Börsen-Kolumne: Dax-Geflüster - DER SPIEGEL
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Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Dienstmädchen-Hausse. Das Wort ist so böse wie zutreffend für die derzeitige Stimmung am Deutschen Aktienmarkt. Wer traut sich dieser Tage noch offen zuzugeben, noch nie eine Aktie gekauft zu haben? Selbst die eigene Großmutter läßt sich mit Bundeschatzbriefen kaum mehr beeindrucken und verweist im Zweifelsfall auf ihr eigenes, üppig gefülltes Aktien-Depot.
Von Maya Dähne
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Die Börsianer warnen. Wenn auch der größte Fan von "Bundesschätzchen" an den Aktienmarkt geht, dann ist es hohe Zeit, auszusteigen. Und just dieses Szenario scheint sich hierzulande anzudeuten. Der Aktienmarkt koppelt sich mehr und mehr von der US-Börse ab.

Was Optimisten als emmanzipatorisches Ereignis feiern, deutet dagegen eher auf ein Überdrehen bei den Anlegern hin. Wer dem Anleger am Neuen Markt ins Gesicht schaut, sieht in gierige Augen. Tagesgewinne von 30, 40 oder wie am Freitag bei der Tomorrow Internet AG von über 50 Prozent lassen Vorsicht und Verstand vergessen.

Ein Blick auf die Wochenstatistik reicht, um treue Dax-Fans grün anlaufen zu lassen vor Neid. Die Biodata AG hat es binnen dreier Tage geschafft, um 480 Prozent zu steigen. Die Pironet AG, für 14 Euro in den Neuen Markt gegangen, hat es "nur" auf einen Zuwachs von 432,6 Prozent gebracht. Welcher VW-Aktionär mag sich da noch darüber freuen, dass sein Papier zum Wochenausklang mal um 5,1 Prozent gestiegen ist? Dazu kommt, dass aufgrund immer neuer Börsenpublikationen und darin ausgesprochener Empfehlungen kaum ein Anleger oder Analyst bei jedem Wert tatsächlich noch nachvollziehen kann, warum die Aktie ohne konkrete Nachrichten nach oben schiesst.

Immerhin wächst der Chor der Unken. Die DG Bank spricht ernsthaft davon, dass die "Zeit reif ist für eine Korrektur." Die Frankfurter Sparkasse warnt ihre Kunden vor allzu großer Euphorie und die Commerzbank rät wie die Berliner Bankgesellschaft dazu, bei den Schwergewichten wie Siemens, SAP oder Telekom Kasse zu machen. Raus und Gewinne realisieren sagt die Vernunft. Drinbleiben und hoffen sagt die Gier.

Spannend wir es in der anstehenden Börsenwoche aber auch bei einigen Dax-Werten. Daimler Chrysler legt Zahlen vor und dürfte überdies die Zukunft der Tochter Debis der breiten Öffentlichkeit näherbringen. Außerdem endet am 1. März die Frühzeichner- und Bonusphase für den Börsengang von Infineon.

Der Name, ein Kunstwort aus Infinity und dem griechischen aion, was soviel wie Leben Ewigkeit bedeutet, soll dem Anleger suggerieren, was für unendliche Möglichkeiten in diesem Papier stecken. Das hinter dem Börsengang eine 100 Millionen Mark teure Werbemaschinerie steckt, sollte jedoch niemand übersehen. Das ist mehr Geld, als die Telekom einst für den Börsengang ihrer "Volksaktie" ausgegeben hat. Vor zwei Jahren noch war Infineon die damals bestgehasste Sparte im Siemens Konzern. Sie brachte rote Zahlen und den Managern schamesrote Ohren. Siemens-Chef von Pierer entliess, so lästern Infineon-Kritiker, das Unternehmen nur deshalb in die Selbständigkeit, damit er den Verlustbringer endlich los war.

Da geht ein Verlierer an die Börse, sagen die Skeptiker. Wer nur in die Vergangenheit schaut und Gegenwart und Zukunft ignoriert ist ein schlechter Stratege, sagen die Optimisten. Eine Volksaktie aber, ein Witwen- und Waisenpapier gar wird Infineon nie werden. Der Halbleitermarkt glänzt nicht nur mit riesigen Absatzchancen, sondern auch mit einer Preisvolatiliät, die schwindelig macht. In einem Jahr kann die Bilanz bei Infineon schon ganz anders aussehen. Das dürfte dem "Run" auf die Aktie keinen Abbruch tun.

Eine Aktie ist eine Risikoanlage sagt die Vernunft. Infineon ist ein todsicherer Tipp sagt die Gier. Wer zu den Glücklichen gehört, der ein paar der knappen Infineon-Papiere zugeteilt bekommt, wird spätestens nach dem 13. März wissen, wer recht hatte.