüt die Geburtsstunde des Neuen Marktes einläutete, spotteten altgediente Börsianer über die blauen Lampen, die auf dem Frankfurter Börsenparkett die "Wachstumsbörse" markierten. Hier entstehe vielmehr das Rotlichtviertel der Börse, spotteten sie.
Anfangs zeichnete sich dieses Rotlichtviertel lediglich durch überzogene Preise aus, die Anleger aber gern zahlten. Schließlich schrieb Mobilcom eine Erfolgsstory. Weitrere Top-Stars folgten, wie EM-TV oder Intershop. Mut machte Millionäre. Gier verbrannte Geld.
Anlegerschützer erinnern dieser Tage daran, dass man die Luftblase eher hätte erkennen können, da viele der jungen Unternehmen schon bald nach ihrem Börsengang von ihren gesteckten Zielen abrückten. Dagegen standen aber die Kurshorizonte der Analysten, die von einem Füllhorn der Kursgewinne schwärmten.
Die ins Taumeln geratenen Branchenriesen ließen auch die Kleinen fallen. Eine gehörige Portion Kriminaltango zerstörte das Vertrauen vollends. Aber nicht nur die Haffas von EM-TV und andere Manager am Neuen Markt versilberten ihre Milliarden unerlaubterweise. In den USA ist ein weiterer Ex-Star ins Kreuzfeuer geraten. Amazon-Chef Jeff Bezos soll eigene Aktien versilbert haben, nachdem ihm eine Studie vorgelegt wurde, die dem Online-Buchhändler finanzielle Probleme attestierte. Die gemeinen Anleger hatten von dieser Studie noch keinen Schimmer. Zusätzlich geriet zum Wochenschluss erneut Intel unter die Räder. Eine Gewinnwarnung wegen der nachlassenden Nachfrage nach Computern riss auch die Hightech-Branche hierzulande zurück zumindest in die Lethargie. Der PC-Markt ist gesättigt, sagen Experten. Die Verbraucher seien schlicht und ergreifend zufrieden mit ihren Computern. Dazu komme ein hausgemachtes Problem bei Intel. Konkurrent AMD habe schlicht bei der neuesten Halbleiter-Generation die Nase vorn.
Die vermeintliche Trendwende wurde bereits zuvor von Yahoo unter Druck gesetzt. Nach der Gewinnwarnung erwiesen sich deutsche Titel noch als erstaunlich widerstandsfähig, aber am Ende hielt das Eigenleben nicht. Ohnehin bleiben die Stimmen skeptisch. Auch nach den dramatischen Abstürzen gilt der neue Markt insgesamt als überbewertet.
Dennoch gibt es am Neuen Markt noch so manches As, das sticht. Aixtron gab am Donnerstag nachbörslich Rekordzahlen bekannt. Die Unternehmensgewinne (ohnehin eine Seltenheit bei "Wachstumswerten") stiegen um 78 Prozent. Die Dividende (noch so ein Fremdwort) soll mehr als verdoppelt werden. Hinzu kommt die Ankündigung eines Aktiensplits.
Nach den mehr als fünf Prozent umfassenden Verlusten zum Wochenschluss an der Nasdaq dürfte am Neuen Markt wohl kaum Ruhe einkehren. Bilanzen und Prognosen von Schering, BASF, Münchner Rück, Rheinmetall und Klöckner könnten die Standardwerte in den Vordergrund rücken. Außerdem stehen zum Wochenschluss die bereits beschlossenen Veränderungen in den Indizes an.