Börsen-Kolumne: Dax-Geflüster - DER SPIEGEL
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Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Der Deutsche Aktienmarkt hängt am Tropf der USA. Und während sich die US-Technologiebörse Nasdaq zur heimlichen Weltleitbörse mausert, sorgten hierzulande enttäuschende Hauptversammlungen und zurückgezogene Börsengänge für anhaltend schlechte Laune.
Von Stefan Wolff
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Wer Analysten um sich versammelt, der muss auch gute Geschichten in petto haben. Für aufgewärmte Süppchen haben die Experten wenig übrig. Das bekamen die Aktionäre der Allianz zu spüren. Nach einem Treffen bei dem Versicherer hagelte es Verkaufsempfehlungen. "Nichts, was wir nicht schon wussten", hieß es. Dabei hätte eigentlich klar sein müssen, welche Informationen für gutes Wetter gesorgt hätten. Wie geht die Allianz mit Eichels Steuergeschenk um?

Die Allianz sitzt auf ungezählten Beteiligungen. Diese zu veräußern soll steuerbefreit werden, weil die ineinander verflochtenen Konzerne der Deutschland AG ansonsten bis Sankt Nimmerlein auf ihren Aktienpaketen sitzen würden. So aber ist ein frischer Wind in der Unternehmensstruktur zumindest möglich. Die Steuerreform ist nach Ansicht von Experten längst noch nicht in den Aktien verarbeitet. Und schließlich sollen die Firmen in ihren Sparten glänzen, nicht im Beteiligungsgeschäft.

Mehr und mehr zur Holding entwickelt sich auch die Deutsche Telekom. Wenn das Mobilnetz T-D1 erst einmal an die Börse gebracht ist, hält der Ex-Monopolist zwar noch große Teile an den Filetstücken Internet und Mobilfunk. Aus der T-Aktie scheint dann aber die Luft raus. Denn die Branche rotiert international mit einer hohen Schlagzahl. Während die France Télécom offenkundig mit Orange verhandelt und die spanische Telefónica sich sukzessive im lateinamerikanischen Markt breit macht sowie über die Tochter Terranet mit dem Kauf von Lycos die Tür in die USA weit aufstößt. Die Aktionäre der T-Aktie mussten sich dagegen mit einem dünnen "wir suchen einen Partner in den USA" aus dem Munde Ron Sommers bei der Aktionärsversammlung begnügen.

Schließlich wird die Telekom mehrere Milliarden aufbieten müssen, um bei der nahenden Versteigerung der UMTS-Lizenzen dabei zu sein. Und wann sich diese Investitionen rechnen, ist offen. Einen Gewinner neben dem Staatssäckel haben Devisenexperten im Euro ausgemacht. Sollten nämlich außer europäischen Bietern auch Unternehmen wie MCI-Worldcom das Rennen machen, würden Dollar-Investitionen in den Euroraum fließen. Bislang verliefen die Ströme umgekehrt.

Unter Strom stehen indessen die Anteilseigner bei VW. Schließlich lagen die Stämme vor Jahresfrist noch bei 67 Euro. Gut 20 Euro weniger liegen jetzt pro Papier in den Depots, eine Spanne, die genug Raum ließ, für unangenehme Fragen auf der Hauptversammlung. Positive Nachrichten? Weitgehend Fehlanzeige.

Als gute Nachricht verpackt präsentierte man bei Thyssen-Krupp die Halbjahreszahlen. Doch ein fast verdreifachter Ertrag erinnerte die Anleger lediglich daran, wie schlecht es im Vergleichszeitraum lief und dass Thyssen unfusioniert schon profitabler war, und das, während die Stahlbranche boomt. Die Verluste der Thyssen-Krupp-Papiere waren schon fast dem Neuen Markt gerecht.

An der "Wachstumsbörse" haben jene Anleger, die zu Jahresbeginn eingestiegen sind, durchschnittlich zehn Prozent ihres Geldes verloren. Die Stimmung in der einstigen Goldgrube ist schlicht mies. Inzwischen haben auch Unternehmen ihr Vertrauen verloren. Immer mehr kneifen vor dem Börsengang. Die Internet-Einkaufsgemeinschaft "Letsbuyit.com" zog ihre Ameisen so überstürzt zurück, dass die possierlichen Werbefiguren noch über die Fernsehschirme wuseln. Jetzt zeichnen?

"Nur, wenn es sich jetzt schon lohnt", sagen jene, die zu vorsichtigen Zukäufen raten. Bei Unternehmen, die jetzt schon Gewinne machen, könnte es sich lohnen, die Aktien vom Boden aufzulesen. Auch die Analysten schauen inzwischen wieder auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis, statt auf das Kurs-Visions-Verhältnis. Denn über mangelnde Phantasie kann man bei genannten Dax-Werten klagen, nicht aber bei Internet-Titeln. Doch Luftblasen sättigen nicht.