Börsen-Kolumne: Dax-Geflüster - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Monatelang wurde sie gefordert, und als sie kam, war sie auch nicht recht. Die Zinssenkung der Europäischen Zentralbank hat dem Aktienmarkt Diskussionsstoff für Wochen geliefert. Wo steht die Wirtschaft? Droht Inflation?
Von Stefan Wolff
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Ein Blitzschlag geht, so schnell wie er kommt. Monatelang waren alle Banker um Wim Duisenberg bemüht, die hohen Inflationsgefahren als zinssenkungshemmend zu erklären. Als der Zinsschritt dann am Donnerstag kam, war die Überraschung natürlich groß. Was hat sich innerhalb der vergangenen zwei Wochen geändert, fragten sich die Börsianer, dass Inflationsgefahren auf einmal zu vernachlässigen sind.

Nichts hat sich geändert. Die Teuerungsraten in fast allen Ländern der Euro-Community erwiesen sich am Tag darauf als immens. Die seit sieben Jahren höchste Inflationsrate in Deutschland spräche eigentlich auch gegen einen Zinsschritt. Schnell werden in solchen Situationen Komplottszenarien gemalt. Sprach Big Al zu Big Wim: "Zinsen runter, es reicht nicht, wenn ich mein Land mit Barem flute." Oder weiß Duisenberg einfach mehr als der Markt, wenn er sich für Marktstimulanzien entscheidet?

Sicher ist: Das wirtschaftliche Klima in Deutschland hat sich weiter verdunkelt. Die Industrieproduktion ist rückläufig, die Arbeitslosenzahl stagniert, auch die Einzelhandelsumsätze schrumpfen, was vor allem Metro im Dax zu spüren bekam. Aber auch die anderen Branchen lahmen.

US-Notenbankchef Alan Greenspan fährt einen Kurs, der ihm jetzt schon die Risiken der Preistreiberei um die Ohren schlägt. Nicht Rezession ist die Gefahr, das haben die Daten erwiesen, sondern Inflation. Es fehlt die Antwort auf die Frage: Will Greenspan hohe Aktienkurse und seinen Burger für 20 Dollar? Deutsche Börsianer sind ratlos.

Schwache Börsen sind schlecht fürs Geschäft. So leidet die Dresdner Bank, ebenso wie die Commerzbank, unter der Anlegerskepsis. Die Kursdelle bekam folgerichtig auch die Allianz zu spüren, die ja die Dresdner übernehmen will.

Wenigstens in dieser Frage scheinen die Weichen gestellt zu sein. Ein Zankapfel jedenfalls ist vom Tisch. So hat Dresdner-Bankchef Fahrholz bekräftigt, dass man an der Investment-Tochter Kleinwort Wasserstein festhalte. An dieser Frage war seinerzeit die Fusion mit der Deutschen Bank geplatzt.

Gut sieht es derzeit für BMW aus. Der Konzern kann ohne den Bremsklotz Rover immense Wachstumsraten vorweisen. Gerade mit der Dreier-Reihe sei man erfolgreich, so war zu hören. Außerdem verkaufen die Bayern da mehr Autos, wo die Konkurrenz leidet - in den USA.

Am Neuen Markt konnte nicht einmal der Zinsschritt aus der Lethargie dieser Woche befreien. Auch die Neuordnung des Index Nemax 50 setzte keine Impulse. Händler verweisen darauf, dass in diesem Segment Spekulationen auf Indexbewegungen zu spekulativ seien. Wer heute reinkommt, bekommt morgen den Stuhl vor die Tür. Die nun amtliche Pleite des Augsburger Konzerns Infomatec hat das Misstrauen in die Hightech-Branche noch verstärkt.

Als Ausnahme gilt seit dieser Woche wieder die Sparte Biotech. Die DG Bank hat den Sektor wärmstens zum Kauf empfohlen. Dennoch besteht der Studie zufolge auch hier kein Grund zu uneingeschränkter Euphorie. Nur solide Werte sollten ins Depot, heißt es.

"Back to Fundamentals", also zurück zu den Fakten nach den Übertreibungen, heißt es bei der DG-Bank. Die richtige Einschätzung zu treffen, ist allerdings nicht nur für den interessierten Laien schwierig. Auch Profis tun sich mit der relativ jungen Branche schwer, zumal sie im Moment fast ausschließlich mit Zukunftsaussichten konfrontiert werden.

Den deutschen Biotech-Firmen wird allgemein ein Rückstand von sieben bis zehn Jahren zur US-amerikanischen Konkurrenz nachgesagt. Die gilt nach Ansicht von Branchenexperten nicht für die Zulieferer oder Bio-Informatiker. Nischen fänden sich vor allem in der Produktentwicklung. So gelte in Europa seit kurzem der sogenannte "Open Drug Status". Dieser biete Firmen Vergünstigungen, die Medikamente für seltene Krankheiten entwickeln. "An diesem Markt haben die großen Spieler kein Interesse", heißt es. Lieber eine Kopfschmerztablette für Millionen als ein Medikament für eine Krankheit, an der weltweit nur wenige tausend Menschen leiden, so lautet wohl das Credo.

Als definitiven Favoriten pickten sich die Börsianer MWG Biotech heraus. Das Papier verteuerte sich in Wochenfrist um 160 Prozent. Generell aber gilt: Die Börsen sind spekulationsmüde. Ob sich daran etwas ändern wird, ist fraglich. Aus den Zinsklauen allerdings gibt es kein Entrinnen. Am Dienstag tagt die US-Notenbank.