Börsen-Kolumne: Dax-Geflüster - DER SPIEGEL
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Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Da werden sich die Nokia-Aktionäre wohl die Augen reiben. Sie trifft das harte Urteil der wetterwendischen Analysten stellvertretend für eine ganze Branche. Ausgerechnet die Edel- und Vorzeige-Aktie Nokia sei überbewertet, zu teuer und eben deshalb korrekturanfällig. Mit einem Wort: Finger weg von Nokia.
Von Maya Dähne
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Auf diese Idee kam nicht irgendwer, sondern die Experten der Dresdner Kleinwort Benson. Und die Edel-Analysten stehen nicht allein da. Jetzt rüstet sich der Markt zur Attacke gegen die Technologietitel. Gestern noch Top, heute ein Flop. Die Börse jedenfalls entdeckt die Begriffe Abstinenz und Old Economy in diesen Tagen wieder.

Für Aktionäre ist der Mai traditionell der geeignete Urlaubsmonat. Sell in May and go away. Wer das alte Sprichwort beherzigt hat, liegt gleich etwas bequemer in seiner Hängematte. Der Kleinanleger jedenfalls wird derzeit wenig verpassen, sich allenfalls ärgern, sollte er beispielsweise SAP-Aktien für 650 Euro gekauft und sich damals noch über das Schnäppchen gefreut haben. In der abgelaufenen Börsenwoche war SAP für unter 600 Euro zu kriegen.

"Die Flitterwochen sind vorbei", sagen da prosaisch die Analysten. Jetzt wird den Technologiebräuten der Schleier heruntergerissen, und mancher werde sich wundern, was sich hinter dem Schleier verbirgt. Siemens, Telekom, SAP oder auch Epcos-Aktionäre haben diese Woche schon einmal einen kleinen Blick werfen dürfen, und vielen hat offenbar nicht gefallen, was sie gesehen haben. Kursabschläge zwischen sieben und zehn Prozent galt es zu verschmerzen.

Wer nach Alternativen sucht und nicht unbedingt auf den Rentenmarkt ausweichen will, bekommt seit Wochen nur eine Auskunft: Old Economy. Nur allzu böswillige Anleger kommen da auf die Idee, an das Schicksal einer Old-Economy-Aktie namens DaimlerChrysler zu erinnern. Von den Analysten geliebt, von den Managern aufgrund des konzerneigenen Aktienoptionsprogramms heiß begehrt, von den Anlegern links liegen gelassen. Das ist die kurze Geschichte einer Aktie.

Wäre der neue Motor der C-Klasse derart antriebsschwach und das Design so langweilig wie die DaimlerChrysler-Aktie in diesen Tagen, Jürgen Schrempp, der Visionär, den niemand versteht, müßte gänzlich verzweifeln. Immerhin geht es seinen autobauenden Kollegen Milberg und Piëch nicht eben besser.

BMW hat für Rover noch zehn Pfund bekommen. Aber auch das dürfte keinen BMW-Aktionär trösten. Es war eben schon immer etwas teurer, ein britisches Auto zu fahren. Der sündteure Ausflug auf die Insel hat offenbar so tiefe Furchen in der BMW-Bilanz hinterlassen, dass selbst der PS-stärkste BMW in dem Schlammassel stecken bleiben würde. Ähnlich geht es dem Kurs der BMW-Aktie. Sie steckt im Schlamm der Rover-Eskapade.

Die Vereins- und Westbank glaubt dagegen an die Lufthansa. Das Papier habe die Kursturbulenzen des Gesamtmarktes einfach überflogen. Andere wie die Commerzbank empfehlen ernsthaft ein Papier wie Adidas-Salomon, dessen Sportprodukte Sportler vielleicht schneller, dessen Rendite aber Aktionäre bisher kaum reicher gemacht hat. Auf der Kaufliste außerdem Preussag, Bayer und RWE. Old-Economy läßt grüßen.

Wer sich mit Telekommunikationswerten trösten wollte, wird wenig Spaß gehabt haben. Die Telekom präsentiert sich so zerrupft wie der kahlköpfige Werbeträger Manfred Krug nie mehr wird sein können. Schwacher Trost fürs angegriffene Depot ist allenfalls die Internet-Tochter T-Online.

Alle Fans der spanischen Telefonica verfluchen spätestens seit dem geplatzten Deal mit der niederländischen KPN die Tatsache, dass der spanische Staat eben immer noch am längeren Hebel sitzt. Die ersten Analysten übrigens ziehen jetzt Parallelen zum großen Crash 1929. Viele Daten stimmten überein, auch damals war der Glaube an neue Unternehmen aus der Transport- oder Radiobranche riesig, vergleichbar mit der heutigen Euphorie fürs Internet. Damals, 1929, knallte es im Monat Oktober. Wie gut, dass eine alte Börsenregel gegen diese These spricht: Sell in May - buy in October.