Börsen-Kolumne Dax-Geflüster
Hamburg - Für Staatsunternehmen brechen harte Zeiten an. Dax-Schwergewicht Telekom - mit 15 Prozent erdrückend an der Index-Bildung bei den Top-30 in Deutschland beteiligt - verloren im Euro Stoxx 50 empfindlich an Gewicht. Denn vom Herbst an zählt nicht mehr der Unternehmenswert, sondern der Wert der frei erhältlichen Aktien.
Fonds-Manager, die mit ihren Portefeuilles das Barometer exakt abbilden, reagierten sofort. Denn bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau geparkte Aktien sind nun mal nicht erhältlich. Auch bei der France Telekom gab es empfindliche Einschnitte.
Was einst als Stärke galt, ist nun die Achillesferse deutscher Aktiengiganten. Denn die Deutschland AG mit ihren ineinander verstrickten Beteiligungen führt ebenfalls zu Gewichtsverlust bulimischer Ausmaße. Allianz und Münchner Rück haben durch ihre Überkreuz-Engagements so viele Aktien fest geblockt, dass auch sie einen bescheideneren Beitrag bei der Indexfindung leisten dürfen.
Höchste Zeit also, dass die avisierte Steuerfreiheit beim Verkauf inländischer Beteiligungen greift - damit dieser gordische Knoten endlich zerschlagen wird. Vorteil des gegenseitigen Würgegriffs ist allerdings die fast gänzliche Immunität gegen feindliche Übernahmen, wie sie die Free-Float-Firma Mannesmann mitmachte. Aber auch hohe Aktienkurse schützen vor solchen Avancen.
Was wiederum die weiter gebeutelten Autotitel und die von den Börsianern als langweilig empfundenen Konsumwerte zu Kandidaten macht. Für Musik sorgten Metro. Erst hieß es, der Konzern wolle sich von seiner Supermarktkette Real trennen, dann stand auf einmal der ganze Konzern zur Disposition. Ein Kauf durch Wal-Mart wäre kartellrechtlich kein Problem. Der US-Handelsriese, der hierzulande durch ständige Medienpräsenz europäische Größe suggeriert, kommt in Deutschland auf einen Marktanteil von zwei Prozent. Und ein Weltkartellamt lässt weiter auf sich warten.
Die wahre Weltmacht gehört weiter den New Yorker Börsengurus. Neues Misstrauen in die Internet- und Halbleiterbranche ließ Kurse um bis zu 40 Prozent einknicken, was auch Dellen am Neuen Markt hinterließ. Diese Orakel haben gelegentlich erstaunlich kurze Halbwertszeiten, und es drängt sich der Verdacht auf, dass einige Analysten für Verkäufe sorgen, wenn sie selbst gerade short sind.
Dass beim E-Commerce der Marktdarwinismus langsam wirkt, scheint indes unbestritten. Kein Börsianer glaubt, dass es in absehbarer Zeit sechs Internet-Buchhändler schaffen werden. Die Nervosität nimmt zu. Von daher werden Hiobsbotschaften gern gehört. Ein Börsenbrief übernahm die Rolle des Sensenmannes und verpasste gleich acht Unternehmen des Neuen Marktes den Todeskuss, was zu Verlusten bis 15 Prozent führte. Mit solchen Vorhersagen wird auch in den kommenden Wochen zu rechnen sein. Deshalb empfiehlt sich beim Aktienkauf mehr denn je ein Blick auf die Bilanzen.
Schon in der vergangenen Woche sorgten Met@box für Aufsehen. Drei neue Aufttraggeber hat die Firma bis dato präsentiert. Schwindelerregende Kurssprünge waren die Folge. Internet-Zugang vom Fernseher aus scheint langsam interessant zu werden. Ob jedoch die Aktie beim Stand von über 209 Euro interessant ist, darf bezweifelt werden. Am Montag läuft die Spekulationsfrist aus. Mal sehen, wer der Versuchung widerstehen kann, steuerfrei Gewinne einzusacken. Das gilt vor allem für jene Anleger, die bei 19 Euro eingestiegen sind.
An der Großwetterlage dürfte sich auch in der kommenden Woche wenig ändern. Es sind Ferien, die nachrichtenarme Zeit hält an. Mit Spannung erwartet wird der EADS-Börsengang am Montag. Der neue Luft- und Raumfahrt-Riese wird als interessanter Kandidat eingestuft. Einige internationale Investoren könnten ihre Luftfahrt-Portefeuilles auf Kosten von Boeing mit EADS aufpeppen.
Auch wenn die Struktur des Unternehmens als mit Fragen behaftet gilt, ist der Konzern nach Analystenmeinung gut positioniert. Der hohe Rüstungsanteil garantiere eine stabile Auftragslage. Für pazifistische Airbus-Fans ergibt sich allerdings ein Dilemma.