Börsen-Kolumne Dax-Geflüster
Hamburg - Es war die Woche der Proteste: "Wir wollen keine Lärmaktie", skandierten die Flughafengegner beim Börsengang von Fraport. Viel Lärm um nichts, denn Fraport legten zum Börsenstart eine Bauchlandung hin. Die Papiere des Frankfurter Flughafens fielen sogar unter den rabattierten Ausgabepreis für Privatanleger. Der lag bei 34 Euro.
Demonstrationen gab es auch gegen den Feiertagshandel. Eine ungewöhnliche Allianz zwischen Gewerkschaften, Börsianern und den anläßlich zum Kirchentag in Frankfurt angereisten Gläubigen bildete sich da. "Wir sagen nach dem Gebet amen, aber nicht zu allem ja und amen", sagte ein Pfarrer.
Es ist zwar zu erwarten, dass die Börse auf den Segen der Kirche pfeift und auch am Tag der Deutschen Einheit wieder die Pforten öffnet, während US-Broker zu ihrem Thanksgiving ausschließlich an Truthahn denken. Wenn aber die Börsianer die Wahl hätten zwischen dem umsatzarmen Feiertag und dem turbulenten Freitag, sie würden wohl den Fronleichnamshandel vorziehen.
An diesem Verfallstag für Optionen, einem dreifachen Hexentag wie die Börsianer sagen, wurden allein 114 Millionen Telekom-Aktien gehandelt, um den Dax in die gewünschte Richtung zu manövrieren. Ein Fünftel davon lässt Händler von einem lebhaften Tag sprechen. Die Wetten auf Dax und Indizes sind ohnehin Signal für den Privatanleger, sich tunlichst aus dem Geschäft heraus zu halten.
Das Fest für die Zocker traf auf einen Markt, an dem man sich ohnehin warm anziehen musste. In den USA galoppieren die Preise bei sinkender Wirtschaftsleistung. Die Europäische Zentralbank hat die Wachstumsprognosen für Euroland rapide zusammen gestaucht. Und dann warnte auch noch eine Latte von Unternehmen vor sinkenden Gewinnen. Die Schockwelle nahm in dieser Woche den umgekehrten Weg. Sie kam von Nokia und Philips aus Europa und erschütterten die Märkte in den USA gleich mit. Die Wall Street revanchierte sich mit reduzierten Prognosen von Nortel Networks, JDS Uniphase, Delta, McDonalds und vielen mehr. Von Cisco und Microsoft wird gemunkelt, dass auch diese Riesen ihre Ziele nicht erreichen dürften.
Quittiert haben dies vor allem die Aktien der Hochtechnologie im Deutschen Aktienindex. SAP, Siemens, Infieneon und Epcos waren die Leidtragenden, während sich die Telekom weitgehend gegen den Trend behaupten konnte. Nicht einmal Zweifel an der Kreditwürdigkeit des Ex-Monopolisten konnten den Aufstieg stoppen.
T-Aktien werden am Montag ein deutlich höheres Gewicht im Dax einnehmen. Der durch die ehemaligen Voice-Stream-Aktionäre angewachsene Zahl an Anteilen wird Rechnung getragen. Fondsmanager, die mit ihren Depots den Dax nachbilden, müssen ihre Bestände anpassen.
Dies wird aber kein dauerhafter Schutz gegen den Absturz sein. Auch am Neuen Markt hält der Druck an. Mit World of Medicine verpatzte ein weiterer Debütant den Börsenstart. Zu haarig war ein solches Debüt der Friseurkette Essanelle. Aus Angst, die zur Schau getragene Lockenpracht könnte zum Irokesen zurecht gestutzt werden, zog man zurück.
Auch den alteingesessenen "Wachstumswerten" machten die Börsianer Feuer. Bei Brokat setzte das Bankhaus Metzler das Kursziel auf "Null Euro" herab. In den Chatrooms spricht man seither vom "Bankhaus Metzger". Auch die ehemaligen Börsenstars Intershop und EM-TV gerieten ins Kreuzfeuer. Sollte das Kartellamt tatsächlich die Zusammenarbeit zwischen Leo Kirch und den Münchner Rechtehändlern unterbinden, befürchten Börsianer eine ähnliche Verkaufspanik wie bei Brokat.
Wie es weiter geht, ist offen. Einige Händler befürchten, dass sich der Dax dauerhaft unterhalb der 6000er-Marke etablieren könnte, falls die Serie der Gewinnwarnungen anhält. Eine Erholung ist dann auf den Herbst terminiert. Für den neuen Markt gilt: Wenn die großen Werte auch noch die gestellten Prognosen unterbieten, wird das Parkett zur Rutschbahn.