Börsen-Kolumne: Dax-Geflüster - DER SPIEGEL
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Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Nach der Zinssenkung durch die US-Notenbank fiel der Groschen pfennigweise. Erst weitere Konjunkturdaten sorgten für Kauflaune. Obwohl am Neuen Markt eine Hiobsbotschaft die andere jagt.
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Hamburg - Zu früh enttäuscht. Die Arbeitsmarktdaten am Donnerstag und das gestiegene US-Verbrauchervertrauen am Freitag rechtfertigten den moderaten Zinsschritt von Alan Greenspan. Der Konjunkturhimmel scheint sich aufzuhellen.

Damit nimmt der Druck auf die Europäische Zentralbank zu. Vehement fordern immer mehr Marktteilnehmer und -beobachter eine Zins-Stimulanz für den Euro-Raum. Das Argument der Inflationsgefahr scheint nicht mehr zu zählen. Viele Experten sehen die Inflationsgefahr bereits gebannt, verweisen auf die Ursachen: Hervorgerufen vom Ölpreis und den Tierseuchen BSE und MKS, sei dies keine "echte Inflation", so ist zu hören.

Auf der Aktienseite teilt sich der Markt in Schnäppchenjäger und Ausmister. Telekommunikationsaktien in ganz Europa waren gefragt. Auch die Gewinnwarnungen bei Bayer und BASF hatten plötzlich keine Gültigkeit mehr. Selbst am Neuen Markt stiegen die Kurse rasant an. Dabei ist die grundsätzliche Situation alles andere als Vertrauen erweckend.

Mit Sunburst platzte ein weiterer Traum vom schnellen Geld. Kabel New Media, Letsbuyit.com und MB Software sorgen für Schlagzeilen und scheinen zudem die drohende Pleitewelle zu bestätigen, die ein Börsenbrief vorhersieht. Einige Analysten empfehlen indessen wieder die sogenannten "Klassiker" des Neuen Marktes zum Kauf. Klassiker, das waren auch mal EM-TV, Mobilcom und Intershop.

Jeder Bankberater hätte seinem Kunden noch vor wenigen Tagen attestiert, dass er sich mit Aixtron, Quiagen oder Parsytec auf der sicheren Seite befindet. Beim Softwarehersteller Parsytec reichte die Stornierung eines Auftrags, um eine Verlustprognose herausgeben zu müssen. Dies ließ den Kurs an einem Handelstag um mehr als 50 Prozent einknicken, obwohl die Zielvorgaben für 2002 nach Konzernangaben davon unberührt bleiben sollen.

Der kürzlich erfolgte Kurssturz bei Aixtron führte zu noch größerem Kopfschütteln. Nach dem tiefen Fall von Infineon sei von den Anlegern zwar alles aufs Korn genommen worden, was in irgendeiner Weise mit Chips zu tun hat, heißt es. Doch die Maschinen, die das Aachener Unternehmen liefere, hätten mit den klassischen Halbleitern wenig zu tun.

Auch das Argument, dass ja Kunden von Aixtron, wie JDS Uniphase, Lucent oder Nortel vor sinkenden Gewinnen gewarnt hätten, lassen Experten nicht gelten. "Mit denen macht Aixtron gerade mal fünf Prozent des Gesamtumsatzes", sagte ein Parketthändler in Frankfurt. Die Aachener halten übrigens an ihren Ertragsprognosen fest.

Nicht nur frustrierte Kleinanleger haben sich dieser Tage von ihren ehemaligen "Wachstumsaktien" getrennt, auch bei Fonds ist der Neue Markt Beobachtern zufolge in Ungnade gefallen. Kaum ein Manager mag seiner Anlegerschar gern erklären, warum er auf Gurken gesetzt hat.

Aus diesem Grund betreiben Fondsmanager zum Quartalsende "Window dressing". Das Schaufenster wird umdekoriert. Ware, die nicht mehr attraktiv ist, sortieren Fonds dann gnadenlos aus. Welche es als nächstes erwischt, ist dabei kaum vorhersehbar.

Einige Anleger fordern bereits, den Neuen Markt kräftig auszumisten. Eine Möglichkeit würde darin bestehen, sogenannte "Penny Stocks" aus dem Markt zu nehmen. Als Penny Stocks bezeichnet man Aktien, deren Wert unter einem Euro liegen. Am Neuen Markt notieren derzeit 14 Werte unter dieser Marke.

Bei der Deutschen Bank hat man sich darauf verständigt, den Neuen Markt in seiner Gänze als nicht prognostizierbar einzustufen. Die Anlagestrategen empfehlen privaten Spielern, ganz die Finger von Einzeltiteln zu lassen. Risikofreudige sollten sich mit Fonds begnügen, heißt es.

In der kommenden Woche werden die Händler danach dürsten, den Erholungstrend der Konjunktur bestätigt zu sehen. Auch die Berichtssaison des 2. Quartals dürfte darüber entscheiden, ob das zweite Halbjahr an der Börse ein gutes wird. In den ersten sechs Monaten haben breit gestreute Anleger Geld verloren. Wenn sie sich auf den Nemax 50 konzentrierten, ist das Depot sogar 40 Prozent weniger wert als zum Jahreswechsel.