Börsen-Kolumne Dax-Geflüster
Hamburg - Spürbares Aufatmen bei den Schwergewichten. Bis zum Jahr 2002 werden sie ihre Hauptrollen behalten, denn die Gewichtung im Index wird so lange noch an der gesamten Marktkapitalisierung gemessen, also dem Wert aller Aktien. Erst danach wollen die Börsenkommissare genau zählen. Dann nämlich sind nur noch die Papiere relevant, die frei erhältlich sind, im Fachjargon Streubesitz genannt. Eine Schonzeit also für Unternehmenstöchter wie Infineon, für ineinander verschachtelte Unternehmen wie Allianz, Münchner Rück und die Banken, vor dem Rutsch gerettet auch das Quasi-Staatsunternehmen Telekom. Etwa 50 Prozent hält da bekanntermaßen noch der Bund.
Der unangetastete Status Quo verhalf genannten Aktien zu deutlichen Kursaufschlägen. Selbst ein Verschieben des Börsengangs von T-Mobil konnte die Laune nicht trüben. Ganz im Gegenteil, auch hier gab es Applaus sogar seitens notorischer Telekom-Nörgler. Selbst wenn der Kauf des Anbieters VoiceStream nicht dazwischen gekommen wäre, ist ein solcher Schritt sinnvoll, sagten die Händler. Schließlich sind Börsengänge in letzter Zeit eher auf den dornigen Teil der Rosen gebettet und mit dem Image der Telekom steht es ebenfalls nicht zum besten. T-Online liegen am Boden und die T-Aktie selbst ist immer noch von der 50-Euro-Marke ein gutes Stück entfernt, auch wenn es wieder aufwärts ging.
Generell läßt sich jedoch sagen, dass der Aktienmarkt langsam aus der Sommer-Siesta erwacht. Neue Hoffnung gaben dabei positive Ausblicke in der Hightech-Branche. In den USA legten Cisco Systems und Dell erfreuliche Unternehmensdaten vor, ein Umstand, von dem auch der Neue Markt profitierte. Auch Börsengänge können nach längerer Durststrecke wieder profitabel sein. So zogen Papiere des Börsenneulings Lion Bioscience zum ersten Kurs auf 65 Euro an. Der Ausgabepreis hatte bei 44 Euro gelegen. Leichte Gewinnmitnahmen im Anschluss
Und während sich die Prognosen für den Biotech-Sektor förmlich überschlagen, sind Experten bei der klassischen Chemie deutlich reservierter. Alle in der zurück liegenden Woche veröffentlichten Daten lagen am unteren Rand der Erwartungen, was den Kursen von BASF und Bayer deutlich zusetzte. Erst zum Wochenschluss erholten sich die Papiere leicht. Dabei dürften Chemiepapiere nach Einschätzung von Branchenkennern außerordentlich vom ansetzenden Konjunkturaufschwung profitieren.
Nachholbedarf attestieren Börsianer auch den Autowerten, aber von einer Renaissance kann man nach den gelinden Erholungstendenzen nicht sprechen. Vom Augenschein her liegen da Schnäppchen, sagen Händler, die auf altbekannte Kennzahlen zurück greifen. So ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bei VW mit 10,8 lächerlich niedrig. DaimlerChrysler locken mit einem KGV von 8,9. Als normale Kennzahl bei Dax-Werten gilt 15 bis 20. Hoch dagegen sind die Werte bei den Hightech-Unternehmen. SAP zum Beispiel bringen es auf 80,3.
Dennoch rechnen viele Händler damit, dass im Zuge einer Erholung der Aktienmärkte weiter vor allen Dingen Hightech den Markt bestimmen wird. Obwohl: Langsam kündigt sich eine Renaissance der "Old Economy" an. Klammheimlich markierte der M-Dax in dieser Woche ein neues Allzeit-Hoch.
Es gibt kaum einen Grund, der gegen steigende Kurse spricht, sagen Händler. Der Export brummt, in den meisten Branchen sprudeln die Gewinne. Einziger Wermutstropfen ist der niedrige Euro. Die Gemeinschaftswährung fiel im Wochenverlauf unter die 90-Cent-Marke und markierte dort ein Elf-Wochen-Tief. Erst die Warnungen der EZB vor Inflationsgefahren ließen die Devise wieder aufleben. Spätestens im September rechnen Experten nun mit einem Zinsschritt, und da viele in den USA schon das Gipfelkreuz des Zinsberges sehen, würde der Renditeabstand schrumpfen. Das würde dann wohl auch ausländische Devisenhändler zu einem Szeneapplaus für den Euro hinreißen. Sollte tatsächlich der Euro jene Höhen erreichen, zu der die Währungshüter ihre Devise seit Monaten hinauf beten, dürfte das die Exportwirtschaft nicht weiter stören. Noch vor zwei Jahren hieß es da, mit einem Dollar bei 1,80 Mark sehr gut leben zu können.