Börsen-Kolumne: Dax-Geflüster - DER SPIEGEL
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Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Die Börse macht doch, was sie will. Obwohl die Arbeitsmarktdaten aus den USA einen Zinsschritt der Fed erwarten lassen, konnten sich die großen Indizes wieder erholen. Ist damit die Konsolidierung schon wieder vorbei? Nein, sie ist nur verschoben.
Von Christoph Kieler
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Erst rieben sie sich verwundert die Augen, die Profis. Dann hechelten sie hinter den vielen Kaufaufträgen der Anleger her und sorgten für weitere Kurssteigerungen. Analysten aus aller Herren Investmenthäuser hatten dem Dax weitere Verluste vorausgesagt. Bis auf 6200 Punkte sollte das deutsche Börsenbarometer noch fallen, ließen sie verlauten. Doch sie irrten sich. Die Anleger sitzen auf Liquidität; die will endlich angelegt sein und nicht zu mageren Geldmarktsätzen verschimmeln. Also lautete die Devise am Freitag: "Rein in den Markt, bevor ich wieder nicht dabei bin, beim Geld verdienen." Doch wer Freitag nicht gehandelt hat, der soll sich nicht grämen, sondern auf die kommenden Einstiegsmöglichkeiten warten. Denn die kommen. Das ist sicher.

Nach wie vor gilt, dass der Aufschwung an der Frankfurter Börse zu schnell und zu heftig war. Die Bewertung vieler Unternehmen ist in schwindelerregende Höhe geschossen, eigentlich sollten die Manager dies erst einmal durch Zahlen untermauern. Doch die Spekulanten haben keine Zeit. Es gilt, rechtzeitig auf die kommende Branche zu setzen. Da werden dann Warnungen, die gestern noch für Schrecken sorgen konnten, einfach ignoriert.

Beispiel SAP. Das Unternehmen hat zwar das beste Quartalsergebnis für ein viertes Quartal in der Unternehmensgeschichte vorgelegt, es hat aber auch ein Beteiligungsprogramm für Mitarbeiter aufgelegt, dass seine Wirkung erst in der Zukunft hat. Außerdem wird der Kampf um gute Software-Spezialisten härter. Die lassen sich nämlich nicht klonen. Das wäre aber nötig, um alle Arbeitsplätze zu besetzen.

Beispiel Mannesmann. Das Unternehmen wächst zwar wie erwartet, die Zukunft ist dennoch ungewiss. Selbst wenn Vorstandschef Esser die Übernahme durch Vodafone verhindern kann, wird er das Verhältnis zum Ex-Partner Gent neu regeln müssen. Gent und Esser sind eitel und machthungrig, das hat Folgen für die Geschäfte. Kaum vorstellbar, dass sie Profi genug sind, die Gesellschaften, an denen sie gemeinsam beteiligt sind, ohne Konflikte in Zukunft zu führen. Für die Anhänger der Favoriten des letzten Jahres wird es also im ersten Quartal des Jahres 2000 richtig spannend. Die Gefahr, dass eine Seifenblase platzt, ist jedenfalls da. Hinter vorgehaltener Hand wird in einigen Banken davon gesprochen, dass die Telefonie-Hausse höchstens noch Luft für vier Monate hat. Wir können also auf einen spannenden Mai hoffen.

Zurück zu den Profis. Die orientieren sich nur noch an der Konkurrenz. Jedenfalls sorgen sie mit ihren Empfehlungen für diesen Eindruck. Dabei sollte die Analyse von Einzel-Werten und Märkten, ein Beitrag zum Meinungskampf sein. Mittlerweile ist aus dem Meinungskampf eine bloße Rempelei geworden, keiner stellt sich wirklich gegen die vorherrschende Meinung. Auf Einzelwerte wird erst dann eingeprügelt, wenn die Anleger längst reagiert haben. Beispiel Baan, einst der Konkurrent von SAP. Als der erneute Wechsel in der Unternehmensspitze und die schlechten Zahlen längst bekannt waren, erst da wurde Baan auf die Verkaufsliste der Investmenthäuser gesetzt. Viel zu spät. Es wird Zeit, dass die Damen und Herren in den Analyse-Abteilungen mutiger und unabhängiger werden. Im Moment hecheln sie der Marktentwicklung nur noch kurzatmig hinterher, jämmerlich.

Die Anleger müssen also selbst auf die Kurszettel schauen und Schnäppchen entdecken. Davon gibt es einige, auch im Neuen Markt. Da warten noch wenigstens fünf Werte darauf, dass der Emissionpreis wieder erreicht wird. Was danach geschehen kann, dass zeigt das Beispiel MSH.