Börsen-Kolumne: Dax-Geflüster - DER SPIEGEL
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Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Der Mann hat Talent sich Freunde zu machen: Bei den Börsianern ist Alan Greenspan, der exaltierte US-Notenbank-Präsident schon lange der am meisten gefürchtete Banker der Welt. Wenn er hüstelt, bebt die Börse. Jetzt hat er obendrein den europäischen Devisenhändlern die Laune verdorben. Der Euro jedenfalls ist im Sturzflug. Und der schwarze Peter liegt bei Alan Greenspan.
Von Maya Dähne
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Europa sei zu schwerfällig, die Arbeitsmarktgesetze überholt, die Märkte den Technologiewerten gegenüber nicht aufgeschlossen, und mit der Konjunktur in Europa sei es auch nicht weit her. Vier Sätze reichten, um den Euro, das zarte Pflänzchen, arg zu zerrupfen. Erstmals seit über zehn Jahren ist der Dollar am letzten Tag der Börsenwoche auf über zwei Mark geklettert. Im Juni 1989 war es zuletzt soweit. Damals gab es die Mauer noch. Heute gibt es den Euro, und der ist schwach wie nie.

Dabei ist der schwindsüchtige Euro beileibe kein Kurskiller. Exportwerte boomen, Chemiekonzerne, Auto- und Maschinenbauer füllen ihre Auftragsbücher. Entsprechend gehörten die Autowerte zu den Kaufempfehlungen der letzten Tage. Aber der Boom lebt auf Pump: Denn ein starker Dollar zieht fast zwangsläufig importierte Inflation nach sich. Öl beispielsweise wird wie eh und eh in Dollar abgerechnet. Wer heute Heizöl bestellt, bekommt es zu spüren. Die Preise sind so hoch wie seit 1991 nicht mehr. Tendenz steigend. Das ist die Kehrseite des Export fördernden starken Dollars.

Doch nicht wegen des kränkelnden Euros geriet der Aktienmarkt zum Wochenschluß ins Trudeln. Den Börsianern hierzulande wurde schlicht schwindelig, als sie die neuesten Wachstumsraten aus den USA lesen mußten: 5,8 Prozent Wirtschaftswachstum allein im vierten Quartal. Das würde in Deutschland für drei Jahre reichen. Prompt reagierten die Märkte: Der Dax fiel verschüchtert in sich zusammen.

Wenn am Mittwoch der US-Offenmarktausschuss unter Vorsitz des "Börsianer-Freundes" Greenspan zusammentritt, gilt eine Zinserhöhung in den USA schon fast als in Stein gemeißelt. Genau das trieb am Freitag die Kurse nach unten. Raus aus den Aktien, Gewinne mitnehmen. Lage peilen. Das war das Motto. "Kurskorrekturpotenzial" - so umschreibt die Bankgesellschaft Berlin die Stimmung für die kommende Börsenwoche: Soll wohl heißen: Wer Mut hat, bleibt drin, wer Kasse macht, liegt nicht daneben.

Die Frankfurter BfG-Bank übrigens übernimmt den Part des Bullen unter den Börsianern: Sie rät, die derzeitige Konsolidierung zum Nachkaufen zu nutzen. Die Konjunktur sei im Aufwind. Wer dran glaubt gewinnt oder hat vielleicht ein gutes Näschen. Am Neuen Markt beispielsweise. Trotz dicker Verluste zum Wochenschluss brachte der richtige Riecher ordentliche Gewinne. Ein Beispiel ist Gauss Interprise. Allein zum Wochenausklang stieg der Softwarebauer um über 14 Prozent, während der Gesamtmarkt in die Röhre guckte.

Stichwort Röhre. Der alte Röhrenbauer Mannesmann bemüht sich redlich, Vodafone in die Suppe zu spucken. Den neuesten Coup landete Konzernchef Esser in Koproduktion mit der Deutschen Bank. Beide wollen zusammen eine Tele-Commerce-Bank gründen. Das Handy wird zur mobilen Bankfiliale und obendrein zum As im Ärmel gegen Vodafone.

Ein As im Ärmel hat SAP im Moment gar nicht nötig. Die Halbwertszeit der Kursprognosen beträgt bei SAP momentan nicht einmal mehr sieben Tage. Vor einer Woche noch nannten Analysten 800 Euro als mittelfristiges Kursziel. Bei 869 Euro fiel in dieser Börsenwoche der Hammer und über Prognosen von 1000 Euro und mehr für SAP lacht kaum noch jemand.

Spannende Frage also in dieser Woche: Was macht die US-Notenbank und wie reagiert einen Tag später die Europäische Zentralbank. Alan Greenspan hat es wieder mal in der Hand. Einen Freund jedenfalls hat Greenspan ganz sicher: Es ist der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain. Auf die Fage, ob er, falls er Präsident werden würde, Greenspan im Amt lasse, antwortete McCain: "Sollte Greenspan vorzeitig sterben, würde ich ihm eine dunkle Brille aufsetzen, ihn auf dem Stuhl festbinden und so lange wie möglich da sitzen lassen." Das ist wahre Wertschätzung.