Börsen-Kolumne: Dax-Geflüster - DER SPIEGEL
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Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Jetzt hat der Neue Markt den Dax auch optisch endgültig überflügelt. Zum ersten Mal in seiner jungen Geschichte schloss der Nemax 50, der Index der 50 gewichtigsten Werte am Boom-Markt in Frankfurt, höher als der altehrwürdige Dax.
Von Maya Dähne
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Wer anderen Menschen erklären will, wie der Neue Markt in Frankfurt tickt, der sollte auf das Beispiel Beta Systems verweisen. Das Berliner Software-Unternehmen mußte am Freitag einräumen, die selbstgesteckten Umsatz und Gewinnziele nicht erreicht zu haben. Statt eines ausgeglichenen Ergebnisses blieb unterm Strich ein Verlust.

Aktienklassiker im Dax, angefangen von A wie Adidas-Salomon bis V wie Volkswagen, wären von den Anlegern heruntergeprügelt worden. Anders läuft es am Neuen Markt. Beta Systems stiegen nach dieser schlechten Nachricht um deutlich über 20 Prozent. Das ist die Logik des Neuen Marktes. Je höher die Verluste heute ausfallen, desto größer werden die Gewinne morgen sein. Wem das nicht rational erscheint, der sollte beim Dax bleiben oder Bundesschatzbriefe kaufen. Allerdings dürfte er als gewinnorientierter Anleger an Tagen wie dem vergangenen Freitag beim Blick auf den Neuen Markt regelmäßig in Tränen ausbrechen. Unternehmen wie Ixos, Kleindienst Datentechnik oder die Abit AG stiegen zwischen zehn und über 30 Prozent binnen eines Tages.

Und da wäre noch die Splendid Medien AG. Sie ist ein Beispiel dafür, dass der Blick in die Film- und Kinoseiten beizeiten ergiebiger sein kann, als das Studium von Chart-Tabellen. Die Splendid Medien AG hat sich nämlich zu großen Teilen an der 130 Millionen Mark teuren Produktion des US-Spielfilms "Traffic" beteiligt. Hauptdarsteller: Harrison Ford. Den kennt fast jeder. Da geht es der Splendid Medien AG anders. Die kennt kaum jemand, trotzdem stieg der Kurs der am Neuen Markt notierten Aktie am Freitag - Harrison Ford sei dank - zweistellig.

EM-TV -Aktionäre übrigens müssten sich dann folgerichtig beim Kermit, dem Frosch bedanken. Denn EM-TV wird sich wohl an der Muppetshow-Firma des verstorbenen Jim Henson beteiligen. Das ließ die Aktie um zwölf Prozent steigen. Am Dienstag, dem 22. Februar, beginnt die Zeichnungsfrist für den Börsengang von "Plasmaselect Teterow". Das Unternehmen hat sich anders als viele andere Biotechnologieunternehmen bereits einen guten Namen gemacht und ist kein Nobody mehr. Entsprechend riesig dürfte der Ansturm auf das erste Unternehmen aus Mecklenburg-Vorpommern sein, das an die Börse geht. Ein Krümelchen von dem "Run" auf Biotechnologie fiel im übrigen auch für den Pharmawert Schering ab. Das Dax-Mitglied stieg um über fünf Prozent.

Wer gerne pokert sollte sich in den benachbarten Niederlanden umschauen. Der einst als SAP-Konkurrent gehandelte Softwarebauer Baan ist auf ein Fünf-Jahres-Tief gefallen. Die Aktie kostete zum Wochenende nur noch ganze 5,14 Euro. Dem zweitgrößten Software-Unternehmen in Europa droht der Ausschluss aus dem Blue-Chip-Index der Amsterdamer Börse. Vier Wochen hat Baan jetzt Zeit, frisches Kapital zu besorgen. Wer wetten will und Lust am Risiko hat, liegt bei Baan goldrichtig.

Die Hamburger Vereins- und Westbank setzt dagegen auf Karstadt Quelle und widerspricht tapfer Empfehlungen angloamerikanischer Investmentbanken. Die hatten den Verkauf empfohlen. Die Vereins- und Westbank dagegen sieht Karstadt-Quelle im nächsten halben Jahr bei 45 Euro. Das wäre ein stattlicher Anstieg um 60 Prozent.

Bleibt die Geschichte rund um den Autobauer BMW. Die Wetten darauf, daß BMW von Ford geschluckt wird, stehen eher schlecht. Das hat aber diese Woche niemanden wirklich gestört. Gegeben wurde das Stück "Was ist ein Dementi wert". Nichts, solange niemand darauf hört. Trotz glaubwürdiger Beteuerungen aus dem Hause BMW, dass die Familie Quandt als Mehrheitsaktionär nicht verkaufen wird, lief die Anlegermeute los und zog den BMW-Kurs im Schlepptau nach oben. Das ist wahre Börsen-Psychologie und genau die muß immer dann herhalten, wenn selbst gestandene Analysten wie in diesen Tagen nicht mehr erklären können, warum es so massiv aufwärts geht. Die Anleger scharren schon mit den Hufen und warten auf die nächsten großen Börsengänge. Infineon, T-Online und die Post AG sind da nur die großen Hausnummern. Die Mahner und Warner sind dieser Tage eindeutig in der Minderheit. "Eine Korrektur würde uns nicht überraschen", sagt die DG-Bank und steht damit ziemlich allein da.