Börsen-Kolumne: Dax-Geflüster - DER SPIEGEL
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Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Ein Crash, der keiner wird, ist Anlegern immer der allerliebste. Insofern ist die abgelaufene Börsenwoche unter der Rubrik "Noch mal Glück gehabt“ abzuhaken. Spätestens seit dem vergangenen Donnerstag wissen die deutschen Kleinanleger jedenfalls, was sich hinter dem Begriff "Kurseinbruch mit Ansage“ verbirgt.
Von Maya Dähne
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Alle wussten Bescheid und nur die Unbedarften wunderten sich, als der Nemax 50 für kurze Zeit ins Trudeln geriet. Anleger, die angesichts von acht oder neun Prozent Minus am Neuen Markt ratlos und empört auf ihr Depot schauten, müssen mit dem Vorwurf leben, dass Gier blind macht. Nur zur Erinnerung: Der Nemax 50 war seit Oktober um gut 6000 Punkte gestiegen. Wer da über acht Prozent Minus weinen kann, vergießt Krokodilstränen und sollte aufpassen, dass es ihm bei der nächsten wirklichen Kurskorrektur nicht vom Hocker haut.

Die Profis unter den Privaten bewegt allenfalls die Frage, was denn nun Einstiegskurse sind? Wer die endgültige Antwort sucht, muss entweder verzweifeln oder auf Bundesschatzbriefe zurückgreifen. Der Einstiegskurs für alle muss noch erfunden werden. Der Einstiegskurs für SAP ist schon da. 744 Euro zum Wochenschluss. Wann hat es die Dax-Mimose SAP in der letzten Zeit günstiger gegeben? Beim Sensibelchen unter den 30 Edelwerten der Börse reicht ja gelegentlich schon ein leichtes Hüsteln von Analysten, um den Kurs in den Keller zu treiben. Bei SAP war das Hüsteln der Analysten allerdings so heftig, dass es aus den USA bis zum Frankfurter Parkett zu hören war. Fundamental jedoch hat sich bei SAP wenig geändert, abgesehen von der Tatsache, dass SAP vor kurzem noch über 1000 Euro kostete.

Was also sind Einstiegskurse? Am Neuen Markt fällt die Antwort schwerer. Zweimal hingucken und Substanzwerte kaufen lautet die wohlfeile Analystenempfehlung. Aber ist eine zu zeichnende T-Online-Aktie schon deshalb mit Substanz gesegnet, weil die Telekomwerbung mit dem Slogan "Phantasie mit Substanz“ wirbt? Wer T-Online-Aktien zeichnet, dürfte sicher nicht den Fehler seines Lebens begehen. Das Geschäft seines Lebens wird’s allerdings auch nicht mehr werden. Für Neuemissionen ist die Luft derzeit dünn geworden. Das hat nicht nur seit dem Lycos-Flop mancher Aktionär zu spüren bekommen.

Ein Mysterium der ganz besonderen Art ist zur Zeit Epcos, die vermeintlich häßlichere der beiden Siemens-Töchter. Passive Bauelemente produziert Epcos. Aber das ist auch das einzig Passive an diesem Unternehmen. Was den Kursverlauf der Aktie betrifft, könnte es gar nicht aktiver zugehen. Hoch und runter rast das Papier und das binnen Wochenfrist. Da steigt die Aktie um fast 20 Prozent. Einfach so. Und wer eine Story sucht, wird keine finden. Kurz darauf geht’s innerhalb eines Tages um acht Prozent herunter. Langeweiler im Dax sehen anders aus. Volkswagen-Aktionäre könnten da mehr erzählen. Für das laufende Geschäftsjahr übrigens kalkulieren die Epcos Manager mit einer Gewinnverdoppelung. Darüber dürften Endemann-Aktionäre nur schmunzeln. Ein Vorsteuergewinn von 2300 Prozent Plus lässt die Börsengemeinde zwar staunen, aber die Aktionäre weitgehend kalt. Dennoch gilt die Endemann-Internet AG bei manchen als Kaufempfehlung.

Die Vereins- und Westbank hält sich mehr an die vermeintlichen Substanzwerte am Neuen Markt. Sie empfiehlt den Anbieter für Produkte der optischen Netzwerktechnik, die ADVA OPTICAL AG. Die ist von ihrem Höchstkurs deutlich entfernt und obendrein steht auch noch ein Aktiensplit an. Wer’s europäischer mag, sollte sich die France Telekom angucken. Die ärgert nicht nur Ron Sommer, sondern verblüfft spätestens seit ihrem Einstieg bei Mobilcom auch manche Branchenkenner. Bleibt die Frage, was Infineon momentan macht. Infineon war übrigens der Halbleiter-Produzent, der mit viel Geschrei an die Börse ging und außer einer gigantischen Werbekampagne und einem bösen Streit über die Zuteilungspraxis bisher vor allem eines hinterlassen hat: das dumpfe Gefühl, dieses Papier irgendwie überschätzt zu haben.