Börsen-Kolumne: Dax-Geflüster - DER SPIEGEL
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Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Die Auguren bekommen trotz des schwachen Börsenumfeldes den Hals nicht voll. Legt ein Unternehmen ordentliche Gewinne vor, dann motzen die Analysten, weil die Erwartungen vielleicht um 0,03 Prozent hinter den Zielen zurückblieben. Dennoch reagieren die Händler auf die Empfehlungen.
Von Stefan Wolff
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg – Erwischt hat es dieses Mal Schering und BMW. Beide Unternehmen glänzten mit Zahlen. Der bayerische Automobilhersteller steigerte den Gewinn um 50 Prozent auf ein neues Rekordergebnis. Einziger Haken an der Sache: Analysten hatten mehr erwartet, weshalb die Papiere abgestraft wurden. Erst einen Tag nach Bilanzvorlage besannen sich die Börsianer darauf, dass gegen solides Wachstum eigentlich nichts einzuwenden ist.

Zumal die Auto-Konjunktur lahmt. Weltweit sollen im laufenden Jahr acht Prozent weniger Fahrzeuge verkauft werden, im Jahr 2002 soll der Absatz um knapp vier weitere Prozent sinken.

Die Börsianer wähnen sich in der Falle. Schließlich waren es überzogene Erwartungen, die die maßlose Enttäuschungswelle am Neuen Markt mit ausgelöst haben. Charttechniker genießen auf dem Parkett keinen guten Ruf. Nachträglich könne man jede Kurve erklären, heißt es. Und mit Formeln wie „intakter Abwärtskanal“ sei wenig anzufangen.

Kaufstreik bei den privaten Anlegern

Die Stimmung ist einfach schlecht. Die Ausverkaufsstimmung am Aktienmarkt hat sich in der vergangenen Woche deutlich beschleunigt. Viele Banken, die ja an Börsengeschäften ihrer Kunden in guten wie in schlechten Zeiten gut verdienen, raten den Anlegern zu äußerster Zurückhaltung. Der Käuferstreik von privater Seite dürfte also weiter anhalten, während sich die Profi-Zocker voller Verve ins Verkaufsgetümmel stürzen.

Anlass zu Missmut ist genug gegeben. Die Zahl der Gewinnwarnungen der verschiedenen Unternehmen ist unverändert hoch. Am Freitag reduzierten Oracle, Compaq und das Softwareunternehmen Adobe die Prognosen. Als versteckte Gewinnwarnung werteten Händler im Wochenverlauf die Ankündigung von Siemens, dass man die Ertragsziele nur dann erreichen könne, falls man Infineon aus der Bilanz herausrechne.

Untermauert wurde dies von aktuellen Berechnungen des Zentralverbandes Elektrotechnik und Elektroindustrie, die von sinkenden Umsätzen und sich leerenden Auftragsbüchern in der Chipbranche kündeten. Da diese Aussichten dem Verband zufolge auch auf die Hersteller elektronischer Bauteile abstrahlen dürften, war es nicht verwunderlich, dass sich vor allem SAP, Infineon und Epcos auf der Verkaufsseite fanden. Im Vorfeld der Computermesse Cebit malt die Branche grau in grau.

Schlechte Nachrichten aus allen Richtungen

Die sinkende Nachfrage nach Computern trifft erst die PC-Hersteller, dann die Chipindustrie, und es scheint nur noch eine Frage der Zeit, wann sich die Börse Maschinenbauer vorknöpft, die diesen Zweig bedienen. Ein kleiner Lichtblick kam ausgerechnet durch eine Gewinnwarnung zustande. Nokia prognostizierte stabiles Wachstum und zumindest unveränderte Gewinne. Damit lag man ausnahmsweise oberhalb eines Horrorszenarios, das zuvor kursierte.

Für Wirbel sorgen immer wieder die Terminmärkte. Der dreifache Verfall am Freitag hat gezeigt, dass viele Spieler der Crash vom Mittwoch auf dem falschen Fuß erwischt hat. Viele hatten auf einen 6000er-Dax gesetzt. Darum wurden die Kurse am Mittag mit enormem Aufwand in die Höhe getrieben. Dabei soll ein massiver Fehler passiert sein. Ein Händler bei einer Großbank stellte seinen Einkaufzettel zu früh in den Computer. Die Order traf auf einen völlig leeren Markt. Die dadurch entstandene Panik führte zu einer Handelswelle. Allein 50 Millionen T-Aktien wanderten über den Ladentisch. Die Umsätze überstiegen die eines normalen Handelstages um das zehnfache. Der freie Fall danach zeigt dann wieder, was die Börse momentan am besten kann: Es wurde Geld vernichtet.

Für die kommende Woche rechnen Börsianer mit verhaltenem Auf und Ab. Das Treffen der US-Notenbanker ist schon im Vorfeld zerredet, kann also keine Impulse bringen. Sinken die Zinsen um einen halben Prozentpunkt, dann gilt das als „bereits eingepreist“, obwohl man sich ernsthaft fragen sollte, in welche Gewinne. Senkt Alan Greenspan den Leitzins um 75 Stellen, dann ist die Phantasie für weitere Zinsrunden verpufft. Das haben die Analysten jetzt schon versichert. Das Bild changiert von dunkelgrau zu schwarz und wieder zurück. Mehr gibt die Farbenlehre der Börse momentan nicht her.