Börsen-Kolumne Dax-Geflüster
Herr Künzel weiß das so genau, weil er in die Bibel geschaut hat, nicht gerade die tägliche Standardlektüre von Analysten. Und bei Moses und Matthäus (Kapitel 5, Verse 17-20) hat er gelesen, was die Welt falsch gemacht hat: Sie hat anders als Gott es gewollt habe die Welt nach Jesu Tod nicht 281 Jahre lang ruhen lassen, sondern munter Eisenbahn, Auto und Computer entwickelt.
Das werde sich jetzt rächen, sagt Bibelleser Künzel voraus. Und anfangs kam er auch ins Gespräch mit Börsianern. Mittlerweile ziehen alle an ihm vorbei, nehmen seine Sondermarken nicht mehr an. Sie haben genug mit sich und der Wirklichkeit zu tun. Klammheimlich mag sich mancher fragen: "Hat der Bibelheilige Recht ?
Immerhin ist der Deutsche Aktienindex Ende der Woche kurz unter die Marke von 7000 gefallen. Und als es besser wurde, kamen Verkaufsempfehlungen für T-Online mit einem Kursziel von 18 Euro, ein Drittel unter dem Emissionspreis von 27 Euro, 60 Prozent unter dem einmal gesehen Höchstkurs von 44 Euro. Und am Freitag Nachmittag wurden die Händler wieder an die schon vergessenen "Todeslisten für den Neuen Markt erinnert, als nämlich Gigabell seinen Insolvenzantrag stellte. Dass Infomatec am selben Tag um 90 Prozent auf sechs Euro stiegen, war nur ein schwacher Trost. Denn der Wackelkandidat, den WestLB und Sal. Oppenheim am Neuen Markt nicht mehr betreuen wollten, hatte im letzten Moment zwei neue Betreuer gefunden. Die braucht ein am Neuen Markt gelistetes Unternehmen, damit auch bei geringen Umsätzen immer Kurse gestellt werden, sonst fliegt es raus aus dem Börsensegment. Von ihrem Allzeithoch von 60 Euro sind Infomatec immer noch meilenweit entfernt. Das Ende vom Lied war ein DAX-Schluss knapp unter 7.000 Zählern, etwa der Stand vom Jahresanfang.
Was also tun? Rückzug auf die Qualitätswerte, auf Allianz etwa? Der Markt hatte der Aktie trotz eines Gewinnsprungs von 30 Prozent zum Halbjahr einen Kursdämpfer verpasst. Nein, gute Nachrichten wollen die Börsianer nicht hören.
Sie ziehen, ihrer Natur nach, die Spekulation vor und holten sich deshalb VW oder Lufthansa. VW will eigene Aktien zurückkaufen. Warum? Vielleicht um damit einen LKW-Hersteller zu kaufen? Und Lufthansas machtbewusster Chef Jürgen Weber hat nichts dagegen, dass die Deutsche Post AG die Führung bei der gemeinsamen Beteiligung DHL übernimmt. Warum nicht? Weil die Lufthansa ihre Cargo-Sparte später in diesen Konzern einbringen will? "Abwegig ist das nicht", sagte der Börsenchef einer Privatbank.
Man braucht schon mutige Ideen in einem Währungsgebiet, das angelsächsische Investoren meiden wie der Teufel das Weihwasser. Selbst als Wim Duisenberg, der Präsident der Europäischen Zentralbank, sich aus der Sommerpause zurückmeldete und ausprobieren wollte, wie Eurokäufe der EZB wirkten, reichte seine Neuigkeit vielleicht für 30 Minuten Euro-Karriere über der Marke von 87 amerikanischen Cents. Dann ging der Euro wieder auf Talfahrt. Interventiönchen wollen die Märkte nicht sehen, sondern kräftige Interventionen. Erst wenn alle Zentralbanken dieser Welt, vor allem die in Amerika, Japan und Frankfurt am Main, wenn die alle Euro kaufen, dann würde sich die Stimmung vielleicht ändern. Vielleicht. Denn die Gemütslage ist so, dass auch dann gesagt würde: "Wenn der Euro so was nötig hat, dann lasst die Finger davon."
So ziehen also die Bären in den Börsensaal. Den einzigen Mut, den sie aufbringen, ist der, Bibelleser Künzel aus Hagen draußen vor der Tür allein zu lassen.