Börsen-Kolumne: Dax-Geflüster - DER SPIEGEL
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Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Börsianer lieben es bisweilen blumig. „Jetzt gehen wir unsere Raumanzüge holen, denn jetzt geht es auf den Mond“, sagte ein amerikanischer Händler mit Blick auf die jüngsten Arbeitsmarktdaten aus den USA. Bis zum Mond dauert es zwar noch ein Weilchen aber die Kurse und Indices in Deutschland und den USA sind trotzdem astronomisch in die Höhe geschossen.
Von Maya Dähne
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Und die geknackte 8000-er Marke beim Dax war das Sahnehäubchen auf einer ohnehin zuckersüßen Börsenwoche. Telekom-Aktionäre sind ein stures Volk. Und gelegentlich wird Sturheit reich belohnt. Wer die Aktie 1996 als unbedarfter Kleinaktionär für umgerechnet 14,32 Euro gekauft hat, der braucht schon die Finger beide Hände, um seinen Freunden am Stammtisch zu zeigen, wie viele Male sich sein Einsatz von damals inzwischen vervielfacht hat. Der Telekomrekord vom Freitag, als die Aktie erstmals in den dreistelligen Bereich durchstieß war nur eine Höchstmarke von vielen.

Der Nemax 50 am Neuen Markt schloß erstmals über der 9000-er Marke und mancher Analyst schloss beim Blick auf das abenteuerlich hohe Kursgewinn-Verhältnis (KGV) der Telekom-Aktie schlicht die Augen. Bei 103 Euro sind die Gewinne der nächsten fünf Jahre schon eingepreist. Aber das will niemand hören. Alle reden zwar von Korrektur, füllen aber heimlich schon die nächste Kauforder aus. Dabei wächst bei den Profis die Angst. Und wo die Angst wächst, werden Börsenweisheiten herausgekramt. „Solange alle noch von Angst reden, solange halten die Kurse“, sagen die alten Hasen. Aber längst reicht der Spruch, von Börsianern oft und gern benutzt, nicht mehr aus, um alle zu beruhigen. Die große Meute kommt dieser Tage an den Aktienmarkt gelaufen, der letzte Pfennig wird zusammengekratzt und in Aktien investiert, Hasadeure nehmen Kredite auf um dabei zu sein und die Profis kriegen Panik.

Wer zu Jahresbeginn von 8000 Punkten im März gesprochen hätte, wäre wahlweise für außerordentlich dämlich oder für herzerfrischend optimistisch erklärt worden. Wer SAP-Aktionären geweissagt hätte, dass ihre Aktie binnen dreier Monate um 50 Prozent steigen wird hätte die Lacher auf seiner Seite gehabt. Heute lacht niemand mehr. Heute wird gekauft. Alles und zwar ohne nachzufragen. Bei einer Umfrage in einer normalen Sparkasse, in der Infineon-beseelte Kleinsparer in einer Schlange standen, um die Aktie zu zeichnen, wusste keiner, was dieses Unternehmen eigentlich herstellt. Wer Halbleiter für besonders moderne Trittleitern hält sollte nicht als Gradmesser für die Seriosität einer Aktienanlage gelten.

Trotzdem ist das Infineon-Papier restlos überzeichnet und die Banken und Direct-Broker sind restlos bedient. Manche sogar besonders gut. Beispiel consors. Das Unternehmen ist das kursgewordene Exempel für den alten Börsenspruch: Hausse nährt Hausse. Weil der Aktienboom sich in eine wahre Aktienmanie gesteigert hat, schoss die Zahl der Wertpapier-Depots bei Consors im Januar und Februar um 70.000 in die Höhe. Und das wiederum ließ den Consors-Kurs zum Wochenschluß um 20 Prozent nach oben schnellen. Hausse nährt eben Hausse. Dabei ist das Plus bei consors direkt lächerlich verglichen mit dem ersten börsennotierten Unternehmen aus Mecklenburg-Vorpommern. Die Vorschußlorbeeren waren üppig ausgefallen und das zu recht. Um knappe 300 Prozent ist das Papier von PlasmaSelect Teterow innerhalb von drei Tagen gestiegen. Wer dabei war, weiß Biotechnologie plötzlich zu schätzen.

Zu schätzen wissen Daimler-Manager sicher auch den „mutigen“ Vorstoß ihres Vorstandsvorsitzenden Jürgen Schrempp. Der hat die geniale Idee gehabt, besonders gute Führungskräfte durch lukrative Aktien-Optionspläne zu locken. Leistung soll sich lohnen lautete die Devise. Die Leistung, die das Führungs-Personal von Daimler Chrysler allerdings erbringen müßte, um in den Genuss von Aktienoptionen zu kommen, ist von Schrempp so niedrig angesetzt worden, dass Aktionärsschützer schon mal auf die Idee kommen könnten, von Selbstbedienung zu sprechen. Andere – SAP hat es vorgemacht, knüpfen die Beurteilung der eigenen Aktie an die Entwicklung eines Indices. Steigt der Dax um 20 Prozent im Jahr, dann muss die eigene Aktie noch fünf Prozent drauflegen. Das sind Ziele. Bei DaimlerChrysler dagegen steigen zur Zeit nicht die Kurse, sondern allenfalls die Gehälter der Vorstandsmitglieder.