Börsen-Kolumne: Dax-Geflüster - DER SPIEGEL
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Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Jetzt sind sie endgültig verrückt geworden: Die Anhänger der reinen Börsen-Lehre, weil im Moment nichts mehr nach dem Lehrbuch läuft und der Rest der hungrigen Aktionärsmeute, weil der sich nicht um die simpelsten Lehrbuch-Meinungen schert.
Von Maya Dähne
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Da erhöht die Europäische Zentralbank die Zinsen. In der ersten Lektion "Börse leicht gemacht" lernt jeder Aktionär, dass Zinserhöhungen keinem Börsianer munden, die Kurse also fallen werden. Das Gegenteil aber passiert. Zu sehen am Donnerstag direkt nach der EZB-Entscheidung. Der Dax schießt auf ein neues Allzeithoch.

Einen Tag später kommt es noch besser. In den Index- und Konjunkturdaten-verrückten USA gibt es die neuesten Beschäftigungszahlen. Die fallen aus Sicht der reinen Börsen-Lehre katastrophal aus, denn es gibt mehr Beschäftigte und mehr Stellen als jeder Optimist angenommen hatte. Das Lehrbuch hat hier folgendes Szenario parat: Mehr Menschen in Lohn und Brot bedeuten steigenden Konsum. Mehr Verbrauch bedeutet steigende Preise. Höhere Preise lassen die Inflationsrate klettern, und das macht Alan Greenspan, den US-Notenbank-Chef nervös. Aus all dem folgt laut Lehrbuch, dass die Börse verschnupft reagiert und die Kurse fallen.

Das Gegenteil war der Fall. Zu sehen am Freitag. Der Dax schloss die Woche mit einem neuen Allzeithoch. Das ist verkehrte Börsenwelt und für Skeptiker der Zeitpunkt, sich Gedanken zu machen. Die Unken unter den Börsianern sehen diese Entwicklung als das irre und letzte Zucken einer zu Ende gehenden monatelangen Aufwärtsphase. Ihr Tipp lautet: Besser jetzt Kasse machen als auch noch den letzten Spekulationsgewinn mitnehmen zu wollen.

Stichwort Spekulation. Die Spekulanten haben Schuld. Jetzt weiß es jeder. Klaus Esser hat es gesagt. "Spekulative Marktteilnehmer haben wesentlich dazu beigetragen, dass Mannesmann und Vodafone sich doch noch geeinigt haben." Wobei das Wort einigen in diesem Zusammenhang durchaus britisch interpretiert werden darf. Denn von Einigung, von Fusion, von "freundlicher Übernahme", wie es ein Vodafone-Sprecher formulierte, kann keine Rede sein.

Esser hat verloren. Mit Pauken und Trompeten ist der Mannesmann-Chef untergegangen. Zum Schluß gibt's für ihn immerhin neben einem voraussichtlich "goldenen Handschlag" noch ein freundliches Schulterklopfen von den Aktionärsschützern. Klaus Esser, so heißt es, habe einen guten Job gemacht.

Stimmt. Wer als unbedarfter Mannesmann-Aktionär zuerst staunend, dann mit Angstschweiß auf der Stirn die Kursexplosion der eigenen Aktie verfolgte, wer dann noch die Nerven und Geduld besaß, bei 250 Euro nicht zu verkaufen, der dürfte Klaus Esser noch nachträglich die Hand küssen oder ihm wahlweise den künftigen Job als Mann mit viel Geld aber ohne Einfluß gönnen. Von einst 150 Euro trieb das Pokern um Anteile, um Stimmen und Mehrheiten den Mannesmann-Kurs auf weit über 300 Euro nach oben.

Da macht es fast nichts, dass die Briten letztlich den Zuschlag erhielten. Im Gegenteil. Die Festung Deutschland hat ihren guten Willen bewiesen, hat die Zugbrücke heruntergelassen und der Welt demonstriert, dass die Deutschen ein offenes Völkchen sind.

Und ganz nebenbei bringt Mannesmann auch noch den Telekom-Kurs auf Trab und läßt ihn Richtung Allzeithoch marschieren. Jetzt nämlich wächst der Druck auf Ron Sommer. Der muß nach dem Mega-Deal von Vodafone zusehen, dass er endlich kräftig im Ausland einkaufen kann. Da wollen manche dabei sein und das lässt den Kurs klettern. So haben alle etwas von der Mannesmann-Geschichte.

Selbst der Neue Markt. Da boomten zum Wochenschluß die Telekommunikationswerte und wer zu den Glücklichen gehörte, die beim Börsengang von Popnet dabei waren, der kann Nachbarn und Kollegen neidisch machen. Über 500 Prozent binnen einer Woche katapultieren Popnet auf Platz eins der Highfligher. Nächste Woche geht's munter weiter. Neue Software- und Internet-Youngster drängen auf den Markt. Softline, Web.de und Datasave. Schließlich läuft es bei den meisten Anlegern nach der Devise: Alles was nach Software und Internet klingt läßt die Kasse klingeln. Der Herdentrieb regiert. Die Anhänger der reinen Börsenlehre stehen ziemlich allein da.