Börsen-Kolumne Dax-Geflüster
Hamburg - Kaum ein Papier ist mit so eindeutiger Gewinngarantie an der Börse gestartet wie Infineon. Schon vor der Emission war klar, dass Papiere der Siemens-Tochter das Kriterium der Marktkapitalisierung erfüllt. Die Forderung der Experten nach einer Blutauffrischung im Dax ließ ahnen, dass die Zahlen auch beim Umsatz stimmen würden.
Denn das ehrwürdige Marktbarometer hinkt seit geraumer Zeit hinter den Hightechwerten her. Werte wie Karstadt oder MAN reißen keinen Anleger vom Stuhl, die Musik spielt bei Siemens, Telekom oder SAP. Mitte März starteten Infineon mit 35 Euro. Am Freitag, nachdem in einer turbulenten Schlussauktion die neue Gewichtung der einzelnen Aktien bestimmt wurde, schlossen Papiere der Siemenstochter mit 83 Euro.
Damit haben Infineon die Erfolgsstory der anderen Siemenstochter fort geschrieben. Epcos etablierten sich nach einem Ausgabekurs von 32 Euro schnell deutlich oberhalb der 130er-Marke. Als jedoch Epcos Ende Februar in den Dax aufgenommen wurde, gaben die Kurse erst einmal nach. "Gewinnmitnahmen", hieß es lapidar. Wer also bei Infineon weiter auf rasante Gewinne gehofft hat, der kommt wahrscheinlich erst einmal zu spät. Denn der Anstieg um 3,50 Euro vom Freitag dürfte erst mal die Luft ein wenig einschnüren.
Dafür bieten einige von der Neugewichtung gebeutelte Aktien durchaus passable Einstiegskurse. ThyssenKrupp zum Beispiel beendeten die Woche mit 17,50 Euro. Nach der großem Enttäuschung über die Halbjahreszahlen und der entsprechenden Strafaktion im Aktienhandel haben sich viele Analysten wieder besonnen und erst jüngst ThyssenKrupp zum Kauf empfohlen. Eine anspringende Konjunktur für Stahl und gestiegene Rohstahlpreise könnten die Papiere wieder auf Sechs-Monats-Hoch treiben, heißt es allenthalben. Und dieses Hoch lag immerhin bei 33,95 Euro.
Zufrieden zeigten sich die Börsianer auch mit dem Kompromiss zum Atomausstieg. Nicht, dass sich auf dem Parkett nur Solar-Fans tummeln, aber Unsicherheit ist ein schlechter Motor für steigende Kurse. Auch ohne Atomstrom dürften die Gewinne bei E.ON sprudeln, heißt es. Zudem verbindet sich mit den Auflagen der Europäischen Kommission bei den Fusionen Viag/Veba und RWE/VEW eine Menge Spekulationspotential.
Beide Riesen müssen sich von einer Menge Beteiligungen trennen, unter anderem von Veag- und Bewag-Anteilen. Die Veag soll gestärkt werden, um einen Duopol E.ON/RWE neu zu verhindern. Da Veag nicht börsennotiert sind, könnte sich die Gerüchteküche in absehbarer Zeit auf die Bewag, einen M-Dax-Wert , stürzen. Als Käufer für die brach liegenden Anteile wird die US-amerikanische Southern Company gehandelt. Noch, so heißt es bei den Analysten, sei diese Story nicht gespielt worden.
Generell wähnen sich die Märkte bereits im Sommerloch. Das erste Halbjahr sei so turbulent gewesen, dass eine Atempause nötig sei, sagen Händler. Dabei war vor kurzem noch von einer anstehenden Sommerrallye die Rede gewesen. Umfragen haben ergeben, dass die Mehrheit der Marktteilnehmer bullish ist, also höchst optimistisch. Das kann ein gutes Zeichen sein, birgt aber Gefahrenpotential. Wer den Aktienmarkt zu optimistisch sieht, sitzt Kursdellen aus, kauft eventuell zu. Die Ignoranz einer schleichenden Baisse kann jedoch schnell in einer Verkaufspanik enden, wenn zu viele Optimisten einen plötzlichen Gesinnungswandel vollziehen. Momentan jedoch steht die Stimmung auf neutral.
Ein positiver Aspekt: Nachrichten wirken wieder. SAP profitierten von dem größten Auftrag der Firmengeschichte. Nestlé ließ sich für das Internetprogramm MySAP.com begeistern. Absoluter Überflieger waren Web.de. Der Internet-Dienstleister strebt auch in das lukrative Firmengeschäft. Aktien zogen um knapp 30 Prozent auf 20 Euro an - An einem Tag.
Wer braucht da noch Fusionsgerüchte bei den Banken? Das Munkeln um ein Verschmelzen von Commerzbank und Dresdner jedenfalls rissen niemanden so richtig vom Stuhl.