Börsen-Kolumne: Dax-Geflüster - DER SPIEGEL
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Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Der Aktienmarkt steckt zwischen Baum und Borke, zwischen Rezessionsangst und Zinsphantasie. Bei abgehobenen Gehaltswünschen von Piloten, nach desolaten Bilanzen am Neuen Markt und besorgniserregenden Arbeitsmarktdaten aus den USA ist die innere Stärke der Börse recht erstaunlich.
Von Stefan Wolff
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Die Jobmaschine USA streikt. Der Abbau der Stellen hat im April den höchsten Stand seit zehn Jahren erreicht, die Arbeitslosigkeit grassiert auf Drei-Jahreshoch. Im Einklang damit steigen die Löhne. Das drohende Szenario ist schnell gemalt: Die Produktivität sinkt, die Konsumneigung der Amerikaner nimmt ab, die Unternehmensgewinne sinken.

Einige Volkswirte malen bereits Rezessionsgespenster an die Wand, verweisen auf die Geschichte. Die habe gezeigt, dass ein über zwei Monate andauernder Arbeitsplatzabbau mehrheitlich dazu geführt habe.

Und trotzdem fährt man in den USA BMW und Porsche. Beide Unternehmen glänzten mit mehr Abverkäufen in Übersee, während der Rest der Branche den Rückwärtsgang eingelegt hat. Für den Stuttgarter Sportwagenhersteller, der fast die Hälfte des Geschäfts im Land der unbegrenzten Möglichkeiten macht, wäre ein "No" zu Luxus fatal.

Wenn also Alan Greenspan am 15. Mai die Zinsen zum fünften Mal auf dann vier Prozent senken sollte, dann auch für mehr Leasingverträge. Aber eine durch niedrigere Zinsen gekitzelte Investitionsbereitschaft der Firmen könnte durch hohe Arbeitslosigkeit bald aufgewogen werden.

Nutznießer schmalerer Renditen wäre vor allem der Euro. Sparbücher im Euroraum werfen seit kurzem mehr ab als US-Strümpfe. Noch hat es nicht geholfen, der Euro kämpft mit der 90-Cent-Marke. Wenigstens ist ein Zinsschritt seitens der Europäischen Zentralbank nicht zu erwarten. Die Euro-Banker bemühen sich statthaft, derartigen Hoffnungen keinen Vorschub zu leisten. Preisstabilität bleibt die Nummer Eins, wird immer wieder versichert. Jeder Autofahrer kann sich an der Zapfsäule davon überzeugen, dass die momentan nicht gewährleistet ist.

Auch der Aktienmarkt in Frankfurt strotzt vor hausgemachten Problemen. Die Hochsaison der Quartalszahlen und Jahresbilanzen hat die Börse in ihren Bann gezogen. Ein einziger Zahlensalat prasselte auf die Händler ein. Mit ganz unterschiedlichen Auswirkungen. Die massiven Verluste bei Intershop beispielsweise honorierten die Börsianer mit einem Kursspung um 46 Prozent an nur einem Tag. Die Talsohle sei durchschritten, hieß es.

Aber der Neue Markt wäre nicht der Neue Markt, wenn nicht der Kriminaltango der beherrschende Tanz wäre. Am Folgetag fraß die Nachricht, dass gegen das Management des Jenaer Softwarekonzerns ermittelt wird, einen Teil der Gewinne auf. Das Schlagwort "Trendwende" wurde auch bei EM-TV strapaziert. Hier erklärten die Manager, sie hätten reinen Tisch gemacht. Auf die Kernkompetenzen beschnitten soll nun wieder wirtschaftlich gearbeitet werden. Leo Kirch wird es freuen, er baut so seine Anteile an der Formel Eins weiter aus.

Die Streiks bei der Lufthansa belasteten Kranich-Papiere erst stark, dann verliehen sie den Titeln unverhofft Flügel, weil eine schnelle Einigung ins Haus stehe, glauben Händler. Experten rechnen allerdings mit mindestens vier Streikwochen, was vier Tagen Ausstand entspricht. Jeder Tag kostet die Lufthansa gut und gern 20 Millionen Mark. Die Forderungen der Piloten wirkten zwar abgehoben, seien aber grundsätzlich berechtigt, da die Flugzeuglenker in schlechten Lufthansa-Zeiten Verzicht geübt hätten, so ist zu hören. Dennoch würde ein Einknicken des Managements erhebliche Ertragsdellen auslösen. Die jährlichen Cockpit-Kosten beziffern Branchenkenner schon jetzt mit einer Milliarde Mark. Aus diesem Grund sei es sinnvoll, die Gehälter stufenweise anzuheben.

Nicht dem lieben Gott widmete Marius Müller-Westernhagen schon in den 70-er Jahren sein Glaubensbekenntnis, sondern der Deutschen Bank. Denn das Kanonendonnern oder Säbelrasseln steigende Kurse auslöst, ist Teil (unrühmlicher) Geschichte. Leider hat dies der mächtigste Mann der Welt noch nicht begriffen. So richtig Geld verdienen nur die Banken. Das dürfte das Weltbild von George W. Bush nicht weiter ankratzen, und den massiven Aufschwung der Umwelttechnik in Deutschland dürfte er nicht kapieren. Das nur am Rande.

Die Deutsche Bank jedenfalls hat ihren Anspruch als Branchenprimus erneut bekräftigt und mit erfreulicher Quartalsbilanz geglänzt. In der kommenden Woche wird die Dresdner beweisen, ob sie mithalten kann. Als Gelddruckmaschine erweist sich mehr und mehr auch die Börse selbst. Ob die Kurse steigen oder fallen, Händler und Anleger müssen zahlen, wenn sie handeln. Der nun beschlossene Aktiensplitt macht Börsenpapiere auch für Privatanleger erschwinglich. Als weiteres kurstreibendes Moment steht die eventuelle Aufnahme in den M-Dax an.

So einen Goldesel im Vorgarten - das würde den momentan fahrig-nervigen Kitzel an der Börse glänzend ersetzen.