Börsen-Kolumne Dax-Geflüster
Hamburg - So billig wie am vergangenen Freitag waren Zertifikate auf den Nemax 50 noch nie. Der Index hat dieser Tage heimlich, still und leise seinen zweiten Geburtstag gefeiert, er ist zu Jubelzeiten geboren. Eine Kerze wurde ihm nicht entzündet, es gab auch keinen Kuchen. Denn das Barometer ist kein Premiumindex des Neuen Marktes mehr. Das wissen alle, aber nur Außenstehende sagen es laut.
Von "Abschaffen" bis "Gesundschrumpfen auf zehn bis 20 Werte" reichen die Forderungen. Wenn selbst ein Penny Stock wie Fantastic in den Top 50 verbleibt, dann reicht das schon ins Lächerliche.
Als die "Woche der Entscheidung" hatten viele Börsoianer die vergangenen Handelstage stilisiert. Die Quartalszahlen des US-Konzerns Alcoa galten als Richtschnur. Die Zahlen sahen gut aus und trotzdem landeten die Aktien weltweit zum Wochenschluss im roten Bereich.
Wenn viele Anleger in der Jury sitzen, dann hat "Gewinnwarnung" gute Chancen, zum Wort des Jahres gekürt zu werden. Eine Hiobsbotschaft jagte die nächste in dieser Woche. Die Aktienmärkte kamen trotz eines Feiertags in den USA nicht zur Ruhe. Dabei wechselten sich Europa und die USA immer schön ab mit den Nachrichten. Es scheint fast so, als würden sich die Konzerne alle Unsicherheiten vom Leibe reden, um im dritten und vierten Quartal gut auszusehen.
Die Strafe folgt auf dem Fuß. Aktien des britisches Telekommunikationsausrüsters Marconi halbierten sich innerhalb eines Tages, nachdem das Unternehmen seine Anleger vor sinkenden Erträgen gewarnt hat. Die Panik greift von den kleinen Wachstumswerten zu den Blue Chips über.
Jede Branche ist mal dran. Nach den Internet-Werten kamen die Chiphersteller, dann die Banken, dann Software. Ein Quartal später ging das gleiche Spiel von vorne los. Am Freitag wurde gleich die gesamte Computerbranche in Verruf gebracht. Die Chips über AMD, Software und Speicher über zwei weitere Unternehmen. Alles keine Klitschen, sondern veritable Unternehmen. Beim Intel-Konkurrenten AMD erwies sich als besonders schlagkräftiges Argument für sinkende Kurse, dass der Halbleiter-Hersteller auch für den Rest des Jahres keinen Lichtstreif am Horizont sieht.
Infineon gerieten darüber unter Druck. Die Gerüchteküche mauschelt, dass falls die Aktien unter 25 Euro fallen, die Ausgabe neuer Aktien verschoben werde. Auf der anderen Seite flüstert man, dass die Großanleger, also Banken und Fondsgesellschaften, den Ausgabepreis mit Macht drücken wollen. Privatanleger hätten an der Emission als gebrannte Kinder ohnehin kein Interesse, heißt es.
Die Börse leidet unter anhaltendem Käuferstreik. Als der Neue Markt gefragt war, war die Verkäufer-Seite offen wie ein Scheunentor. Aber, und davor warnten die Händler schon vor Erreichen der Höchstkurse, irgendwann geht das Tor zu. Inzwischen müssen sich die Verkäufer durch ein Nadelöhr quetschen.
Bedenklich ist nur, dass inzwischen Blue Chips genau so behandelt werden, wie die sogenannten Wachstumswerte. Als Spiegelbild dieses Szenarios erweist sich der Markt für Börsengänge. Deshalb wurden auch zwei Neuemissionen abgeblasen. Kein Unternehmer sieht gern mit dem Sektglas in der Hand von der Galerie aus zu, wie sein Wert direkt auf die Schlachtbank geführt wird. Besonders mannhaft wehrte sich der Chef von Brainlab gegen die Absage. Am frühen Nachmittag ließ er trotzig verkünden: "Wir ziehen das durch." Wenige Stunden später hat irgend jemand die Notbremse gezogen.
Die Frage aller Fragen lautet wie immer: Wann kommt die Trendwende? Der Alcoa-Trumpf hat nicht gestochen, die Zinsstimulanz blieb aus. Dax-Werte empfehlen sich ohne Glanz und Gloria aus der Baisse ins Sommerloch.
Die Aufräumarbeiten am Neuen Markt finden nicht statt. Ein Vorschlag zur Besserung vom Parkett erscheint ungewöhnlich, weil die Börse als Keimzelle des Kapitalismus gilt. Man solle alle Manager von am Neuen Markt notierten Unternehmen pro forma für ein Jahr in den Knast stecken und dann weiter sehen, forderte ein frustrierter Börsianer unlängst. Anleger, die seit den Höchstständen 85 Prozent ihres Vermögens eingeäschert haben, dürften dem zustimmen.