Börsen-Kolumne: Dax-Geflüster - DER SPIEGEL
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Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Wenn kräftiges Wirtschaftswachstum tiefe Furchen in die Stirn erfahrener Händler gräbt, dann liegt das vornehmlich an einem Mann. US-Notenbankchef Alan Greenspan hat an der Zinsschraube gedreht. Und er ließ es sich nicht nehmen, zusätzlich die Furcht vor weiteren Schritten zu schüren. In der kommenden Woche fangen jene Anleger, die zu Jahresbeginn in Dax-Werte eingestiegen sind, wieder bei Null an.
Von Stefan Wolff
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Vor der erwarteten Runde hatten sich die Händler noch auf die Brust geschlagen. "Höhere Zinsen sind schon in die Kurse eingearbeitet", so lautete das Credo jener, die nicht damit rechneten, dass sie auch weiter mit angelegten Daumenschrauben agieren werden müssen. Inzwischen sehen Volkswirte den wichtigsten Leitzins in den USA bis auf sieben Prozent steigen, einige nennen als Ziel gar 7,5 Prozent. Das wäre ein ganzer Prozentpunkt über dem aktuellen Satz.

Für Aktien ist das pures Gift, und die Aussicht, dass der Schirlingsbecher erst zur Hälfte geleert ist, lässt eben keine Freude aufkommen. Händler entdecken die alten Weisheiten des Trainerfuchses Sepp Herberger: Nach der Zinserhöhung ist vor der Zinserhöhung.

Aber so richtig rund ist die Sache nicht. Zwar erwies sich der Aktienmarkt in den vergangenen Tagen als "äußerst nervös - doch standen nicht die zinssensiblen Werte im Fokus, sondern erneut Hightech-Aktien.

Einige Marktteilnehmer sehen da schon das Ende des ehernen Gesetzes "Zinsen rauf - Banken runter". "Banken haben heute die Möglichkeit, sich gegen Zinsrisiken abzusichern", heisst es bei Analysten. Viel härter treffe es dagegen die Start-ups aus der Internet- und Computerbranche. Diese Firmen seien von Investitionen abhängig und solche gerieten zu Zeiten höherer Zinsen eben auch teurer.

Dazu ist das Vertrauen in den Neuen Markt geschwunden. Die einstige Gelddruckmaschine stottert. Viele Börsengänge bereichern nur die Firmenbesitzer. Noch vor der Erstnotiz hat es Boo.com erwischt. Die Pleite des E-Commerce- Unternehmens hat gezeigt, dass es vielen Werten zwar nicht an Fantasie mangelt, wohl aber das Bargeld ausgehen könnte. Ein Grund, warum immer mehr Hightech-Freunde auch mal auf Fundamentaldaten schauen und prompt den am Freitag vermeldeten Gewinneinbruch bei Teldafax mit einem Kursabschlag von 11,5 Prozent abwatschten.

Auch bei den Standardwerten fehlt momentan schlicht der Glanz in der Hütte. Das Fusionsdebakel Deutsche/Dresdner hat den ehemaligen Juniorpartner als Schiffbrüchigen hinterlassen. 440 Millionen Euro legt die Beraterbank zurück, um ihre Berater bei der Stange zu halten. Gerade die Investmentbanker der Ertragsperle Kleinwort Benson sahen im Zuge der Fusionsbestrebungen das grüne Band der Sympathie zerschnitten und müssen nun mit einigen Leckerlis wieder auf Kurs gebracht werden. Während Börsianer die Rücklagen abstraften und sich ob des geplanten Abrisses von 300 Filialen fragen, ob die Dresdner nur noch virtuell beraten will, sehen ein paar Analysten das Bankhaus wieder auf dem aufsteigenden Ast. Das Hau-Ruck-Programm sei notwendig und werde erfolgreich sein, sagen sie und sehen Dresdner-Papiere auf 60 Euro steigen, das allerdings mittel- bis langfristig.

Viel Schelte gab es auf der BMW-Hauptversammlung für den zerknitterten Zehn-Pfund-Schein, den Preis für Rover. Offenkundig versucht sich nun auch Ford in der Schnäppchenjagd und will nicht den vollen Preis für Land Rover zahlen. Branchenkenner befürchten nun, dass der BMW-Kurs bis auf 24 Euro durchsacken könnte. Die Schuld aber schieben sie den Großaktionären aus dem Hause Quandt zu. Die hätten auf dem Aktionärstreffen endgültig die Luft aus jedweder Fusionsphantasie gelassen.

Richtig gebeutelt hat es mal wieder die T-Aktie. Im März noch bei 103,50 Euro auf Rekordhoch hat der Wert sich fast halbiert. Und während einige Auguren schon den Börsengang der dritten Tranche auf unbestimmte Zeit verschoben sehen, vermuten insbesondere die Händler auf dem Frankfurter Parkett eine klare Strategie hinter dem Rutsch: Anleger sollen günstig an neue T-Aktien herankommen, ordentlich daran verdienen und damit richtig heiß gemacht werden. Auf den Börsengang der Mobilfunktochter T-D1. Herrn Eichel wird es nicht freuen.