Börsen-Kolumne Dax-Geflüster
Hamburg - Wer im Januar breit gefächert in Dax-Werte eingestiegen ist, muss am Ende des Wonnemonats Mai ein Minus von knapp fünf Prozent beklagen. Geld unter der Matratze wirft mehr Rendite ab. Gelegentliches Aufbäumen vor allem aus der Hochtechnologie-Ecke wird regelmäßig im Keim erstickt.
Die Gewinnwarnung des US-amerikanischen Serverherstellers Sun Microsystems hat viele Papiere wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Auch die geplatzte Fusion zwischen Alcatel und Lucent hat ein gerüttelt Maß an Vertrauen gekostet, zumal Alcatel das Ganze mit zurückgeschraubten Ertragsprognosen garnierte.
Der Phantasie, die vor gut einem Jahr über das Parkett tobte, geben die Spieler keine Chance mehr. Zahlen interessieren. Am Neuen Markt geht es dabei vor allem um den "Turnaround", also eine sanfte Wende in Richtung schwarze Zahlen. Diese für viele Bullenreiter neue Sichtweise macht es dem Neuen Markt auch in der kommenden Woche schwer. Nach Sun ist Flagge zeigen angesagt.
"Ron, wann wird es endlich wieder Sommer?", stand auf einem Banner, das frustrierte Telekom-Aktionäre bei der Hauptversammlung schwenkten. Ein kleinlautes Bedauern den Aktienkurs betreffend konnten die Investoren dem Telekom-Chef entlocken, der in dieser Woche den VoiceStream-Deal unter Dach und Fach brachte.
Allen Unkenrufen zum Trotz honorierten die Börsianer den Vollzug. Sackende Aktienkurse haben den Kaufpreis minimiert und die Barkomponente klein gehalten. Dann aber wurden T-Aktien ins Abseits gedrückt. Schließlich gelangen am kommenden Dienstag mehr als eine Milliarde neuer Telekom-Papiere an den amerikanischen Markt - ein Damokles-Schwert.
Schließlich stellt sich die Frage, was die abgefundenen VoiceStream-Aktionäre damit anstellen. Spezialisierte Fonds müssen sie verkaufen, wenn sie mit deutschen Werten nichts am Hut haben. Dessen sind sich auch die privaten Anleger in Übersee bewusst. Werden sie diese Delle aussitzen?
Außerdem zeigte sich der Chef des defizitären US-Unternehmens selbstbewusst, insistierte auf Eigenständigkeit. Vorboten eines neuen Debakels? Vielleicht auch das Ende seiner Karriere. Bei T-Online jedenfalls ist die Halbwertzeit der Führungskräfte bislang nicht berauschend.
Äußerst positiv sehen Marktteilnehmer den neuen Allfinanzkonzern Allianz-Dresdner. Auch der angekündigte Gewinneinbruch der bald eingesackten Bank hat das Band der Sympathie nicht zerschnitten. Allianz-Papiere sind auch eine der wenigen Geldanlagen, denen Experten in der kommenden Woche weiteres Aufwärtspotenzial zutrauen.
Eine Woche, die neben Hauptversammlungen en masse auch zwei Zinsrunden zu bieten hat. Bei der Bank of England sind die Auguren nicht ganz schlüssig, der EZB trauen sie keine Senkung zu, wegen der jüngsten Inflationsdaten. Besonderes Augenmerk gilt daher auch den Konjunkturdaten.
Schließlich geht das Gespenst der Stagflation um. Die Wirtschaft stagniert, die Preise explodieren - kein Gemisch ist giftiger. Noch halten sich die Anzeichen für ein solches Szenario in Grenzen, aber unterschwellig wirken sie auf die Anlegerpsyche.